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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-10-15 · 20 (15.10.1934) · p. Seite 416

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
20 (15.10.1934)
Date
1934-10-15
Page
Seite 416 (sequence 4)
Language
German
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416 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 die sich dem Lande einzufügen gewillt sind, und die Muttersprache der dort geborenen oder heranwachsenden neuen Generation. III. •Damit ist ein Stand der Lebendigkeit und Lebensfülle des Hebräischen erreicht, wie er wohl seit den Zeiten der Mischna nicht existiert hat, — allerdings mit einem nicht gering anzusetzenden Unterschied. Bis ungefähr zum Jahre 200 der christlichen Zeitrechnung war unter den Juden, vornehmlich unter den damals in geschlossener Siedlung wohnenden Juden Palästinas, noch die unbeschreibbare, mit jedem Volke in seinem Lande verwachsene, schaffende Urkraft wirksam, die das ganze Leben, Werden und Denken des Volkes in sich fassend, auch die Sprache, die Laute und die Formen der Sprache geheimnisvoll in sich birgt. Gekanntes und bisher Ungekanntes nach außen in die Erscheinung führt, altes Gut umformt und neues sich anpaßt. Diese Kraft der Sprache des Volkes, die sich in den Mundarten offenbart, und immer von neuem aus sich heraus schaffend die Formenwelt und den Wortschatz der Sprache bereichert und ergänzt, ist für die Juden und für das Hebräische ungefähr seit dem Jahre 200 versiegt. Was vom Hebräischen geblieben ist, ist die bis zu eben jenen Tagen entstandene Schriftsprache, die vornehmlich in den Büchern der Bibel und den sechs Ordnungen der Mischna niedergelegt ist. Seitdem sind mehr als 1% Jahrtausende vergangen. Schriftsprachen haben zwar ein längeres Beharren als das flüchtig gesprochene Wort, aber auch sie erneuern und verjüngen sich allenthalben aus der Sprache des Volkes, wo der Sprachquell nicht versiegt. Dieser Zufluß wurde der hebräischen Schriftsprache seit damals nicht mehr zuteil. Ebenso wie die Bücher der Bibel und die sechs Ordnungen des Gesetzes das Leben des Juden und der Gesamtheit für alle Folgezeit regelten und normierten, so blieben sie auch der einzige Born, aus dem sich das Hebräische, das sich neuem Leben und veränderten Entwicklungen anpassen wollte, ergänzen mußte. Das Volk des Buches verdienen die Juden daher nicht bloß genannt zu werden, weil sie die Träger der im Buche niedergelegten Lehre sind, sondern weil sie wohl das einzige Volk sind, in dem nicht die in ihm schlummernden Kräfte die Sprache jeweils neu ergänzten, sondern in dem das Buch diese Kräfte ersetzte. Während bei den anderen Völkern nur der die Sprache zu meistern und in ihr zu schaffen versteht der die Mundart des Volkes und die Sprechart des einfachen Mannes belauscht und studiert, konnte und kann nur der ein dem Leben angepaßtes und das Leben deutendes Hebräisch schreiben, der das Buch studiert und es in sich aufgenommen hat, so daß es wieder aus ihm denkt und spricht. Das Hebräische der verschiedenen Zeitalter und der verschiedenen Autoren ist daher verschieden je -nach dem Grade, wie real und unmittelbar das Verhältnis des Einzelnen und der Generation zur Bibel und zum älteren hebräischen Schrifttum war. Nur dann hat das Buch schöpferisch auf die hebräische Sprache gewirkt und sie umformend und neu erfüllend verlebendigt, wenn es selbst nicht bloß gelesen, zitiert und studiert wurde, sondern im Gedächtnis wirklich gegenwärtig und wirksam war. Die Situation des Hebräischen ist dadurch eine von allen Sprachen verschiedene, gewiß einmalige. Während sich allenthalben aus der Sprache des Volkes eine Schriftsprache ablöst und sich auch bei den Juden ehedem einmal abgelöst hat, ist die in Bibel und Mischna niedergelegte hebräische Schriftsprache für die Folgezeit der Ausgangspunkt für ein Neuwerden, für eine von Tag zu Tag wachsende und sich entwickelnde hebräische Volkssprache geworden. Vom hebräischen Buch ist auch sprachlich Leben ausgegangen, Leben, das zwar nicht so urwüchsig gestaltet wie die unbeschreibbare. sprachschaffende Kraft eines landgebundenen Volkes, aber immerhin Leben, das vielleicht alte, noch schlummernde Urkräfte wieder wachruft und zur Entfaltung bringt. Eine eigenartige und einzigartige Tatsache, die nicht nur sprachgeschichtlich bedeutungsvoll ist, sondern die auch für das Leben der Juden — über die sprachliche Entwicklung des Hebräischen hinaus — Perspektiven eröffnet. Denn auch das Gesetz, das ehedem den Urkräften des Volkes zu eigen ward und aus ihnen wuchs, wie die Sprache, und das ebenso wie diese in dem Buche und den sechs Ordnungen beschlossen liegt, scheint vielen starr wie die Sprache der Schrift, die dennoch aus sich neues Leben gestaltet. IV. Mit diesen Ausführungen erledigt sich eigentlich die Beantwortung der Frage, ob das Hebräische eine lebende und lebendige Sprache, oder ob sie nicht vielmehr eine zur Literatursprache erstarrte Sprache sei, — eine Frage, die als solche schon wiederum die ganze Eigenart des Hebräischen aufzeigt. Man könnte sich die Antwort leicht machen, auf das heute in Palästina gesprochene Hebräisch hinweisen und auf die Tatsache, daß für einen nicht unerheblichen Teil der Jugend das Hebräische dort nicht nur die Muttersprache, sondern d i e Sprache ist, die sie allein beherrschen und in der allein sie sich auszudrücken vermögen. Lassen wir aber die Entwicklung des Hebräischen in den letzten Jahrzehnten ruhig unberücksichtigt! Richtig ist, daß die Umgangssprache der Juden, die sie bei der Beschäftigung des Alltags und im Verkehr mit ihrer Umgebung gebrauchten, nicht das Hebräische war, seitdem der Quell der sprachschaffenden Kraft für das Hebräische versiegt war; seit Jahrhunderten sprechen die Juden aramäisch, arabisch, deutsch oder irgend eine andere Sprache, je nachdem in welche Kultur und Umgebung sie eingefügt sind. Das Buch aber und die hebräische Sprache des Buches blieb mit ihrer Seele verknüpft, wie nur lebendige Urkraft mit der Seele eines Volkes verknüpft sein kann. Die Ausdrucksform, in der die Sprache sich im Volke lebendig erhielt, ist für das Hebräische — entsprechend der Eigenart und Einzigartigkeit der jüdischen Entwicklung — eine andere als bei anderen Völkern; lebendig aber ist die Sprache auch während der letzten VA Jahrtausende in der Seele des Juden geblieben, so lange und so weit sie. mit dem Judentum verknüpft war. Vom Lehrer auf den Schüler nicht auf Entfernung, sondern in lebendiger Uberlieferung weitergegeben, war das Sich-Versenken in die hebräische Sprache religiöse Pflicht, die nicht von einzelnen freiwillig, sondern von allen erfüllt wurde. Ohne Hebräisch war es unmöglich Jude zu sein, denn das Geestz und die Innehaltung des Gesetzes verlangten die Kenntnis der Sprache, ebenso das vorgeschriebene Gebet. Das war kein Beten, bei dem nur die feierliche. Intonation eines Vorbeters oder Priesters mit angehört oder formelhaft wiederholt wurde, sondern ein eigenes Sprechen, ein Leben von verstandenen Worten, von Worten, mit denen die Leiden von Generationen verknüpft waren, die eigenes Erleben bedeuteten. Die Bilder der Buchstaben und die .Klänge der hebräischen Laute, die täglich mehrere Male gesehen und gehört wurden, gruben sich in die Seelen ein und ließen die Erinnerung nicht zur Ruhe, kommen. Bis zu den Tagen der Aufklärung war bei allen, von jenen Tagen an für die Mehrzahl der Juden die hebräische Sprache die einzige, deren Schriftzüge sie erlernten, deren Buchstaben sie daher auch verwandten, um die Umgangssprache zu schreiben. Was die großen jüdischen Gesetzeslehrer und Schriftsteller bis zur Aufklärung für die Gesamtheit des Judentums für bedeutend erachteten und der Nachwelt überliefert wissen wollten, schrieben sie hebräisch, schrieben und dachten es in dieser Sprache. Die Sprache bleibt daher in steter organischer Verbindung mit dem Volk, so wie bei allen anderen Völkern — nur in anderer Form —, und stirbt ebensowenig wie das Volk. Daher wechseln auch die Formen und Stile des Hebräischen zusammen mit der Entwicklung und Haltung des Judentums. Kehrt dieses zu seinen Quellen zurück und verjüngt sich an den Büchern der Bibel, kann es in freier Auseinandersetzung mit den Anschauungen der Umwelt und mit den die Zeit gestaltenden geistigen Kräften sich dehnen und weiten, weitet und dehnt sich mit ihm — wie in der islamisch-spanischen Periode und im 19. Jahrhundert in Rußland — das Hebräische; leben die Juden träge im Einerlei des Alltags dahin, nur die Erfordernisse des Gesetzes bedenkend, sonst aber sich dumpf abschließend, dann erschlafft auch die Ausdrucksform des Hebräischen und wird von sprachlichem Gestrüpp überwuchert. Solange die Bande des Judentums halten, lebt das Hebräische, auch ohne alle Attribute einer normal sich entwickelnden Sprache, so wie das jüdische Volk und das Judentum leben, ohne alle Attribute eines Volkes zu besitzen. Denn nicht nur das in allen Teilen gesunde und normal ablaufende Leben ist Leben, sondern aoich das ist Leben, was von den Regeln der wissenschaftlichen Definition abweicht und von den Theoretikern als Anomalie bezeichnet wird. Eine Gefahr für das Hebräische bestand und besteht nur dann und dort, wo die seelische Verknüpfung des Einzelnen mit der Gesamtheit und mit

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