Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 19 (1.10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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394 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 Kapernaum: Teilstück des Gesimses der antiken Synagoge mit Magen David Phot. Th. Z. Harburser auf ihre Mischbevölkerung — so reich an Spuren religiösen Lebens ist, erscheint keinem verwunderlich, der ihre Geschichte und ihre heutige jüdische und nichtjüdische Bevölkerung betrachtet. Nicht allein, daß hier der palästinensische Talmud (der eigentlich zu Unrecht der ..Jerusalemische" genannt wird) in jahrhundertelanger Tradition dort lebender Gelehrter entstand, Gelehrter, die wie R. Akiba, R. Jochanan b. Sakkai, R. Simon b. Jochai und R. Meir große Führer der Lehrhäuser waren und daneben weit hinaus auf das einfache Volk wirkten und den Kämpfen des Lebens nicht ferne standen, in dieser Landschaft mit ihrem eigentümlichen Reiz, großartigem Ernst und eindrucksvoller Größe hat; ich in der Bevölkerung vielfach eine besondere, ergreifende und fremdartige Äußerung des religiösen Lebens erhalten, die sich zum Teil gerade mit der Erinnerung an diese großen Männer verknüpft. Die mystische Form religiöser Hingabe, die sich besonders an den seit vielen Jahrhunderten in Ehren gehaltenen Grabstätten des R. Meir bei Tiberias und des R. Simon b. Jochai in Meron äußert, ist tief in der Natur der Bevölkerung verankert, was sich bei Gelegenheit von Festen der Araber nicht weniger kundgibt, als bei Feiern der einheimischen S'faradim oder schon seit Generationen ansässigen Aschkenasim. Die vollsaftige Lebensfreude dieses Menschenschlags, die sich in den äußerlich geschiedenen Elementen doch gleichermaßen äußert, war es wohl auch neben den oben skizzierten, aus der Tatsache resultierenden Gründen, die einer Mischbevölkerung der Plastik und später, als die Notwendigkeit strengerer Scheidung und genauerer Beobachtung des Gesetzes deren Verwendung fragwürdig werden ließ, der musivischen Kunst Eingang in die Synagogen verschaffte. Es ist verständlich, daß im Rahmen der rein archäologischen Aufgabe, die sich S u k e n i k in seinen Vorträgen stellte, solche Erwägungen nicht zum Ausdruck kommen können, jedenfalls aber zeigt die Entwicklung, die er gibt, diesen Weg. Seine Beschreibung der schon von Kohl und Watzinger erforschten Synagogen im Norden des Sees von Genezareth fördert manche wichtige zusätzliche Beobachtung zutage und wird bereichert durch die späterhin bekannt gewordenen Synagogenreste von Na'aran ('Ain Duk), Beth Alpha, Jerash, sowie von Delos, Milet und Priene in Griechenland und Kleinasien. Während die nordgaliläischen Synagogen vorzugsweise aus dem 2. und 3. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung stammen und damit der alten jüdischen Tradition Recht geben, wonach R. Simon b. Jochai, der bekannte sagenumwobene Schüler R Akiba's, der Stifter vieler dieser Bethäuser gewesen sei, datieren die übrigen von Sukenik behandelten Kultstätten meist aus dem 5. nachchristlichen Säkulum. In dieser Zeitspanne hat sich die oben geschilderte Entwicklung vollzogen, die in den erhaltenen Resten der Synagogen ihre Bestätigung findet: die Abkehr von der Verwendung plastischer Darstellungen beseelter Körper. In Kapernaum zeigen noch einige Reliefgebilde Wiedergaben von Löwen, Adlern und sagenhaften Seeungetümen, aber wir finden doch bereits dort, wie in dem nicht mehr erhaltenen ehemaligen Haupttor von Kafr Bir'im (abgebildet in „Jüdisches Lexikon", Bd. V, Sp. 790 unten; irrtümlich bezeichnet als „erhalten gebliebenes Tor der Synagoge zu Tel-Hum") und anderwärts deutliche Anzeichen einer gewollten und gewissenhaft durchgeführten Entfernung von Tiergestalten oder Flügelwesen. Bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert hat sich dann die Abneigung gegen plastische Bildungen in den Synagogen völlig durchgesetzt (eine Entwicklung, die wir übrigens in der gleichzeitigen frühchristlichen Kunst ebenso beobachten können) und an Stelle der Vollfigur tritt der zeichnerisch-malerische Schmuck in Form des Mosaiks. Daß dabei in der Wahl der verwendeten Themen keine ängstliche Zurückhaltung geübt wurde, beweist das mehrmalige Vorkommen des Tierkreises, in dessen Mittelstück beispielsweise in Beth Alpha der von Phöbus Apollo gelenkte Sonnenwagen mit seinen vier weißen Rossen Verwendung findet. Diese Unbekümmertheit offenbart sich am stärksten in der erst vor wenigen Jahren freigelegten Synagoge von Dura Europas am, Ufer des Euphrat, die eine neue Art der Kunstübung anwendet: die Freskomalerei. Hier sind die dargestellten Szenen von höchstem Interesse: die Opferung Isaacs, die Erscheinung im brennenden Dornbusch, die Rückkehr Mose's mit den beiden Gesetzestafeln, die Begegnung Josua's mit dem göttlichen Boten und das Gebet Josua's während der Schlacht bei Gibeon und Ajalon. All diese der klassischjüdischen Geschichte entnommenen Bilder beweisen im Zusammenhang mit anderen die biblische Geschichte illustrierenden Szenen das starke, eigene Kunstleben, das in den Synagogen Eingang fand. Durch eine glücklicherweise erhalten gebliebene Inschrift können wii