Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-10-15 · 20 (15.10.1934) · p. Seite 418

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
20 (15.10.1934)
Date
1934-10-15
Page
Seite 418 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728020--09728-2743012
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

418 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.-20 II. Hebräische Kulturpropaganda. Es mögen viele über die Versuche der hebräischen Kulturpropaganda gelächelt haben, über die Schalomschreibereien, die Iwrith be-I\vrithmethoden am unrechten Platze, all das Äußerliche, Reklamehafte der Bewegung. Wie kann man mit seichten Reden Menschen an die großen Kulturschöpfungen des jüdischen Volkes heranbringen? Ist die Schaffung einer hebräischen Turnsprache entscheidend in einem Augenblick, wo der Großteil der Westjudenheit völlig abgeschnitten ist vom jüdischen Leben, jüdischem Lehrhaus, jüdischer Uberlieferung? Aber auch mit kleinen Mitteln können große Wirkungen erzielt werden. Worauf es ankommt: die Westjudenheit zu wekken, den Weg zu zeigen, die Richtung. Der politische Zionismus hat einen leichteren Weg, Menschen können durch eine Tatsache, die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse, durch die Logik des Galuthlebens, in ihrem bisherigen Denken erschüttert werden; diese Umstellung braucht nicht viel Zeit zu erfordern. Schwieriger ist der zweite Fall, der Zionismus stellt kulturelle Forderungen, die in einen langsamen, jähre-, Jahrzehntelangen Erziehungsprozeß münden. Die Auflockerung im Denken und Fühlen des deutschen Juden muß systematisch in die Richtung dieses Erziehungsprozesses gelenkt werden; der Brith Olamith Iwrith, der jetzt mit der Arbeit im Galuth beginnt, muß der Arbeit in Deutschland seine Aufmerksamkeit schenken; die jüdische Jugend muß unterrichtet werden über die Sprachgeschichte der Juden, seine geistigen Schöpfungen, man muß in Übersetzungen Altes und Neues den Menschen zu vermitteln suchen, mit einem Worte, nach einem gewissen Plane muß eine hebräische Kulturpropaganda im deutschen Judentum durchgeführt werden. Viele, viele haben in dieser Zeit mit Brod empfunden, daß sie „dreißig Jahre stumm gewesen" und Heines Verse werden wieder aktuell gewirkt haben: „Raten möcht ich dir, Geliebte, Nachzuholen das Versäumte. Und hebräisch zu erlernen — Laß Theater und Konzerte, Widme ein'ge Jahre solchem Studium, du kannst alsdann Im Originale lesen Iben Esra und Gabirol Und, versteht sich, den Halevy, Das Triumvirat der Dichtkunst, Das dem Saitenspiel Davidis Einst entlockt die schönsten Laute." HL Der Kampf um das gesprochene Hebräisch. Der Kampf um die Durchsetzung 'des gesprochenen Hebräisch begann, was wenig bekannt ist, schon vor über fünfzig Jahren, sein Schöpfer war Elieser Ben Jehuda, dessen Name im ganzen Lande verehrt wird. Klausner erzählt in seiner Geschichte der Neuhebräischen Literatur (Jüdischer Verlag) von diesem Manne folgendes: „Es war vor fünfzehn Jahren (1882), als Ben Jehuda mit seiner jungen Frau ins Heilige Land kam, die mehrere europäische Sprachen kannte, aber kein Wort hebräisch sprach. -Was da tun? Ben Jehuda erwog, daß seiner Frau hebräisch zu lehren allzulange währen würde, und daß, wenn im Hause eine andere Sprache geduldet wäre, das Hebräische sie nicht verdrängen werde. Da entschloß sich Ben Jehuda zu einer harten Maßregel. Eines schönen Morgens sprach er plötzlich mit seiner Frau hebräisch. Sie machte große Augen. Ben Jehuda erklärte ihr nun in dieser Sprache, daß man von nun an in ihrem Hause den Klang keiner anderen Sprache hören werde, als den des Hebräischen. Seine Frau, die nur mit Mühe begriff, worum es sich handelt, versuchte ihm zu sagen, daß sie von Herzen seine Entscheidung mitfühle, aber sie erklärte ihm, daß es ihr nicht plötzlich möglich sei, sich ganz dem Schweigen zu weihen, daß man eine neue Sprache schrittweise einführen-müsse. Aber Ben Jehuda blieb unbeugsam. Es folgten Tränen, Szenen, nichts half. Ungefähr drei Monate herrschte Zwietracht in der Familie, aber schließlich mußte sich Frau Ben Jehuda doch unter den unerbittlichen Willen ihres Mannes beugen, und bald herrschten die Klänge der hebräischen Sprache ausschließlich innerhalb der Wände ihrer Wohnung; Und mehr noch, das Ehepaar Ben Jehuda machte es sich zur Regel, mit allen Bekannten, ohne Ausnahme, nicht anders als hebräisch zu sprechen, wobei es den Bekannten freistand, in der ihnen genehmen Sprache zu antworten. Nach sieben Jahren traf ich Frau Ben Jehuda als Lehrerin der hebräischen Sprache an einer der besten Erziehungsanstalten Jerusalems." Die Frage, die vor Elieser Ben Jehuda stand und die von ihm in dieser Weise beantwortet wurde, steht vor vielen jüdischen Menschen im Galuth und in Palästina; es wird für die Geschlechter nach ihm leichter sein, der Schwierigkeiten Herr zu werden, Mut und Energie gehören auch heute dazu, den Kampf für Hebräisch dort zu führen, wo der Boden steinig ist, und auch heute noch kämpfen zionistische Gruppen in den jüdischen Gemeindestuben Deutschlands um Subvention des hebräischen Unterrichts, jüdische Schule, und was damit zusammenhängt. Vielleicht fühlten sich 'die kleinen Schulmädel vom orthodoxen alten Jischuw in Jerusalem als nicht geringere Pioniere der Sprachbewegung wie vor fünfzig Jahren Ben Jehuda, als sie vor einigen Wochen für die Einführung einer hebräischen Schulstunde im Lehrplan streikten, sie wurden von Fanatikern des Kolel Ungarn dafür geschlagen, denn für viele Teile des alten Jischuw ist Hebräisch ein Zeichen von Apikorsuth und Abfall vom Judentum! Im Warschauer „Haderech" wird uns von anderen jungen Ben Jehudas aus einem kleinen Städtchen D. berichtet. Eine Anzahl Schüler der „Tarbuthschule". schufen einen „Bund der Ersten" (Brith Harischonim). Die Lehrer der Schule begännen Kreise von Freunden des hebräischen Buches unter den Schülern zu bilden. Jeder Kreis soll sich aus zehn Mitgliedern zusammensetzen, und jede Woche soll ein hebräisches Buch gekauft und von allen gelesen werden. In einer Versammlung des Kreises schlug ein Junge vor, einen Verein von Kindern zu schaffen, der es auf sich nehme, einzig und allein hebräisch zu sprechen zu Hause, mit den Eltern, den Bekannten, mit allen. Neun Kinder meldeten sich. Es wurde der „Bund der Neun" gegründet, wie er sich nannte, und man begann mit der Arbeit. Schwere Arbeit lag vor der Gruppe. Man zog aus zur Heiligung des Namens. Die Jungen hatten den Spott der Umgebung zu erdulden, aber auch die Schulkameraden sahen lachend auf dieses Spiel, der Zorn der Eltern wurde rege, die ihre Kinder nicht verstanden und ihnen zusetzten, selbst bis zu Schlägen. Aber die Kinder bestanden die Prüfung. Wie Erwachsene wußten sie ihren Gegnern Antwort zu geben, bis man sie mit Achtung wie Menschen behandelte, die eine Sendung zu erfüllen haben. Der „Bund der Neun" bekam den Charakter einer Geheimorganisation, was den Kindern imponierte; von den Versammlungen gab man nur Eingeweihten Kenntnis, die Beschlüsse des Vereins wurden geheimgehalten. Morgens früh erschienen in der Stadt an den Straßenecken Inschriften: „Rede Hebräisch!" All dies erregte das Interesse der Umgebung und besonders der Schüler. Inzwischen teilten noch andere Kinder mit, daß sie dem Verein beitreten wollten. Allein der „Bund der Neun" gab kund, nicht jedes Kind könne ohne weiteres in die Gruppe aufgenommen werden. Jedes Mitglied müsse erst eine gewisse Zeit den Versuch des Hebräischsprechens durchführen. Man beschloß, jeder Kandidat habe eine Erklärung einzureichen, er wolle einen Monat lang nur hebräisch sprechen, nur dann könne er Aufnahme in den Bund finden, der inzwischen seinen Namen in „Brith Harischonim" (Bund der Ersten) abänderte. Die Führung des Bundes habe das Komitee, das sich aus den ersten neun Pionieren der hebräischen Sprache zusammensetze. Nach Ablauf eines Monats schwört der Kandidat der hebräischen Sprache den Treueid und verpflichtet sich, einzig und allein (außer mit Nichtjuden) hebräisch zu sprechen. Nach Ablauf der ersten zwei Monate zählte der Bund 45 Kinder von der 4. Klasse aufwärts. Hebräisch begann auf der Straße zu ertönen. Die Eltern kamen mit Vorwürfen, man entfremde ihnen die Kinder, aber selbst aus diesen Vorwürfen heraus war Freude und Stolz auf diese „auserwählten Kinder" zu spüren. Jede Woche kamen neue Mitglieder hinzu. Die Stadt spürte die Revolution. Die Kinder gingen in die Geschäfte und verlangten ihre Sachen auf hebräisch, und wenn man sie bat zu übersetzen, da der Kaufmann sie nicht verstanden hatte, zeigten sie ihren Eigensinn und verließen den Laden. Die Sache fing an ernsthaft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.