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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-10-15 · 20 (15.10.1934) · p. Seite 415

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
20 (15.10.1934)
Date
1934-10-15
Page
Seite 415 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 415 sehen Bücher decke, daß etwa Jesaja die Worte seiner Reden mit gleichklingenden Vokalen ausgesprochen und die Psalmisten ihre Lieder mit demselben Akzent gesungen hätten. Die Zeichen der Masoreten geben vielmehr nur den Stand der Überlieferung ihrer Zeit, also ungefähr den hebräischen Vokalismus wieder, wie er im 7. nachchristlichen Jahrhundert im Gottesdienst verwendet wurde. Diese Rettung des hebräischen Bibeltextes, und damit des Hebräischen überhaupt, durch die ebenso exakte wie geniale Arbeit der Masoreten ging zeitlich ähnlichen, auch auf die Bibel zurückführenden Bestrebungen voran, die im Gefolge der großen politischen Veränderungen standen, die die Eroberungszüge des jungen Islam und der Araber dem gesamten Vorderen Orient vom 7. Jahrhundert ab brachten. Das Aramäische, das bis dahin in den Ländern, in denen die Hauptmasse der Juden wohnte, Umgangssprache gewesen war, verschwand und wurde durch das Arabische ersetzt. Das von dem jungen Islam besonders gepflegte Studium 'der arabischen Sprache und das Sich-Versenken in die heiligen Suren des Koran regte bei den Juden ähnliche Studien an, die sich bei ihnen auf das Hebräische und auf die Bibel richteten. Der ungefähr um das Jahr 900 lebende Gelehrte Saadja steht am Anfang einer langen Reihe von Generationen, die den Bau und Stil der hebräischen Sprache zu erforschen und die Bücher der Bibel zu erklären begannen, und durch das Zurückgehen auf die letzten Gründe das Judentum und die erstarrte hebräische Sprache auffrischten, reinigten und belebten. Die Lyrik der großen spanischjüdischen Sänger, die in den Gottesdienst und damit in das Leben der Juden Eingang gefunden hat, wäre ohne die Arbeit dieser großen Spracherneuerer nicht möglich gewesen. Vielleicht noch reicherer Segen kam dem in den vergangenen Jahrhunderten unentwickelt zurückgebliebenen Hebräischen durch die gewaltigen Anregungen, die die islamischen Wissenschaften insbesondere aber die weltanschauliche Auseinandersetzung brachte, die der Islam mit den großen Denkern der Griechen und des Hellenismus vornahm. Die Juden, die an diesen geistigen Kämpfen in vorderster Reihe teilnahmen, machten ihren Glaubensgenossen die Ergebnisse in einer unübersehbaren Fülle hebräischer Übersetzungen und originaler Werke in hebräischer Sprache zugänglich. Die Rückkehr zu dem reinen Hebräisch der Bibel und der Mischna, durch dessen Pflege das formelhafte und starre, aramäisch durchsetzte Sprachgut der späteren Gesetzesdiskussion nach und nach in Vergessenheit geriet, die Berührung mit dem Arabischen als einer verwandten semitischen Sprache, die aus unversiegbarem Quell sich immer neu verjüngte, und nicht zuletzt die Notwendigkeit, die verbreiterte und vertiefte Gedankenwelt in einem verständlichen Hebräisch darstellen zu müssen, führte zu einer Umformung und Neuformung und damit zu einer ungeheuren Bereicherung des hebräischen Wortschatzes, sowie zu einem eindringlichen, klaren und einfachen Stil, als dessen vornehmsten Repräsentanten man Maimonides mit seinem Mischne Tora ansehen darf. - Der Einfluß dieser Entwicklung auf die Juden der romanischgermanischen Länder blieb nicht aus. An schöpferischer und bildnerischer Kraft standen die führenden Köpfe unter den Juden Frankreichs und Deutschlands im 11. und 12. Jahrhundert ihren Brüdern in den islamischen Ländern wohl nach, dafür drang aber die Sprache ihrer Kommentare zu Bibel und Talmud und die der Responsen, die die Dinge des Lebens behandelten, in höherem Maße in die Kreise des Alltags ein. Der einfache Jude handhabte hier das Hebräische besser als sein Bruder in den islamischen Ländern, wo im wesentlichen nur das Arabische verstanden wurde. Das beweist die anonyme Volksliteratur, die in den germanischromanischen Ländern in hebräischer Sprache entstand, und die Tatsache, daß in der Umgangssprache der Juden, dem Jüdischdeutschen, seit jeher die Worte, die der Sphäre des Gedankens und dem Gefühls- und Seelenleben zugehören, dem Hebräischen entnommen waren. Die folgenden Jahrhunderte der Verfolgungen der Juden und des ihnen aufgezwungenen, zum Teil auch freiwilligen Sich- Abschließens von der Umwelt spiegeln sich wiederum deutlich in der Entwicklung der hebräischen Sprache. Die Vernachlässigung des Studiums der Bibel, die fast ausschließliche Beschäftigung mit der Kasuistik des Gesetzes und des Rituals, die Versenkung in den Sohar und die Werke der praktischen Kabbala lähmten die schöpferischen und bildnerischen Kräfte, machten den Floskeln und Formeln eines abgestorbenen Aramäischen wieder den Zutritt frei, und ließen das von den Quellen der reinen Ursprache abgeschnittene Hebräische verwildern. II. In diesem Zustand befanden sich die Juden und mit ihnen das Hebräische, als das Zeitalter der Aufklärung sie um die Wende des 18. Jahrhunderts zur Anteilnahme aufrief. Moses Mendelssohn war nicht bloß der Wegbereiter, der den Juden die deutsche Kultur und die abendländische Gesittung erschloß, — er bildet auch eine Wende in der Geschichte der hebräischen Sprache. Im Kampf gegen die Formen, die das Judentum in den verflossenen Jahrhunderten angenommen hatte, führte er und der von ihm abhängige. Kreis, der sich um die Zeitschrift Ha-Meassef gruppierte, die Juden zur Bibel, zum einfachen Verständnis ihrer Bücher und zu ihrer reinen hebräischen Sprache zurück. Daß das Streben dieses Kreises, den Juden die abendländische Kultur durch das Medium des Hebräischen zugänglich zu machen, trotzdem mißglückte, hatte zwei Gründe. Das Hebräische, das sie schrieben, und in dem sie die Fragen behandelten, die das damalige Denken bewegten, war zwar ein biblisches Hebräisch, aber nur ein aus biblischen Wendungen und Sätzen künstlich zusammengesetztes, nicht ein umgeformtes, belebtes, dem Denken der Zeit angepaßtes. Deswegen und weil sie die gesamte nachbiblische Entwicklung des Hebräischen grundsätzlich ausschalteten, konnte ihre Sprache nicht ausreichen, um die Vielgestaltigkeit des veränderten Lebens zur Darstellung zu bringen und die Leser zu befriedigen und anzuregen. Ferner wirkte die Fülle und Kraft des Deutschen und der anderen abendländischen Landessprachen, in deren Verständnis die Juden von Tag zu Tag mehr eindrangen, so erdrückend, daß die westlichen Juden sich für den Gebrauch dieser Sprachen nicht nur als Umgangssprache, sondern auch als einziger Schriftsprache entschieden, um allein durch ihre Vermittlung die allgemeine Kultur in sich aufzunehmen. Ebenso wie bei den westlichen Juden das Judentum von nun an nur noch eine verhältnismäßig kleine Provinz ihres geistigen Bezirkes in Anspruch nahm, so hörte auch das Hebräische auf, Ausdruck ihres Gefühlslebens zu sein. Ihre Haltung gegenüber der hebräischen Sprache, die nur noch Sprache des Gottesdienstes war und in der wissenschaftlichen Forschung galt, war bestenfalls eine tolerierende oder konservierende. Einen anderen Weg ging die Entwicklung im Osten Europas, wo die Landessprache den Juden schwerer zugänglich wurde, und wo sich ihnen allein durch das Hebräische die Ideen der Aufklärung sowie Denken und Wissen des Abendlandes erschlossen. Ebenso wie bei der Berührung mit dem Islam bewährte sich auch hier wiederum die Schöpferkraft des Hebräischen, das, an die Sprache der Bibel, der Mischna und der mittelalterlichen Schriftsteller und Philosophen anschließend, sich der großen Aufgabe gewachsen zeigte, den gesamten Sprachstoff, der notwendig war, um das die Juden umgebende Leben und das auf sie eindringende Wissen und Denken zur Darstellung zu bringen, in Neubildungen und Umgestaltungen zu schaffen. So wurde das verwilderte Hebräisch des 17. und 18. Jahrhunderts im Rußland des 19. Jahrhunderts wieder zur Kultur- und Schriftsprache, die nicht nur von einigen Gelehrten verstanden wurde, sondern die auch von dem einfachen Manne gelesen und zum Teil auch gesprochen wurde, weil sie ihm in volkstümlicher Form das Wissen Europas vermittelte, in Gedichten, Novellen und Romanen sein eigenes Leben deutete, und durch eine nicht unbedeutende Presse das. was in der Welt vorging, bekanntgab. Daß aber das Hebräische im Osten Europas nicht nur vorübergehend umgestaltet wurde, sondern daß es zur lebendigen KultursDrache wurde, verdankt es allein der Tatsache, daß sich seit den Tagen von Perez Smolensky die Idee der nationalen Regeneration des Judentums mit der verlebendigten hebräischen Sürache vereinigte und sie. als Orcan benutzend, mit weitem Leben und neuen, ewigen Zielen erfüllte. Von dem so gestalteten Hebräischen bis zu der Entfaltung, die es in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten in Palästina genommen hat. war nur noch ein verhältnismäßig kleiner Weg. Hier wurde und ist es die Sprache des öffentlichen Lebens und Unterrichts, die Umgangssprache der Juden.

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