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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-15 · 22 (15.11.1934) · p. Seite 463

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
22 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
Seite 463 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 463 jüdische Jugend die Einführung von Arbeitsdienst]ahren, die Erziehung in Wehr- und Geländesportlagern, nicht etwa um sich assimilatorisch wiederum der Außenwelt anzupassen, sondern um mit den Mitteln einer straffen Disziplin die Möglichkeit zu haben, die Kräfte der jüdischen Jugend für jüdische und aucli deutsch-kulturelle Dinge konzentrieren zu können zu einer Erneuerung des deutschen Judentums, zu der der Führer dieser Bewegung, Hans Joachim Schoeps, in seiner Schrift „Wir deutschen Juden"2 glaubt, Wege aufzeigen zu können. Es ist dieser, sich selbst grundsätzliche Bedeutung beilegenden Schrift, von allen Seiten attestiert worden, daß es ihr .in keiner Weise etwa gelungen ist, tatsächliche Lösungen aufzuzeigen. Was sie trotzdem Beachtung verdienen läßt, ist eben das grundsätzliche Bemühen um die Gewinnung eines produktiven Nebeneinanders unseres Besitzes an jüdisch- und an deutsch-kulturellen Gütern, das Ringen um die Formel, durch die die jüdische und die deutsche Komponente unseres Seins in Beziehung gebracht werden können. In einem entscheidenden Punkt ist jedoch Folgendes von Schoeps übersehen: Der gewaltige Rahmen der heutigen deutschen Jugendbewegung erfährt seinen Sinn und seine Erfüllung doch eben erst dadurch, daß er sich als Instrument einem allgemein und bedingungslos anerkannten Führer zur Verfügung stellt. Er aber fehlt unserer jüdischen Jugend. Die Frage steht daher offen: Was nun mit unserer jüdischen Jugend? Um es vorweg zu nehmen: Die gegenwärtige Situation der jüdischen Jugendbewegung ist zu neuartig, als daß es ihr schon gelungen sein könnte, Lösungen zu finden. Das äußere Bild schon zeigt das: Eine geradezu ungeheure Zersplitterung der jüdischen Jugend, im großen zwar entsprechend den bestehenden innerjüdischen Richtungen, nach den verschiedensten Gesichtspunkten jedoch noch untergeteilt und abschattiert. Wenn auch, solange der echte Ring nicht gefunden ist, jedermann das Recht hat, den seinigen als den allein echten auszugeben, haben Einsichtige in allen Lagern doch bereits die Gefahr erkannt, die in der Kräftevergeudung dieses Nebeneinanders und Gegeneinander liegt. Wenn auch formell noch nicht zur Maxime erhoben, so wird doch immer deutlicher die Forderung gestellt, daß der Primat der gesamtjüdischen Belange vor denen der speziell innerjüdischen Parteiungen zuerkannt werden mürsen. Eine große Jugendorganisation, der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, hat diese Forderung nach einer gesamtjüdischen Haltung und ihre Propagierung zu dem alleinigen Inhalt seines Programms gemacht. Es kann auch gesagt werden, daß verschiedene Symptome, wie die in der jüdischen Presse mit steigendem Nachdruck erhobene Forderung nach Schaffung eines Reichsverbandes der deutschen Juden, sowie nach einem satzungsmäßigen Ausbau der Stellung der Reichsvertretung der deutschen Juden, nichts anderes ist als ein Niederschlag dieses sich offenbar auf dem Marsch befindlichen Gedankens der Betonung der innerjüdischen Einheit. Damit würde dann allerdings die jüdische Jugend einem Ziel näherkommen, dem auch die deutsche nachstrebt, dem der Einheitlichkeit und Ausschießlichkeit in der Erfassung und im Kräfteeinsatz aller Gemeinschaftszugehörigen. Hierzu aber muß festgestellt werden: Es sind ungeheure qualitative Voraussetzungen, die dieser Weg von der jüdischen Jugend fordert, in einer Zeit, die zweifellos schon als solche als kritisch anzusprechen ist, eine Zeit, von der Ortega y Gasset sagt, daß die Massen der Ungeistigen aufstehen gegen die Elite der Geistigen und für sich in Anspruch nehmen, daß ihre Mittelmäßigkeit und nicht mehr die Spitzenleistung maßgebend sein soll. 2 Dazu „Gemeinde-Ztg." 1934 Nr. 17, S. 351 ff. Denn die Grundlage einer fruchtbaren Fortentwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland kann nur bilden die Wiedererweckung eines Kultursinnes. Die Wiederschaffung einer Gemeinschaft, die Trägerin, Bildnerin wirklichen Kulturgutes sein kann, die fähig wäre, ihr eigenes Leben zu beseelen und darüber hinaus ihre Zeit zu einer geistigen zu gestalten. Das wäre eine Mission! Und für die Reife hierzu kann ein Abschluß von der Umwelt — so unfreiwillig er ist — nicht von Nachteil sein. Schon einmal hat die jüdische Gemeinschaft aus sich selbst heraus Gedankengut geschaffen, von dem die Kultur der Welt noch heute sich nährt. Warum sollte heute eine jüdische Gemeinschaft nicht wenigstens Hüterin kultureller Tradition sein können? Diese Aufgabe darf nicht mißverstanden werden! Manche erklären mit trotzigem Seitenblick auf entsprechende Vorgänge auf nichtjüdischer Seite: Jawohl, wir Juden wollen Wahrer und Förderer kulturellen Gutes sein. Aber es kann sich hierbei für uns nur handeln um die Bildung und Pflege jüdischer Eigenart, betont jüdischen Wesens. Eine solche Tendenz müßte zur Einseitigkeit, zur Unfruchtbarkeit führen. Die Männer und die Generationen, die diejenigen Leistungen hervorbrachten, die das Judentum als seine klassischen und ureigensten betrachtet, wollten nicht betont jüdisches schaffen. Sie schufen selbstverständlich jüdisches, weil sie nicht betont, d. h. mit Front oder Spitze gegen andersartiges, sondern weil sie selbstverständlich jüdisch waren. Er gilt sich zwar seines Judentums bewußt zu sein, bewußt einer viel tausendjährigen eigenen Geschichte und Tradition, offen aber auch den Werten der Welt, in der wir nunmehr seit Geschlechtern leben und von denen wir auch sagen dürfen, daß sie unser sind. Es gilt sich des doppelten Besitzes und der doppelten Verpflichtung bewußt zu sein. Das große Problem lautet: Wird die deutsche Judenheit, wird die jüdische Jugend in der Lage sein, wird sie noch stark und unverbildet genug sein, um eine solche Oase bilden zu können, oder sind auch sie schon in den Wirbel des unrettbaren geistigkulturellen Niederganges des Abendlandes hineingerissen? Wir wollen offen sein: Manches spricht dafür. Wie vielen von uns ist heute noch das Werk unserer jüdischen Denker, das Schaffen, aber auch eines Kleist, eines Goethe, eines Hölderlin wirklich gefestigter Besitz? Vielleicht noch vor zwei Generationen konnte man das von dem Gros der Gebildeten aus unseren Reihen mit Sicherheit behaupten. Unsere Jugend dagegen ist leider auch in ihrer geistigen Unfundiertheit nur allzusehr der Zeit verbunden. Aber vielleicht schlafen die Kräfte nur und lassen sich wekken. Man kann hier nicht prophezeien, man kann nur das Experiment machen. Das kann aber, wie schon betont, nicht bedeuten, daß es etwa genügen würde, eine Jugendbewegung in der bisher gewohnten Prägung am Leben zu halten, eine kleine Garde, auf die die Masse der Uninteressierten verweisen kann und sagen: Dort sind ja die, die sich dieser Dinge annehmen, uns gehen sie nichts an. Gewiß, die jüdische Jugendbewegung wird der lebendige Initiator jüdischen Eigenlebens noch stärker werden mürsen als bisher. Sie wird auch zu diesem Zweck, wie ebenfalls schon angedeutet, sich zu reorganisieren haben: insbesondere werden die kleinen und kleinsten Gebilde, die wir auch in der jüdischen Jugendbewegung gänzlich separiert bestehen sehen — unbeschadet der Möglichkeit einer Weiterpflege ihrer Sonderinteressen —, mehr als bisher zu der Gesamtheit der jüdischen Jugend, die als solche organisatorisch erfaßt werden muß, zu stoßen haben, wie dies entsprechend auch in der deutschen Jugendbewegung geschehen ist. Bei dieser Konzentration wird zu vermeiden sein, daß die jüdische Jugendbewegung zu einer Massenbewegung wird, in die der einzelne unter Aufgabe seines Selbst sich eingliedert in dem Gefühl, Münchener Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes i, B. 81. November Hauptsynagoge: Chorkonzert; Solist Oberkantor I. Alter (Hannover) 6. Dezember Museum: Rezitationsabend Edith Herrnstadt>Oettingen (Berlin) 20. Dezember Hauptsynagoge: Symphoniekonzert; Solistin Charlotte Bosen (Berlin)

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