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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-01 · 21 (1.11.1934) · p. Seite 444

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
21 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 444 (sequence 8)
Language
German
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444 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THEAT1NERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Schul- und Bildungswesen geordnet; mit ihnen auch bei der Wirtschaftsförderung und Beratung zusammengearbeitet. Die Gemeindeautonomie sei etwas unbedingt Wertvolles. Aber sie habe einen verschiedenen Inhalt. Bei den großen Gemeinden und insbesondere bei der Berliner Gemeinde bedeute sie Initiative und Kraft; bei den kleinen Gemeinden infolge der beschränkten Wirkungsmöglichkeiten und Mitteln Ratlosigkeit und Versagen. Das Nebeneinander der Organisationen habe die Einrichtung einer Schlichtungsstelle erforderlich gemacht, die mit vollem Erfolg gearbeitet habe. Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau habe bei dem konstruktiven Hilfswerk eine besondere Rolle gespielt. Was er im einzelnen geleistet habe und noch leiste, sei in der kleinen Broschüre niedergelegt, die anläßlich seiner einjährigen Tätigkeit erschienen sei. Die Aussprache, die sich an das Referat von Dr. Hirsch anschloß, ergab die einstimmige Auffassung, daß die Reichsvertretung und der Präsidialausschuß in seiner bisherigen Zusammensetzung beste Arbeit zum Wohle des deutschen Judentums geleistet habe und darum Dank und Anerkennung verdiene. Dies kam in einer einstimmig angenommenen Resolution von Bankier Max Warburg-Hamburg zum Ausdruck, in der es heißt: „Der Beirat spricht dem Präsidialausschuß seinen herzlichsten Dank und sein Vertrauen aus für die hingebungsvolle geleistete Arbeit in schwerer Zeit. Er beantragt Einsetzung eines Ausschusses, um die organische Weiterentwicklung der Reichsvertretung zu beraten." Zu Beginn der Nachmittagssitzung gab Präsident Dr. Baeck Kenntnis über das Ausscheiden einiger Mitglieder des Beirates. Er gedachte sodann des verstorbenen Beiratsmitgliedes Oscar Wassermann-Berlin. Dr. Rudolf Callmann-Köln, Mitglied des Präsidialausschusses, erstattete einen Bericht über Schul- und Bildungsfragen. Er gab einen Überblick über die geistige Situation der deutschen Juden. Das letzte Jahr habe eine unbedingte Rückkehr zum Judentum gebracht. Das Problem kreise nur noch um das Wie. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Krise unserer jüdischen Bildungsgesinnung, die nicht zuletzt durch den Ausschluß aus deutschen Bereichen hervorgerufen worden sei. Zwei Konflikte sind es, die diese Krisis umschreiben: die Stellungnahme zur religiösen Erziehung und zum Judentum als Bildungswert. Der heutige Drang des deutschen Judentums zur religiösen Erneuerung sucht notwendigerweise einen Anknüpfungspunkt im weltlichen Leben. Haus und Familie stehen hier im Mittelpunkt. Aufgaben, die Haus und Familie bisher erfüllt haben, sind aber weitgehend auf die Schule übergegangen; während auf der einen Seite der tiefe Drang zur religiösen Erziehung besteht, wird auf der anderen Seite bestritten, daß eine Erziehung zur Religion notwendig sei. Judentumskunde wäre danach nur ein allgemeiner Bildungswert. Klarheit über eine einheitliche jüdische Bildungsgesinnung konnte bisher noch nicht gewonnen werden. Aus der Praxis und allgemeinen Zeitentwicklung heraus wird aber die Linie gefunden werden, die notwendig ist. Auf das Schul- und Bildungswesen übergehend, führte Dr. Callmann an, daß die Reichsvertretung bisher auf diesem Ge- KOSTÜME . KLEIDER . MÄNTEL . PELZE biete bestehende Volks- und höhere Schulen subventioniert, neue gegründet, für die Lehrerunterbringung, Fortbildung und Ausbildung gesorgt und sonstige finanzielle Aufwendungen geleistet habe. Man habe weiterhin Schulungskurse für jüdische Lehrer eingerichtet. Es gibt, so stellte Dr. Callmann fest, eine übergroße Anzahl stellungsloser Lehrer, so daß in nächster Zeit auch ein gesteigerter Bedarf gedeckt werden kann. Eine Vermehrung der Ausbildungsstätten komme nicht in Frage. Die Reichsvertretung habe es sich zur Aufgabe gemacht, ehemalige jüdische Volksschullehrer aus öffentlichen Schulen in jüdischer Hinsicht fortzubilden, Studienräte und Assessoren als Volksschullehrer und Studienreferendare pädagogisch auszubilden, sowie hochsemestrischen Studenten, die Examenreife besitzen, durch interne Prüfungen und Bildung Berufsmöglichkeiten zu geben. Für alle diese Dinge seien große Summen gezahlt worden; in Zukunft werde in dieser Hinsicht mit gesteigerten finanziellen Anforderungen zu rechnen sein. Dr. Callmann erörterte sodann die Schaffung der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung, deren Arbeit in Gestalt von Kursen und Lernzeiten und deren beratende Tätigkeit einen großen Anklang gefunden habe. Bildung, so meinte Dr. Callmann zum Schluß, ist für uns nicht nur Voraussetzung für Leistung, Arbeit und Erwerb. Sie ist etwas Seelisches, das Hinfinden der Person zu ihrem eigenen Sein und Wesen. Der absolute Erfolgsmensch kann uns nicht als Ziel vorschweben. Dr. Franz Meyer gab als Mitglied des Präsidialausschusses eine Darstellung der Grundlagen für die Tätigkeit des Zentralausschusses. Die Aufgabe, die hier gestellt sei, sei unabhängig von Weltanschauungen. Ihre Durchführung wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht die jüdische Sozialpolitik jahrzehntelange Vorarbeit geleistet hätte. Unsere gesamte Sozialarbeit steht unter zwei Problemen: die einseitige Altersschichtung der deutschen Juden und ihre soziale Gliederung seien Grundlage aller Arbeit. Dr. Meyer gab ein Bild von den Leistungen des Zentralausschusses und ging insbesondere auf die Probleme der jüdischen Darlehenskassen und des Nachwuchses ein. Die Jugend, so schloß er, müssen wir zur neuen Situation erziehen. Schon deshalb, weil der Zentralausschuß die finanzielle Sicherung dieser Erziehung und Ausbildung garantiere, sei er der Lebensnerv unserer Existenz. Die Stellung der deutschen Juden zu ihm ist eine Frage der Lebenshaltung. Alle, ohne Unterschied der Richtung, müssen sich für seine Ziele einsetzen und Opfer bringen. Denn hier wird die Entscheidungsschlacht geschlagen. Präsident Dr. Baeck sprach zum Schluß den Beamten der Reichsvertretung, den Mitgliedern des Präsidiums und des Beirates seinen Dank aus. Mehr als Erfolg bedeutet der Segen der Arbeit. Wenn es der Zusammenarbeit gelingt, den deutschen Juden ihren Segen zu geben, dann, so schloß der Redner, sei all die Arbeit nicht vergebens gewesen. Aus der Mitte des Beirates brachte Stadtrat Less-Breslau den Dank der Tagungsteilnehmer für die Arbeit des Präsidenten .des Ausschusses und für die Beamten der Reichsvertretung in herzlichen Worten zum Ausdruck. Mit den besten Wünschen für die weitere Arbeit schloß Präsident Dr. Baeck d''e Sitzung. Die Pressestelle der Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Gestützt auf das dem Präsidialausschuß in der Beiratssitzung vom 14. d. M. erneut von allen Seiten bekundete Vertrauen wird die Reichsvertretung die Arbeit für die Gesamtinteressen der deutschen Juden im bisherigen Geiste fortsetzen; Pläne für den weiteren organischen Ausbau der Reichsvertretung wird die Leitung der Reichsvertretung in einem besonderen in der Beiratssitzung gebildeten Organisationsausschuß zur Beratung bringen. Einen Schritt auf diesem Wege stellt die von dem Präsidialausschuß angeregte Bildung eines Haushaltsausschusses dar, in dem die Landesverbände

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