Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-09-17 · 18 (17.9.1934) · p. Seite 372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
18 (17.9.1934)
Date
1934-09-17
Page
Seite 372 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728018--09680-2742962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

372 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 Heuer wählt die Dame ihre PE LZ*GAR DE ROBE direkt bei S.ORUANSKY& Co., München, Neuhauserstr. 29 Jedes einzelne Pelzstück, das sie sich dort wählt, ist mit fachmännischer Gewissenhaftigkeit so solide hergestellt, daß es viele Jahre als Schmuckstück und als Dauerwert ihre Wünsche befriedigt. alles Dazwischenliegende. Ja, sie hätte die Stirn, diese schlechte Sitte noch mit Gründen zu verteidigen, die einer besseren Sache würdig gewesen wären. Sie beraubte sich wissentlich, so meinte sie, des unedlen Elements der Neugierde, da sie nun doch schon von vornherein wisse, was daraus werde, und so könne sie mit stärkerer Aufmerksamkeit und tieferem Eingehen auf die Absicht des Autors endlich das Buch genießen. — Durch die Ironie des Schicksals befindet sich der Leser in Deutschland dem eben erschienenen Buche Georg Hermanns gegenüber unfreiwillig in eben der Lage, die meine Freundin — wir glaubtens ihr nicht ganz — als die ideale für den Bücherleser sich auswählte. Vor kurzer Zeit veröffentlichte die Jüdische Buch-Vereinigung sein an der gleichen Stelle gewürdigtes Buch „Eine Zeit stirbt". Dies Buch war das letzte in einer Reihe von fünf Romanen, die Schicksale der gleichen Menschen über ein Lebensalter weiterspinnen, und handelte vom Sterben der jungen, tapferen und schönen Ruth und zugleich vom Versinken so manches unter ihren Zeitgenossen. Das Buch dagegen, das der holländische Verlag Allert de Lange soeben veröffentlicht und das in allernächster Zeit auch hier in Deutschland erscheinen wird, bildet das vorhergehende Glied in dieser fünfgliedrigen Kette: und wir alle, die wir uns jetzt von ,,Ruths schwerer Stunde" erzählen lassen, wissen schon um die weiteren Schicksale dieses schönen jungen Geschöpfes und ihres ohne viel Schmeichelei geschilderten Freundes Fritz Eisner. Und fast — aber eben nur fast — scheint es uns, als habe die endverschlingende Freundin dennoch recht gehabt. Denn dies Buch fesselt uns jetzt auf eine ganz besondere Weise . . . die freilich beinahe nur bei Georg Hermanns herrlich plauderhaften Büchern denkbar ist. „Bei Geschriebenem ist der Inhalt gleichgültig!" lautet ein viel zitiertes Wort. Und also lassen wir uns hier, wenn wir irgend in diesen aufgeregten Tagen die Sammlung dazu aufbringen, gerne von Georg Hermann von allen diesen uns eigentlich ganz gleichgültigen Leuten erzählen, deren kleine Schicksale wir schon von ihrem bittern Ende aus kennen — nur weil ers noch immer kann, der alte Hexenmeister, der uns früher einmal — ich glaube, es war im „Kleinen Gast" — auf hundertundzwanzig Seiten von Wertheim bis nach Steglitz führte. Gleichgültig und fremd sind uns diese Leute alle, wenn sie auch noch so schöne Bilder kaufen und noch so entzückende Fehmäntel tragen ... bis auf die Eine — bis auf Ruth. In diese kluge, anmutige, tapfere und ganz untriviale Person sind wir schon nach den ersten zehn Seiten ebenso verliebt wie Fritz Eisner oder Georg Hennann es offenbar noch heute ist: wie sie ohne viel Aufhebens davon zu machen, aber auch ohne sich unnötig als Heldin zu drapieren die „schwere Stunde" herannahen fühlt — ohne ein Dach überm Haupte, ohne einen Vatersnamen für ihr Kind. Und daß wir nun schon von ihrem frühen Sterben wissen, das umgibt ihr junges Haupt für uns mit der 'Glorie der Todgeweihten, die es schon trug, als sie noch in München im Entbindungsheim ihr kleines Mädchen zur Welt brachte. Wie auf jenen alten Mädchenbildern, bei denen der Gevatter Tod dem blühenden Mädchen über die Schulter guckt oder im Spiegel erscheint, so ist auch Ruth niemals sehr fern von Tod und Todesgedanker„. Auch hier ruft sie den Tod einmal, um dem Freunde und sich selbst Leid zu ersparen — aber der Gerufene, dessen Flügel sie schon umwehten, bleibt nicht bei ihr, läßt sich gern, wie es scheint, wieder hinwegscheuchen. Der wird erst wieder kommen, wenn sie sein am wenigsten begehrt .... Was bleibt uns außer diesem lichten Bilde von diesem Buche? .— Es gibt uns eine kluge und weitsichtige Schilderung einer süddeutschen Stadt vor etwa zehn Jahren. Und auch hier scheint es uns wie bei Ruths Schicksal und dem ihrer Freunde . . . wir wissen das Ende. Unterdes sind wir ja um zehn Jahre klüger und . . . trauriger geworden; was einst dem „Alten Seemann" in einer Nacht geschah, dazu haben wir zehn Jahre gehraucht . . . und mancher von uns scheint noch mehr zu dieser Aufgabe zu brauchen. Aber der Seemann sah auch den Albatros fliegen, den Sturmvogel; und wenn wir heut Georg Hermanns Buch lesen, so kommt es uns vor, als schwirrten Sturmvögel ähnlichen Gefieders durch alle Seiten dieses Buches. Einmal wird man diese Kette von Romanen vielleicht nicht nur als Kunstwerke, sondern auch als Zeitchronik schätzen. Alle diese Dinge, die wir vielleicht allzu rasch vergaßen, weil wir sie gern vergaßen: den Wirrwarr der ersten Nach-Kriegs- Jahre, die Eingeengtheit in allen Lebensbedürfnissen, die Wertlosigkeit des Geldes, das Brodeln unter der Oberfläche . . . ach, und das schwelende Glimmen des Judenhasses, das nach dem verlorenen Kriege hier und dort schon hell aufflammte. „Ich habe den Krieg nicht begonnen, nicht geführt und nicht verloren", sagt einer von Fritz Eisners Freunden. „Ich bin nur in ihm zum Krüppel geworden und habe meinen einzigen Sohn dabei gelassen." „Mein Nachbar, mit dem ich tausend Jahr und länger zusammengelebt habe, will mich plötzlich totschlagen, weil ich für ihn der Jude bin und weil er behauptet, daß ich kein Deutscher für ihn bin. Der Pole und der Franzose will mich totschlagen, weil ich ein Deutscher für ihn bin. Der Russe will mich totschlagen, weil er mich für einen hoffnungslosen^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.