Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 22 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- Seite 462 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 Für den Großteil der deutschen Juden, der auch weiterhin sein Leben auf deutschem Boden, wenn auch als rechtliche Minderheit, so doch im vollen Mitbesitz des Kulturgutes unserer Umwelt führen wird, ergibt sich jedenfalls unmittelbar hinter den wirtschaftlichen Fragen der Existenz die Notwendigkeit einer geistigen Bereitschaft für seine Sendung auf diesem Boden. Warum aber ist es gerade die Jugend, der hierbei eine Rolle zukommen kann? Unsere Zeit hat eine ganz außergewöhnliche Gewichtsverschiebung innerhalb der Altersklassen zugunsten der Jugend als solcher gebracht. Wohl kennen wir aus allen Zeiten Beispiele überragender Leistungen und Erfolge Jugendlicher: Der zwanzigjährige Alexander erobert einen Erdteil, der jugendliche Bonaparte wird Konsul und Kaiser, und diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Das alles jedoch waren Einzelleistungen, die sich durchsetzten, die natürliche Struktur der Altersklassenschichtung und Altersbedeutung aber unberührt ließen. In unseren Tagen finden wir dagegen nicht etwa nur qualifizierte, einzelne Jugendliche, sondern eine ganze jugendliche Generation in Führerstellungen. Wenn wir in der Gegenwart in allen Ländern beobachten, daß heute ganz selbstverständlicherweise und auch regelmäßig das Endziel bedeutsamer öffentlicher Karrieren in einem Alter erreicht wird, in dem nach den Anschauungen einer nicht allzu fernen Vergangenheit höchstens deren Anfangsstadium hätte durchlaufen sein können, so zeigt uns dies deutlich die Gewichtsverschiebung zu gunsten der jungen Generation als solcher. Dieser Prozeß hat auch die jüdische Gemeinschaft ergriffen, wie aus der zahlreich geschehenen Hereinnahme von Jugendvertretern in Gemeinde- und Organisationsverwaltungen ersichtlich ist. Die geführte Generation wird zur führenden, die lernende zum Meister. Wie ist dies möglich? Die Antwort kann nur lauten: Weil die ältere Generation außerhalb des gesetzestreuen Judentums keine Werte, d. h. keine Tradition mehr zu bieten hatte; diese Erkenntnis gilt bezüglich der nicht rein religiösen Werte übrigens für die jüdischen wie für die nichtjüdischen Kreise Deutschlands, schon seit dem Einsetzen der sogenannten Jugendbewegung in den Vorkriegsjahren. Denn auch eine spezitisch jüdische oder deutschjüdische Tradition war nicht vorhanden. Die Jugend um 1900, ob jüdisch oder nicht, fand einseitiges Spezialistentum im Berufsleben, das ihr als ein entgeistigtes Leben vorkommen mußte, in dem Technik, Verkehr, Industrie und wieder Technik vorherrschten und das Leben immer weiter entseelten. Die Jugend aber war hungrig nach anderem. Sie reagierte gegen das Erstarrende, Mechanisierende, Nivellierende einer zivilisatorischen Entwicklung. Sie lehnte sich auf, die deutsche wie die jüdische Jugend, denn es war der Kampf einer im gleichen Milieu lebenden Generation gegen die für alle gleichmäßig unbefriedigende Entwicklung des alle gleichmäßig erfassenden Zeitgeistes. Uberraschend ähnlich sind die Formulierungen der Anklagen aus beiden Lagern gegen denselben Gegner. Aus einem Bericht von Hanns Reißner (im Dezemberheft des „Morgen" 1933) über die Entstehung des jüdischen Jugendbundes „Blau-Weiß" sei hier zitiert: „Unbefangenes Gefühl und reiner Instinkt junger Menschen lehnten sich gegen die Grundlagen des wilhelminischen Imperiums auf, gegen das steinerne Gefängnis der Großstädte, gegen die mörderische Abhängigkeit des arbeitenden Menschen unter der Herrschaft des Hochkapitalismus, gegen die Mechanisierung und Verbildung des Daseins überhaupt. Die ersten Angriffspunkte, denen die jugendliche Empörung galt, waren Elternhaus und Schule. Von erheuchelten Konventionen befreit ein anständiges und wahrhaftiges Leben zu führen, der Tyrannei unverständlicher überlieferter Stoffe und Formen zu entrinnen und sich unbelastet durch Gedächtniskram an wirklichen Werten frei zum Menschen zu bilden, war die selbstgesetzte Aufgabe der Generation mit dem Abzeichen des Vogels, der die Schwingen zum Flug breitet____Ein ungeahntes Hochgefühl brach sich Bahn. Statt der kümmerlichen Straßenbäume — Forsten, Kiefern- und Buchenwald! Statt rauchender Fabrikschlote — Bauerngehöfte! Mittelalterliche Kirchen an Stelle von Hausfronten aus Stuckrenaissance! Und also war es schon immer Wirklichkeit gewesen, was die Großstadtjugend selbst undeutlich, aber sehnsüchtig erstrebte: zu leben im Rhythmus des Tages und der Jahreszeiten, sichtlich produktiv, in gegenseitiger Hilfe und aus innerer Verantwortlichkeit." Durch die Gemeinschaftlichkeit suchte man in beiden Lagern, bei Juden und Nichtjuden, die Gefahr zu bezwingen, schloß sich zusammen in Gemeinschaften, in Gruppen, in Bünden. Suchte Rettung durch Rückkehr zur Unkompliziertheit, zur Natur, durch Pflege von Wandern, Lied, Spiel, Tanz. Aber die große Sehnsucht wurde nicht gestillt, die große erhoffte Idee, die die so bitter empfundene Leere ausfüllen sollte, blieb aus. Es war, wie einer der besten Kritiker unserer Zeit, Richard Benz, einmal sagt: Ein bündischer Zusammenschluß, aber ohne den zeugenden, zusammentreibenden Gedanken eines Zieles, ohne Idee, ohne Geist, aber ganz in Bereitschaft auf ihn. Diese Symptome galten selbstverständlich auch für die jüdische Jugendbewegung. Auch sie brachte es über diese seelische Bereitschaft, über den Kult des Gemeinschaftserlebnisses an sich nicht hinaus. Auch sie konnte keine wirklich allgemeingültige, gestaltende Norm finden. Und als der deutschjüdische Jugendbund der „Kameraden" im Jahre 1921 daran ging, sich eine Satzung zu geben, wußte man nichts besseres oder anderes, als die Formulierungen, die sich die freideutsche Jugend bei der Tagung auf dem Hohen Meißner bei Kassel im Jahre 1913 als Richtlinien gegeben hatte, fast wörtlich zu übernehmen, jene damals geradezu revolutionäre Formel, die erklärte, die Jugend wolle nunmehr „nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten". Der Weltkrieg brachte die Entwicklung der Jugendbewegung zum Stocken. Im Jahre 1926 z. B. löste sich ein ehedem so bedeutender Bund wie der „Blau-Weiß" geraume Zeit nach seinem tatsächlichen Verfall formell auf. Die Jugend schien nach dem Aufhören des ungeheueren Alpdrucks des Krieges und seiner unmittelbaren Nachwirkungen das kaum zu sättigende Bedürfnis nach Genuß zu haben. Unermüdlich" schöpfte sie die in immer neuen Variationen entstehende Möglichkeit des Amüsements und der Massenvergnügungen aus, füllte die Kinos, Revuen, Operettentheater. Es galt das Jung-Sein um seiner selbst willen. Auch das galt für die jüdische wie für die nichtjüdische Jugend gemeinsam. Doch was vorauszusehen war, trat ein: Auch dieser Hunger wurde gestillt und die Jugend sättigte sich mit diesen Dingen. Und nun fühlte sie plötzlich wieder die Leere, die sie vor dem Krieg in die Jugendbewegung hineingeführt hatte, stärker noch als jemals zuvor. Wieder stand die Jugend sehnsüchtig in Bereitschaft auf den großen Sinn, dem sie nachleben, den großen Gehalt, der sie ausfüllen könnte. Und dieser bot sich ihr nun, bot sich ihr in der Form des neuen nationalen Gedankens der stark, heldisch und zugleich mystisch Erlösung versprechend, mit ungeheuerer Intensität von ihr Besitz ergriff. Und es ist das für uns so bedeutsame und im Gegensatz zur bisherigen Entwicklung wie wir sahen neuartige, daß unsere Jugend, mochte sie auch in der gleichen seelischen Verfassung sein wie die nicht jüdische — und sie war es, denn sie lebte ja im gleichen Schicksal —, daß unsere Jugend an dieser Entwicklung nicht teilnehmen konnte. Denn der nationale Gedanke und die nationale Bewegung, sie enthielten als Konsequenz ihres Gehalts gerade eine Richtung, eine Front gegen das Nicht- Nationale, worunter vornehmlich das Jüdische verstanden wurde. Und so ergibt sich für die Gegenwart die eigenartige Lage, daß die jüdische Jugend ausgeschlossen ist von einer Entwicklung, die wie festgestellt werden muß, den Großteil der nichtjüdischen Jugend aus dem Stadium der bloßen Negation des Bestehenden und der Hoffnung auf das kommende Erlösende zu dem Gefühl, tatsächlich Erlösung gefunden zu haben, gebracht hat. Die Ausgeschlossenheit der jüdischen Jugend konnte eine Überlegung nahelegen, die eine junge jüdische Jugendgemeinschaft, die sich „Der deutsche Vortrupp" nennt, anstellt: Kann nicht vielleicht der Gehalt, der zeitgenössischen deutschen Jugendbewegung einfach analog mit irgendwie veränderten Vorzeichen übertragen werden auf unsere jüdische Jugendbewegung? Könnte man nicht einfach eine Lösung dadurch schaffen, daß man die jüdische Jugend der deutschen nachbildet, gleichsam als eine getrennte Formation? Diese Möglichkeit wird vom „Deutschen Vortrupp" bejaht und er fordert daher für die