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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-01 · 21 (1.11.1934) · p. Seite 439

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
21 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 439 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitimg 439 schon früher einen beschränkten Trödelhandel, und es ist daher durchaus natürlich, daß sie, nachdem sich das Darlehensgeschäft immer schwieriger gestaltete und sie gewöhnlich die Pfänder doch übernehmen mußten, den direkten Ankauf in vielen Fällen vorzogen. Straus weist mit Recht darauf hin, daß hier die Ursache für die merkwürdige Zwitterstellung zwischen Waren-, Trödel- und Geldhandel liegt, die für die jüdischen Wirtschaftsverhältnisse vom 16.—19. Jahrhundert so entscheidend war. Hieraus entwickelte sich im Laufe der Zeit auch ein gewisser Handel mit Neuwaren. Bei diesem Handel mit Neuwaren waren die Juden insofern im Vorteil, als sie durch die Einengungen des zunftmäßig organisierten Kleinhandels nicht behindert waren. Andererseits hatten sie alle Nachteile ihrer stets gefährdeten Rechtsstellung zu tragen. Dieser jüdische Handel bildet den Hauptgegenstand der dauernden Handwerkerklagen, während Klagen im Zusammenhang mit Darlehensgeschäften in dieser Periode nur selten vorkommen. Besonders gefährlich erscheint nach Grau die Mannigfaltigkeit der von den jüdischen Händlern abgesetzten Waren, er sieht darin den Ursprung des Warenhauses, dessen übrige Prinzipien wie relative Billigkeit er in der jüdischen Wirtschaftsgebarung auch bereits zu erkennen glaubt. In all diesen Erscheinungen erblickt er den Ausdruck einer neuen Wirtschaftsgesinnung, die die Sprengung der hergebrachten Formen der mittelalterlichen Stadtwirtschaft zum Ziele hat. Dem muß entgegengehalten werden, daß der jüdische Handel in seinen erzwungenen, nicht auf Unternehmer-Initiative beruhenden Erscheinungsformen nicht Folge oder Ausdruck einer neuen Wirtschaftsgesinnung gewesen sein kann. Es waren .die bittere Not, die in der Judenstadt herrschte, und der Kampf um das Existenzminimum, die die Juden zum verstärkten Warenhandel trieben. Genau dieselben Ursachen waren es, die die Juden dazu brachten, nicht auf die Kundschaft zu warten, sondern sie zu suchen. Ebenso verhält es sich mit der relativen Billigkeit ihrer Waren. Sie verkauften nicht billiger, um auf jeden Fall ihre christlichen Konkurrenten zu unterbieten, sondern um überhaupt etwas zu verkaufen. Was aber den Handel mit Stapelwaren betrifft — die Juden selbst geben an, daß sie nur 10 Prozent ihres Handels in Regensburg selbst betrieben —, so ist zu sagen, daß die Mannigfaltigkeit der Waren im Fernhandel in jener Zeit eine allgemeine Erscheinung war. Die großen deutschen Handelsgesellschaften des 15. Jahrhunderts hatten zu gleicher Zeit mit Gewürzen aller Art wie Safran und Pfeffer, Wein, Lederwaren, Barchent, Seide, Leinwand, Messingwaren usw. gehandelt. Die große Ravensburger Handelsgesellschaft, die bedeutendste mittelalterliche Handelsgesellschaft, handelte mit allem, was Gewinn versprach, wobei nur der Handel mit Geld und Edelmetallen ausgenommen war. Sie besaß eine große Anzahl von Niederlassungen im In- und Ausland und hat oft genug durch großartige Spekulationen so wichtige Handelswaren, wie sie der Saffran damals darstellte, verteuert. Ähnliche Beispiele lassen sich auch aus dem Gebiete des Kleinhandels beibringen. Sie zeigen, daß auch das Warensortiment des christlichen Kleinhändlers oft sehr reichhaltig war. Der Warenkatalog im Einkaufsbüchlein des Nürnberg- Lübecker Händlers Mulich von der Frankfurter Fastenmesse des Jahres 1495 weist eine erstaunliche Mannigfaltigkeit auf. Unter anderem werden verschiedene Sorten von Mailänder, Gcnueser und Venetianer Samt- und' Seidenstoffen aufgezählt. Nachdem Grau zuerst den Vorwurf erhebt, die Juden würden durch ihre neuen Wirtschaftsformen und ihren billigen Preisen störend in das Wirtschaftsgefüge eingreifen, wirft er ihnen einige Seiten später sozialen Wucher vor, dadurch begangen, daß sie auf Borg verkauften und dafür höhere Preise verlangten. In diesem Tatbestand sieht er eine Überschreitung des „justum pretium". Tatsächlich waren Warenkredit, Pacht und Miete verschleierte Zinsformen, die im Mittelalter durchaus gebräuchlich waren und die der maßgebende Wirtschaftsethiker Thomas von Aquino ausdrücklich anerkannt hat. Grau kommt es jedoch darauf an, seine These zu beweisen, daß die Juden die Schuld an den städtischen Nöten und den Konflikten der Stadt mit den Juden trugen. Noch deutlicher wird diese Tendenz bei der Schilderung der sogenannten Diebstahlsepidemie. Nachdem sich durch nichts erhärten ließ, daß die Juden die Diebe waren, kamen die Handwerker auf den Einfall, die Juden unter Hinweis auf das sogenannte Hehlerprivileg verantwortlich zu machen. Grau macht sich jedoch diesen Einfall, den er selbst als naiv bezeichnet, selbst zu eigen, ohne auch nur mit einem Wort die Verantwortung der christlichen Bürger für diese Seuche festzustellen. Die Juden haben tatsächlich, soweit Ankäufe solchen Diebesgutes vorgekommen sind, im guten Glauben gehandelt. Die Diebe waren nämlich fast regelmäßig die eigenen Kinder, Gesellen und Dienstboten der Regensburger Bürger. Die Diebstahlseuche war also eine Krankheit der christlichen Stadt und nicht der mit dem bekannten Erwerbsprivileg ausgestatteten Juden. Am 21. Februar 1519 erreichten die Handwerker ihr Ziel. Die Zeit des Thronwechsels wurde dazu benützt, um die jahrelange Absicht zu verwirklichen. Man benützte also den Augenblick, in dem es keine Reichsgewalt gab, um ans Werk zu gehen. Damit gibt Grau seine eigene These auf, die besagt, daß der Kaiser nur aus finanziellen Interessen das Austreibungsverlangen der Stadt nicht gebilligt hat. Grau ist der Meinung, daß sich nach der Austreibung der Juden die wirtschaftliche Lage gebessert hat. Er räumt jedoch ein, daß die vorübergehende Besserung daher rührt, daß die Juden ihre Pfänder zurücklassen mußten und selbstverständlich auch ihre Darlehen nicht mehr zurückbekamen. Es war eben nichts mehr als ein Rausch, der die Bevölkerung vorübergehend ergriff und sie in ihrer Ekstase glauben machte, daß nunmehr die Not ein Ende habe und jetzt paradiesische Zeiten heraufzögen. Regensburg war und blieb eine arme und tote Stadt. Die Gründe des Niedergangs waren in Wirklichkeit ganz andere, und die Juden spielten dabei eine sehr nebensächliche Rolle. An dem Orte, an dem die Synagoge gestanden hatte, wurde eine Marienkirche errichtet, die das Ziel großer Wallfahrten war. Mit diesen Wallfahrten wurde die Pest in die Stadt eingeschleppt, und für lange Zeit herrschten in Regensburg Tod und Schrecken. Die Wallfahrten waren der Anlaß heftiger Auseinandersetzungen mit dem Klerus, der die Austreibung besonders eifrig betrieben hatte. Beide wollten die reichen Einnahmen aus den Wallfahrten für sich in Anspruch nehmen. Als dann der Strom der Teilnehmer nachließ und damit auch die Einnahmen sanken und die alte Finanznot der Stadt wieder von vorne begann, zumal ja die Einnahmen aus den Judensteuern fehlten, ging man daran, auch den Klerus mit Ungeld zu belegen. Er bekam bald die Folgen seiner eigenen Politik zu fühlen. Die ganze Arbeit, wir haben ja nur ein Teilproblem daraus besprochen, weist wie bereits angedeutet eine unzweifelhaft antisemitische Tendenz auf. Ganz offensichtlich tritt diese Tendenz der Arbeit bei der Schilderung der Austreibung zutage. Mit großer Anschaulichkeit berichtet Grau von den unglaublichen Verwüstungen, die in der ehemaligen Judenstadt angerichtet wurden und sucht dieselben mit religiöser Ekstase zu erklären. Hier enthält die Arbeit auch eine dunkle Stelle. Grau berichtet, man hätte nach der Austreibung unter der Synagoge und den Judenhäusern unterirdische Gänge und verschiedene Gegenstände entdeckt, die erst viele Verbrechen aufklärten und bestätigten. Diese Anschuldigungen werden am Schluß noch einmal oline jede Beifügung wiederholt. Er sagt jedoch weder, um was für Verbrechen es sich gehandelt haben soll Münchener Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes i. B. 1. Nov.: Hugo Rosenthal (Herrlingen): „Die Psychologie de» jüdischen Kindes" (Hnseum) 8. November: Bialik-Feier; Rabbiner Dr. A. Schlesinger-Buchau (Museum) 31. November: Chorkonzert; Solist Oberkantor I. Alter-Hannover (HauptSynagoge)

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