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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-01 · 21 (1.11.1934) · p. Seite 438

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
21 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 438 (sequence 2)
Language
German
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438 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Das Ende der Regensburger Judengemeinde 1450—1519 Wirtsc haftsa n tisemitism us im späten Mittelalter Wilhelm Grau: Antisemitismus im späten Mittelalter — Das Ende der Regensburger Judengemeinde 1450—1519. — Mit einem Geleitwort von Prof. Karl Alexander v. Müller. Duncker &. Humblot, München 1934. Die Geschichte der Regensburger Judenaustreibung des Jahres 1519 und ihr historischer Untergrund hat nun, knapp zwei Jahre nach dem Erscheinen der dankenswerten Arbeit von Raphael Straus,1 eine neue Bearbeitung erfahren und zwar von nichtiüdischer Seite. Ihr Verfasser ist Wilhelm Grau, ein junger Münchener Historiker. Genau so wie Straus sieht er den Fall von Regensburg als typisch an und gibt daher seiner Darstellung auch den umfassenderen Titel: Antisemitismus im Spätmittelalter. Straus hat die Meinung ausgesprochen, daß die Judenaustreibungen am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts Ausflüsse einer starken städtischen Emanzipationsbewegung sind, denen sich der Kaiser als Vertreter der Reichsgewalt aus prinzipiellen Gründen entgegenstellt, war doch der Judenschutz eines der wenigen noch vorhandenen sichtbaren Zeichen der Reichshoheit. Dabei wird von Straus selbstverständlich nicht in Abrede gestellt, daß gewisse finanzielle Interessen mitbestimmend waren. Grau jedoch glaubt das kaiserliche Interesse, gerade im Fall von Regensburg als ein rein fiskalisches deuten zu sollen. Eine besondere Bestätigung seiner Meinung sieht er in dem Zeitpunkt der Austreibung. Sie erfolgt in dem Augenblick, in dem die Nachricht von dem Ableben des stets geldbedürftigen Kaisers Maximilian in Regensburg bekannt wird. Die Hauptgründe der Judenaustreibung sind nach Grau in der Mitschuld der Juden an der trostlosen wirtschaftlichen Entwicklung der Stadtbevölkerung zu suchen. Nur dieser Teil seiner Arbeit soll daher hier näher behandelt werden. Regensburg, das im Hochmittelalter die unbestrittene Beherrscherin des Donauhandels gewesen ist und dessen Kaufleute in dieser Zeit regelmäßig bis nach Kiew kamen, erlebt seit dem 14. Jahrhundert einen dauernden Rückgang seines Handels. Die Ursache dieses Rückgangs ist die Stärkung der wirtschaftlichen Machtstellung der Stadt Wien, die, mit einem besonders strengen Stapelrecht ausgestattet, den Donauhandel an sich reißt. Gefördert wird diese mißliche Entwicklung des Regensburger Handels noch durch einen langen Kampf zwischen dem Herzog von Bayern und dem Kaiser, in dessen Verlauf zuerst der Herzog für kurze Zeit die Stadt unter seine Botmäßigkeit bringt, um sie dann unter Beschränkung ihrer Freiheiten an den Kaiser abzutreten. Zu dem Niedergang trägt noch eine kurzsichtige Finanz- und Wirtschaftspolitik der Stadt selbst bei, wodurch gerade die wichtigsten Exportgewerbe wie die Barchentweberei vernichtet werden. Um die Jahrhundertwende lag die Barchentweberei schon so darnieder, daß die Stadt für den eigenen Bedarf Barchent importieren mußte. Zu diesem rapiden Rückgang des Handels und den damit verbundenen Rückwirkungen kam noch eine allgemeine Krise der Zunftwirtschaft, die zu erbitterten sozialen Kämpfen führte. Die vorangegangenen Jahrhunderte haben eine starke Verfeinerung der Erzeugnisse mit sich gebracht. Hand in Hand damit ging eine starke Differenzierung der Gewerbe, mit der Folge, daß sich ganze Handwerkergruppen dem Händlerstand immer mehr nähern, so die Kürschner, Hutmacher, teilweise auch die Gewandschneider und andere Gewerbe. All diese Erscheinungen führen zu dauernden Reibereien zwischen den einzelnen Zünften, denn die scharfe zunftmäßige, immer differenzierter werdende Abgrenzung der Gewerbe verurteilt oft ganze Zünfte zur Arbeitslosigkeit, weil die Meister einer anderen Zunft aus Arbeitsmangel gewisse Teilarbeiten selbst ausführen. Überdies ist auch innerhalb der einzelnen Zünfte der Wettbewerb nicht ganz ausgeschaltet und gerade in einer Zeit des Niederganges, in der nicht genügend Aufträge zu erlangen sind, verliert die 1 Heidelberg 1932; über diese Arbeit ausführlich Gemeinde- Zeitung Jg. VIII (1932), Nr. 20 v. 15.10. 32. Der zum Straus'schen -Text gehörige Urkundenband erscheint Frühjahr 1935. Grundidee der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung von der Gleichheit der „Nahrung" der Zunftmitglieder ihren Sinn. Gleichzeitig wird — eine Folgeerscheinung der zunehmenden Arbeitslosigkeit — die sogenannte Gesellenfrage immer brennender. Die Schwierigkeiten zwischen Gesellen und Meistern wachsen, waren doch die Gesellen teilweise verurteilt, ihr Leben lang Gesellen zu bleiben. Sie vereinigten sich daher zu eigenen Bruderschaften, um ihre Ziele zu verfolgen und sich im Rahmen des Möglichen gewisse Erleichterungen zu verschaffen. Streiks und Arbeitsniederlegungen sind eine häufige Erscheinung jener Zeit. All dies bedeutet das Ende des patriarchalischen Verhältnisses zwischen Meister und Gesellen und damit den Zusammenbruch der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung. Gleichzeitig hat sich auch in Deutschland das Handwerk mit Abhängigkeitsformen durchsetzt, die immer weiter vordringen. Das Verlagswesen fängt an seine Stellung einzunehmen. Alles in allem bietet das Regensburg des ausgehenden Mittelalters das traurige Bild einer niedergehenden Stadt, deren Bürger jeden Unternehmungsgeist vermissen lassen und in dumpfes Brüten verfallen sind; und dies gerade in einer Zeit, in der die deutsche Wirtschaft eine Blüteperiode erlebt und die Kaufleute anderer oberdeutscher Städte wie Augsburg und Nürnberg eine bedeutende Stellung in der europäischen Wirtschaft einnehmen. Während man in diesen Städten alle Fesseln des Mittelalters sprengte, suchte man in Regensburg, wie beispielsweise auch in Basel, wo nicht eine dünne kapitalistische Oberschicht, sondern eine breite Masse von Zunfthandwerkern und kleinen Händlern herrschte, den Geist des Frühkapitalismus zu bannen. Grau vertritt nun die Ansicht, daß zwischen der jüdischen und der frühkapitalistischen Wirtschaftsführung große Ähnlichkeiten bestanden und der Regensburger Antisemitismus vor allem auch die Abneigung der Bürgerschaft gegen den frühkapitalistischen Geist zum Ausdruck bringt. Es erhebt sich hier die Frage, welcher Art die Stellung der Juden in Regensburg war und inwieweit man in der jüdischen Wirtschaftsführung der Zeit eine besondere Förderung einer kapitalistischen Entwicklung erblicken kann. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Regensburger Juden müssen entsprechend der allgemeinen Wirtschaftslage der Stadt wenig rosig gewesen sein. Es ist bekannt, daß die Einkünfte aus den Judensteuern in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dauernd zurückgingen. So konnten die Regensburger Juden weder die von Friedrich III. geforderte Burgunderhilfe entrichten, noch konnten sie die im Zusammenhang mit dem Mordprozeß von 1476/78 verlangten 10 000 Gulden aufbringen. Im Verlauf dieses Prozesses hatte übrigens die Stadt selbst die Armut der Juden bezeugt und auch bis 1516, dem Zeitpunkt des zweiten Prozesses, dürften sich ihre Vermögensverhältnisse nicht gebessert haben. 1514, also kaum zwei Jahre vorher, mußten sie beim Herzog einen Nachlaß von mehr als der Hälfte für in Jahrzehnten aufgelaufenen Steuerschulden in Anspruch nehmen. Der Geldhandel der Regensburger Juden, einstmals nach der Verdrängung aus dem Warenhandel ihre Haupteinnahmequelle, war wie überall stark zurückgegangen. Die Ursachen für diesen dauernden Rückgang des Darlehensgeschäftes sind einesteils in der zunehmenden Inanspruchnahme der Juden, die von den Kaisern immer und immer wieder zu Sonder-Steuern und Abgaben herangezogen wurden, andernteils in den zunehmenden Schwierigkeiten, die sich bei der Führung der Geschäfte ergaben, zu suchen. So gibt die Stadt im Prozeß selbst zu, in jüdischen Schuldklagen kein Recht mehr gesprochen zu haben. Auch haben sich ausweislich der Urkunden, da die Kreditnehmer nicht mehr vermögende Patrizier und Bürger waren, die Zahl der nicht eingelösten Pfänder und damit die Verluste aus dem Darlehensgeschäft stark gesteigert. Dieser Rückgang des Darlehensgeschäftes zwang die jüdische Bevölkerung zur stärkeren Betätigung im Warenhandel. Einen gewissen Warenhandel hatten sie immer betrieben, denn sie hatten ein Privileg, wonach sie am Mittwoch und Samstag die „verstandenen" Pfänder veräußern durften. Sie betrieben also

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