Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 20 (15.10.1934)
- Date
- 1934-10-15
- Page
- Seite 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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414 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 und ihrer härteren Fügung ist uns nicht überliefert. Die Mannigfaltigkeit der derberen Sprache des hebräischen Bauern, die Mundarten an den entrückteren Stellen, besonders des nördlichen Palästina, können wir aus einigen Andeutungen und wissenschaftlichen Schlüssen ahnen, unmittelbar ist uns darüber so gut wie nichts überliefert. Dazu kommt, daß das, was dieser eine Band der Bibel in sich schließt, gleich ob man ihn mit den Augen des Kritikers oder mit denen 'des Uberlieferungsgläubigen betrachtet, die Literatur eines Jahrtausends ist. Wenn es erlaubt ist, an einem banalen Gleichnis unsere verhältnismäßig geringe Kenntnis von der althebräischen Sprache zu verdeutlichen, so ist es ungefähr so, als wenn uns von der gesamten deutschen Sprache vieler Jahrhunderte, der lebendigen Sprache des Volkes und 'der der Schriftsteller, des Bauern und des Städters, der Niederen und der Hohen nur literarisch fixierte Auszüge aus den Arbeiten der erlesensten Geister erhalten wären, die alles in allem nur den Umfang eines oder zweier Hefte einer bedeutenderen Monatsschrift füllten. Wie schwer, ja wie unmöglich wäre es, aus diesem äußerlich beschränkten literarischen Niederschlag eine Vorstellung und Kenntnis von der ungeheuren Fülle dessen, was sich in der lebendigen deutschen Sprache birgt, zu erhalten. Nicht nur, weil die Bibel die Norm für das Leben der Juden durch die Jahrhunderte geworden ist, ist es gerechtfertigt, die Juden das Volk des Buches zu nennen, sondern auch deswegen, weil sie darauf angewiesen waren, auf dieser verhältnismäßigschmalen Grundlage des nur buchmäßig überlieferten Hebräischen ihre Sprache weiter auszubauen. Mit dem babylonischen Exil und dem damals einsetzenden Verstricktsein der Juden in die Sprachen und Völker beginnt auch die eigenartige Entwicklung des Hebräischen. Schon als die Juden aus dem Exil mit Erlaubnis der unterdessen zur Herrschaft gelangten Perser zurückkehrten und Esra und Nehemia um 450 der vorchristlichen Zeitrechnung ihnen das Gemeinwesen von außen und innen bauten, war es mit der Alleinherrschaft des Hebräischen zu Ende; in der Zwischenzeit hatte sich das Aramäische in noch stärkerem Maße als zuvor in Palästina und unter den Juden verbreitet. Die Aramäer waren ursprünglich wie die Juden von Süden her eingewandert, hatten einige selbständige Staaten nördlich von Palästina gegründet, waren dann aber, ebenso wie die Juden, in politische Abhängigkeit geraten: ihre Sprache aber trat einen Siegeszug über den ganzen Vorderen Orient an und wurde für ungefähr ein Jahrtausend die internationale Verkehrssprache, die Sprache der Politiker und Gebildeten von Ägypten bis Persien. Auch die Juden, besonders die in den Städten wohnenden und die schriftstellerisch tätigen, wurden von der aramäischen Sprachwelle scharf erfaßt. Die nach Elephantine in Oberägypten ausgewanderten Juden schrieben schon im 5. Jahrhundert ein flüssiges Aramäisch, und das ungefähr im 2. Jahrhundert entstandene Buch Daniel beweist, daß die Juden jener Zeiten zum mindesten zweisprachig waren und daß das Hebräische nur noch neben dem Aramäischen die Sprache des Volkes war. Die Sprache des Volkes war es aber geblieben, auch noch in der Zeit, als die in der Bibel vereinigten Bücher hohen Stils zu einer Einheit zusammengefaßt und als kanonisiert anerkannt waren. Das hebräische Wort für Dinge und Begriffe, auch soweit es nicht in der Bibel schriftlich fixiert war, schlummerte damals noch im Volke und war der unerschöpfliche Ausdruck des das Land und seine Menschen durchflutenden Lebens. Die in der Zeit von ungefähr 200 vor bis 200 nach der christlichen Zeitrechnung entstandenen Apokryphen waren zum Teil in reinstem Hebräisch geschrieben, die erklärenden Midraschim zur Bibel, die als Volksliteratur angesehen werden können, sind gleichfalls hebräisch verfaßt; vor allen Dingen aber ist die um 200 nach unserer Zeitrechnung kodifizierte Mischna in einem Hebräisch geschrieben, das deutlich zeigt, daß zu jener Zeit das Hebräische nicht etwa bloß noch als Schriftsprache und als Sprache der Gesetzesgelehrten lebendig war, sondern noch aus dem vollen Leben des Volkes seine Nahrung zog. Im Gegensatz zu den meisten Büchern der Bibel, die in hoher, wohlgesetzter Sprache literarisch fixiert sind, ist die Mischna, die das Leben des einzelnen Juden von der Wiege bis zum Grabe, und vom Morgen bis zum Abend zu regeln und festzulegen bestrebt war, in einer dem Alltag entnommenen Sprache, zum Teil sogar mit Anführung der von den Lehrern wirklich gesprochenen Worte, überliefert. Daher finden wir in der Mischna unendlich viel hebräisches Sprachgut, das in der Bibel gar nicht oder in anderer, teils engerer, teils weiterer Bedeutung vorkommt, finden vor allem viele grammatische Formen beim Nomen und Verbum, die im Laufe der letzten Jahrhunderte im Munde des Volkes in lebendiger Formung aus eigenem oder durch Anlehnung an aramäische Bildungen entstanden waren, so wie Fügungen von Sätzen, die über den einfachen Stil des biblischen Hebräisch hinaus die flüssigere Form der Alltagsrede wiedergeben. Mit dem Abschluß der Mischna, also ungefähr mit dem Jahr 200, hat aber das Hebräische als Umgangssprache, als Sprache des Volkes, als lebendig wirkende und sich aus sich selbst heraus stets erneuernde Sprache zu existieren aufgehört. Nach der Zerstörung des Tempels durch Titus im Jahre 70 waren die Lehrhäuser die Stätten geworden, in 'denen das Volk sich sammelte, und in denen neben der aramäischen Umgangssprache das Hebräische gepflegt und gestaltet wurde. Nachdem aber Hadrian den Nerv des Judentums bedroht und die Lehrhäuser verboten hatte, die Juden sich daraufhin zerstreuten und auswanderten, und die Lehre nur in einzelnen Stätten Galiläas von den Schülern Rabbi Akibas, beinahe im geheimen, gepflegt werden konnte, versiegte auch in den hebräisch Sprechenden die schaffende Kraft. Wir wissen zwar, daß z. B. die Magd des Jehuda Ha-Nassi um 200 noch die hebräische Sprache beherrschte, daß sogar noch hundert Jahre später Rabbi Jonathan von der hebräischen Sprache im Gegensatz zu anderen von den Juden gebrauchten Sprachen feststellte, daß sie zur „Rede" bestimmt sei, daß der im 5. Jahrhundert in Tiberias lebende jüdische Lehrer des Kirchenvaters Hieronymus die hebräische Sprache meisterte, insgemein hatte aber das Hebräische aufgehört, die Sprache des Volkes und des Alltags zu sein, und war zur „Sprache der Weisen" und zur „Heiligen Sprache" geworden. In den nächsten zwei Jahrhunderten, vom 5, bis 7. Jahrhundert, in dem Zeitalter der talmudischen und nachta 1 - mudischen Diskussion des Gesetzes, die im wesentlichen in Babylonien in aramäischer Sprache geführt wurde, verschärfte sich noch die Krise für das Hebräische. Von einer befruchtenden Einwirkung des seinerseits auch schon alternden Aramäischen auf das Hebräische ist nichts zu spüren, und so wurde das Hebräische lediglich die Sprache des Gebets, des formulierten Gesetzes und höchstens im schriftlichen Verkehr verwendet; ja die Zahl der von Beruf nicht damit befaßten Juden, die das Hebräische der Bibel zu lesen und zu verstehen vermochten, wurde von Generation zu Generation kleiner. Diese bedrohliche Erscheinung, die zu einer Loslösung der hebräischen Sprache von dem jüdischen Volke als ihrem Träger und damit zu ihrer Abtötung hätte führen können, erklärt sich aus der Eigenart des Hebräischen, daß in ihm ebenso wie in den meisten Schriften der anderen semitischen Sprachen ursprünglich immer nur die Konsonanten, nicht aber die Vokale geschrieben werden, es vielmehr von dem Leser verlangt wird, den jeweils notwendigen Vokalismus hinzuzudenken. Um dazu imstande zu sein, muß man aber die Sprache beherrschen. Fehlt diese lebendige Kenntnis, dann kann nur noch von einer gelehrten Entzifferung, nicht aber mehr von einem fließenden Lesen gesprochen werden. Und in der Tat bestand im 7. Jahrhundert die Gefahr, daß nur noch die Gesetzeslehrer und Kenner der heiligen Schriften das Bibelwort zu lesen vermochten, daß aber das Volk und die Laien dazu nicht mehr imstande waren.! .!; Durch mühevolle Sammlung und Bearbeitung alles dessen, was Jahrhunderte hindurch in den jüdischen Lehrhäusern über die Anordnung und das Lesen der Bibel überliefert worden war, gelang es mehreren Generationen jüdischer Sprachforscher, die Gefahr, daß das Hebräische vom Leben abgeschnürt wurde, zu bannen. Noch bis auf den heutigen Tag fußt fast unsere gesamte Kenntnis von der hebräischen Sprache der Bibel auf dieser ungeheuren Arbeit der Masoreten, d. h. der „Kenner der Überlieferung", die für jedes Wort der gesamten Bibel durch die Hinzufügung kleiner Vokalnd Akzentzeichen nicht nur gewissermaßen eine phonetische Transskription des gesamten Konsonantentextes, sondern dadurch auch die Grundlage der grammatischen Erkenntnis der Sprache geliefert haben. Ein Irrtum wäre es jedoch anzunehmen, daß die von den Masoreten überlieferte Aussprache sich mit der der Verfasser der bibli-