Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 19 (1.10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 392 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728019--09701-2742984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
392 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 kann für die Richtung, die das Werdesein der Menschheit jeweils nimmt. Mir will nun scheinen: diese Verantwortung, die selbst noch in Sympathie begründet ist, müsse die Gesinnung jedes ernsthaften Anthropologen sein. Auch Schelers Anthropologie ist ihrer tieferen Tendenz nach eine metaphysische Neubegründung der Humanitätsidee, indem der Mensch von ihm zum Mitkämpfer im inneren Kampfe der werdenden Gottheit gemacht wird. Eben darum vermochte Scheler es auch, der Idee der Bildung wieder eine philosophische Begründung zu geben. Auch für ihn waren Humanität und Nationalität keine Gegensätze, sondern in der Eigenart der Nationen war es, daß die Idee der Humanität sich entfaltete. Wie man auch nun zu dieser Geistesrichtung Stellung nehme, jedenfalls wäre es unwürdig eines Volkes, die gemeinsame Zentralidee seiner tiefsten Geister beinahe ungekannt und unbemerkt gegen eine unklar naturalistische Lebensphilosophie einzutauschen. Jedenfalls gibt es keine philosophische Anthropologie ohne die Annahme einer sich in der Menschheit entfaltenden Idee. Das eben ist ihr Anfangswagnis, das sie immer wieder der Selbstkritik unterwerfen muß. Man muß einmal gefühlt haben, was es heißt, in allem Ernste zu behaupten, es gäbe keine Idee der Menschheit, ein Gedanke, bei dem jedem wahren Menschen zum mindesten einen Augenblick der Atem stocken muß. Freilich kann man mir erwidern, daß Herder und Goethe trotz aller Jubiläumsbekundungen nur noch „Gegenstände der Literaturgeschichte" seien, längst nicht mehr ,,praeceptores Germaniae". Man vergißt, daß ein Volk, das sich seinen wirklich schöpferischen Geistern derart entfremden würde, unweigerlich zugleich ausscheiden Inneres der fünfschiffigen ehemaligen Synagoge zu Toledo, jetzt Sa. Maria La Bianca Zu dem Aufsatz von Prof. Landsberger (Vortrag am Donnerstag, den 4. Oktober, im „Museum") -yVV» ^1? VVI -p'jijvi filW" Lichtanzünder Aus einer französ. Bibel des XIV. Jahrhunderts (Brit. Museum) Zu dem Auisatz von Prof. Landsberger (Vortrag am Donnerstag, den 4. Oktober, im „Museum") würde aus der Reihe der Kulturnationen. Ich sehe eine Aufgabe der philosophischen Anthropologie nun auch gerade darin, daß sie eingreifen kann in die Krisis der Humanitätsidee. Es gehört zu ihrer Aufgabe, den ewigen Kern jener Gedanken zu lösen aus der zeitbedingten Form und für unsere Zeit wirksam zu machen. Geh. Jusfizraf Dr. Bernhard Mayer gest. 29. August 1934 Auch den verdientesten Persönlichkeiten jüdischen Glaubens flicht jetzt schon die Mitwelt keine Kränze mehr! Noch vor zwei Jahren war Geh. Justizrat Dr. Bernhard Mayer weit über die Grenzen Münchens hinaus viel genannt und stets anerkannt als bedeutender Rechtswissenschaftler, als vielbeschäftigter und oft erprobter Anwalt, als bewährter Mitführer seines Berufsstandes. Als er vor kurzem uns entrissen worden ist, hat nicht einmal die Fachpresse ihm den schuldigen Tribut der Dankbarkeit und Verehrung erwiesen. Freilich, still und ohne Gepränge das Forum dieser Welt zu verlassen, entsprach nicht nur den letzten Anordnungen, sondern vor allem auch der jeder Äußerlichkeit abholden Schlichtheit des Verstorbenen. Wenn in diesen Blättern seiner heute gedacht wird, so darf es im Sinne des Entschlafenen nur seinem Wesen gemäß in aller Einfachheit geschehen. In Bayreuth am 19. Juli 1865 geboren, kam Bernhard Mayer schon in jungen Jahren nach München, um es nicht mehr zu verlassen. In stets gleichbleibender Treue hing er an den Zentren seiner Ausbildung und seines Wirkens, München und Bayern, mit einer anhänglichen Liebe, die Fremden und Auswärtigen gegenüber sich leicht ablehnend verhielt. In mehr als 40 Jahren anwaltschaftlicher Tätigkeit errang sich Geheimrat Dr. Mayer eine große, aus allen Schichten der Bevölkerung sich zusammensetzende, dankbare Mandantenschaft. Die Rechtsuchenden erkannten auch durch alle Bescheidenheit, welche ihren Berater umgab, den wahren Wert dieses Mannes: sein tiefes juristisches Wissen, die im eigenen Ethos wurzelnde, durch praktische Erfahrung vertiefte Unbestechlichkeit seines Urteils und seine bis an die Grenzen der eigenen Kraft gehende Hingabe an die ihm anvertrauten Angelegenheiten,