Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 20 (15.10.1934)
- Date
- 1934-10-15
- Page
- Seite 417 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 417 den Kräften, die das Judentum gestaltet haben, aufgegeben oder gelockert wird, d. h. wenn das Judentum negiert oder nur pietätvoll in einem distanzierten Gottesdienst und in gelehrter Forschung gepflegt wird. Dann allerdings liegt es nahe, das so verkümmerte Hebräisch dem Lateinischen als der Sprache der Priester und des Gottesdienstes oder der Sprache der Humanisten .zu vergleichen. Die Anteilnahme am Hebräischen ist ebenso wie das Stehen zum Judentum ein Akt des Sich-iBekennens und des Wollens; die Anteilnahme am Hebräischen ist allerdings nicht leicht gemacht, denn es bedarf der Vertiefung in die Sprache und in die Literatur. Die eigenartige Entwicklung des Hebräischen bringt es mit sich, daß es nicht so leicht wie andere Sprachen erlernt werden kann, wenn anders man nicht bloß die Fertigkeit erwerben will, Worte für den alltäglichen Gebrauch aneinanderzufügen. Von dem Hebräischen der Bibel und der Mischna ausgehend hat sich, wie gezeigt wurde, in einer Literatur, die mehr als 1^ Jahrtausende stets lebendig geblieben ist, eine reiche, kaum übersehbare Masse von Bildungen und Worten herausgeformt. Alle anderen Sprachen gestalten in täglich lebendigem Flusse all das, was aus ihnen fließt und ihnen von außen zufließt, lautlich und formal um und verarbeiten es, so daß Reste früherer Perioden nur insoweit der Nachwelt überliefert werden, als sie in der Literatur ihren Niederschlag finden, im übrigen aber die gesprochene Sprache immer nur in den Bildungen des Augenblicks existiert. Anders im Hebräischen. Nur bis höchstens zum Jahre 200 hat das Hebräische als eine im täglichen Gesprochenwerden sich gestaltende Sprache gelebt, von dann ab aber nur an dem Buche der Bibel sich formend und nur in Büchern ihren Niederschlag findend. So fehlt ihm die nur beim Sprechen entstehende innere Durchrüttelung des gesamten Stoffes zu einer organischen Masse, das Einswerden der durch Jahrhunderte getrennten Sprachschichten zu einer immer nur den Augenblick festhaltenden einheitlichen Sprachmasse. Die ungeheure Fülle des in den Jahrhunderten Hinzugefügten und Entstandenen ist sichtbar in die hebräische Sprache hineingelagert, sodaß Altes und Neues nebeneinander stehen, biblischer Sprachstoff unvermittelt neben Bildungen des Maimonides und neben Neubildungen von heute. Im Hebräischen hat es der Sprachforscher daher leichter, die verschiedenen sprachlichen Entwicklungsstufen zu erkennen und zu sichten. Die Vergangenheit ist in ihm Gegenwart, die Überlieferung in ihm existent und wirkend — auch darin die Entwicklung des Judentums spiegelnd. Um das gespro Von Fritz Meir F Die hebräische Sprachbewegung insgesamt und mit ihr alle diejenigen, die sich als ihre Träger betrachten, und somit auch die deutschen Zionisten in Deutschland und Palästina, stehen vor einer großen Reihe von Fragen, von denen einige hier dargestellt sein sollen. I. Hebräische Bewegung und deutsche Einwanderung. Die Tatsache, daß Hebräisch von der Literatursprache des jüdischen Buches, Tenach, Mischna, Gemara, Midraschim, und der religiösen und weltlichen Literatur des Judentums zur amtlichen Sprache eines Landes geworden ist, Landes- und Umgangssprache, hat dazu geführt, daß Hebräisch von vielen vom Gesichtspunkt des Touristen aus betrachtet wird. Fährt man nach Amerika, muß man englisch lernen, übersiedelt man nach Palästina, muß man hebräisch lernen. Hebräisch wird als technische Notwendigkeit anerkannt, aber eine tiefere Bindung an den Vermittler eines jahrtausendealten Volksgutes liegt nicht vor. Selbst Nichtzionisten, die sich in Deutschland völlig gleichgültig zum Hebräischen verhielten, das man als nationale Sprache aus dem überlieferten Kultus gern zu eliminieren suchte, müssen der Landessprache Hebräisch ihren Tribut zollen. Man lernt hebräisch, gibt sich viel Mühe, überall sitzen die Lehrer, aber oft ist das Ziel ein nur allzu bescheidenes: Man will sich verständigen können, sprechen können. Nachdem man jedoch die Entdeckung machte, man käme in Palästina auch sehr gut mit deutsch aus, unterbrach man manchmal den Unterricht, den man in Deutschland mit großem Eifer begonnen hatte. Noch auf dem Schiff — so berichten die hebräischen Feuilletonisten — sah man die deutschen Juden in ihren Liegestühlen, und während jeder vernünftige Mensch schon von „Pardessim", „Dunam", Migraschim" und „Häusern" spricht, haben jene ihr Lehrbuch in der Hand und sprechen: „Der Bauer pflügt den Boden", „Im Zimmer steht ein Schrank", die bekannten Verse des Moses Rath, als ob sie damit einem unbekannten Ritus nachgingen. Das hebräische Publikum fing an, von Zeit zu Zeit Betrachtungen anzustellen über die Fortschritte, die die deutsche Einwanderung im Hebräischen gemacht habe. Rühmt man auch, wie rührend dieser oder jener Arzt sich über jedes neue Wort freue, das er erlernt habe, und über diesen oder jenen Fortschritt, im allgemeinen ist das Urteil negativ. Keine Alijah habe so sehr der hebräischen Umgebung Abbruch getan wie die jetzige; im Kaffee, auf der Straße, im Autobus höre man deutsch, und man tue dies nicht einmal mit schlechtem Gewissen. Die Frage der kulturellen Einbeziehung der deutschen Alijah wurde in einigen Zeitschriften („Turim" und „Giljonoth") behandelt Dr. J. Wolfsberg gab im „Haaretz" in einer Reihe von Aufsätzen einen Einblick in die Schwierigkeiten, die geistige Welt, die Erziehung der neuen Einwanderungsschicht, liene Hebräisch a e n k e 1, Jerusalem. ebenso in Vorträgen vor Kreisen der deutschen Einwanderer. Es ist klar, daß die Sprache das innere Leben des Menschen widerspiegelt, jedes Wort, jedes Gedankenbild, jeder Ruf, jeder volkstümliche Ausspruch, jedes Sprichwort all das ist mit den Erinnerungen der Volkserziehung und der Volksgeschichte durchtränkt. Es ist nicht die Schuld des deutschen Juden, sondern eine historische Tatsache, daß er in der deutschen Sprache gedacht und geschaffen hat, der Sprachbau des Deutschen von Luther bis heute ist lebendig auch in der Sprache des deutschen Zionisten. Will man in Palästina wirklich ein glücklicher Mensch werden, ein harmonischer Mensch, dann muß eine vollständige geistige Revolution von jedem Einzelnen verlangt werden, ein Hin zu den Quellen der jüdischen Kultur. Das ist keine kleine Forderung, die man an den deutschen Juden stellt, hier verlangt man eine ganze und radikale Umstellung seiner ganzen Persönlichkeit. Nicht jeder ist bereit, über die Aneignung des Notwendigsten, des Volapükhebräischen hinaus, diesen Hebraisierungsprozeß in seinem ganzen Umfange konsequent durchzuführen. Selbstverständlich ist das Maß der hebräischen Kenntnisse überall verschieden. Gilt das Gesagte im allgemeinen vom Durchschnitt des deutschen Einwanderers, so gilt es nicht von den hebräischen Gelehrten aus Deutschland, die hier an der Universität und der Nationalbibliothek z. T. seit vielen Jahren wichtige kulturelle Arbeit leisten, und den Mitarbeitern des Institutes zur Erforschung der hebräischen Dichtung unter Rabbiner Brody. Ebenso sind viele Menschen der zionistischen Jugendbewegungen und die Orthodoxie Träger des hebräischen Gedankens, und es soll betont werden, daß dies nicht etwa nur von den Misrachisten gilt, sondern auch von vielen Menschen der Agudath Israel (die auch in dieser Frage dem alten Jischuw ferner stehen, als sie selbst glauben). In Jerusalem z.B. ist die Zahl der Hebräischkönnenden unter den Deutschen nicht klein, Studenten an der Universität, die zionistische Intelligenz, K.J.V.er usw., vervollkommnen ihre hebräischen Kenntnisse und versuchen sich in die hebräische Umgebung einzuleben. Auch in Jerusalem besteht jetzt unter Leitung Dr. Percikowitschs, der in Bayern und besonders in München ein Wohlbekannter ist und in Erlangen promoviert hat, wie seit langem in Tel Aviv unter Leitung N. Lewins, ein hebräischer Klub. Küchenmeister wemssio | für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen7 H