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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-09-17 · 18 (17.9.1934) · p. Seite 371

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
18 (17.9.1934)
Date
1934-09-17
Page
Seite 371 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 371 geflügelten Worte: „Mee Alophin mein' Kappore! — mechulle bin ich doch!" Das Schulmeistergemüt des seligen Verfassers aus der Biedermeierzeit bemerkt dazu: „Als Ausruf des Unwillens über Gleichgültigkeit bei noch so unnötigen Ausagben. Oft geschieht's nämlich, daß Menschen, gerade wenn sie anfangen herabzukommen, auch anfangen in den Tag hineinzuleben, weil sie denken: Was tut's, zugrunde gerichtet sind wir doch." — Oder die Redensarten, die die Verachtung des Untüchtigen, des geistig Einfachen ausdrücken, die vielen Antworten auf die jüdische Gretchen-Frage: Was treibt der Mann, wovon lebt er? „Er handelt mit Scheemes- Blätter!" — „Hot aan Gott un aan Rock." — „Mi Komooche! — Kaan Öl un kaan Zooche!" — „Er is nebich e Rachmones!" —- „Bis sich der Socher besinnt, besinnt sich der Mochsin aach!" Es ist nur ein Schritt von solchen Sammlungen zu den zeitgenössischen bösartigen „folkloristischen" Büchern des fränkischen Edelmannes und Bezirksrichters: „Israels Verkehr und Geist" (Itzig Feitel Sterns Schriften) aus den 30iger und 40iger Jahren des 19. Jahrhunderts. „Was get mich das Hölzche' an!" Ein alter Mann, der sich in einer Krankenanstalt befand, klagte dem Vorsteher bei einem Besuch über die beständige Kälte im Zimmer. Der Vorsteher geht an das Thermometer und sagt: „Ich weiß nicht, was Sie wollen. Das Thermometer zeigt 16 Grad." „Was get mich das Hölzche' an!", kräht der Alte, „wenn es dem Hölzche' aach zu warm is, mir is es kalt." — Oder die Frage, über die uns das Lachen in der Kehle bleibt: „Schmülche' — waass ich's!" Schmul sprengt im gestreckten Galopp durch die Straße. „Schmülche', wohin?" rief ihm ein Bekannter zu. „Waass ich's?" antwortete Schmülche, indem er verzweifelt auf sein Pferd deutete, das mit ihm durchgegangen war. — „Balbos! was hat Ihr vorhin gesagt?" — Einem zu Tisch gebetenen „Polak" ward von einer Speise zum zweitenmale angeboten. Bescheiden sagte er: „Ich danke", in der Erwartung freilich, daß der Hausherr ihn noch einmal nötigen werde. Als dies ausblieb, da tönt später die kleinlaute Frage: „Balbos, was hät Ihr vorhin gesagt?" Der Schatten eingewurzelter Gramschaft, einem nicht mehr auszurottenden Mißtrauen gegen das Glück und die Gutheit von Gott und Menschen lagert über den Redewendungen dieser „Landsjuden", deren „Jüdischkeit" schon entartet ist. Tendlau spricht oft in seinen »Der freundliche Herr empfiehlt sich! Sie werden bei ihm eine zuvorkommende, freundliche Bedienung, eine zuverlässige, gewissenhafte Beratung finden! BAMBERGER & HERTZ Die zuverlässigen K I e i d e r f a c h I e u t e Erläuterungen von der „scherzweisen" Verwendung dieser Reden. Aber die Weisheit und der Humor, der daraus für uns spricht, ist die bittere Resignation eines von seinem Urgrund, von seinem Boden und seinem großartigen geistigen Gut abgedrängten Stammes, dessen Genius verschüttet wurde und dessen Sonderart man Generationen durch nicht gerecht worden ist. Das Mißtrauen gegen die fremde Umwelt, gegen den Abgefallenen, der Selbsthaß und die Selbstironie drohen den alten jüdischen Stammesstolz, seinen Seelen- und Geistesadel zu überwuchern. Das 19. Jahrhundert, die vielgelästerte „Reform", das jetzt so gescholtene Prinzip „Tora-im-derech erez" versteht nur, wer diese Sprichwörter-Sammlung gelesen hat. — Zorn und Unwillen ergreift unsere beste Jugend, wenn sie von den Großmüttern diese hebräisch-deutschen Wendungen hören, in denen sich für den Jugendlichen oft nur die Würdelosigkeit und glaubenslose Skepsis einer materiellen ungeistigen Zeit verkörpert. Aber durch diese angeblich „würdelose" Haltung schimmert viel, viel mehr, auch als sich die korrekte Schulweisheit unserer mit Titel und Ehrenzeichen behafteten Väter und Zeitgenossen, die jetzt so kleinlaut und verlegen ihr Bändchen tragen, träumen läßt. Es gehört zur Erziehung zum Amor fati, auch die schlimm-heilige Mischsprache „deutsch-jüdischer Vorzeit" kennen, verstehen und lieben zu lernen. „Wie Aaner gehoolekraascht is, so haasst er", das soll heißen: Der Namen, den einer einmal als gut oder bös erhalten hat, der bleibt ihm ohne Revisionsmöglichkeit. Eine melancholisch stimmende Feststellung, die uns zu uns selbst zurückführt und uns das Schielen nach fremder Bestätigung austreibt. F. Hic Rhodus - hic salfa! Bescheidene Erinnerung an den Dichter Georg Hermann Zu Georg Hermanns neuem Roman „Ruths schwere Stunde" (1934. Verlag Allert de Lange, Amsterdam) Ich hatte mal eine Freundin, die unendlich viele Bücher las und sie alle auf eine ganz sonderbare Art sich einverleibte. Erst las sie langsam die ersten Seiten, bis sie so mit Held und Heldin, guten und bösen Engeln die erste Bekanntschaft gemacht hatte. Dann schlug sie das Buch mit einem Ruck zu — und öffnete es wieder bei den letzten Seiten: las rasch die allerletzten Seiten, „denn man will doch wissen, was draus geworden ist, nicht wahr?" — Und schließlich, wenn das Schicksal des Helden oder der Heldin sie lockte, kehrte sie zurück und las nun mit gesammelter Aufmerksamkeit und ungestört von jeder Neugierde „ob sie sich kriegen"

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