Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 18 (17.9.1934)
- Date
- 1934-09-17
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 369 M a x B r o d Elegie an die abgefallenen Juden Aus dem Schocken-Almanach 5695 (1934135) Lebendiger Friedhof meines Volkes! ich durchwandle still Dein dämmerndes Geviert, das nichts als Ruhe will, Das nur zerbröckeln will, das nur verfallen will... Brüder und Schwestern, ungezählt und unbekannt, Sitzen auf ihren Gräbern, seh'n mich an, Starr ist ihr Blick, abweisend ihre Hand, Brüder und Schwestern, ach, was hab ich euch getan? 0 Frage weich, auf die es eine harte Antwort gibt: Du hast uns nicht genug geliebt. Dem Bösen und dem Kind, das nicht zu fragen wagt, Unwissenden und Klugen — keinem ward das Wort gesagt, Des Berge öffnet, das in Finsternisse tagt. Aufstürmte auch bei uns viel edle Männerkraft — Nun seid ihr da, Skelette, scharrt den Sand, Stolziert in Fetzen, schnöde aufgerafft, Schamlos ist jeder Gang und Griff und Stand, Das Denken roh, die Rede ungesiebt... 0 dreimal Weh, daß man euch nicht genug geliebt. Kreischenden Morgenvögeln gleich nach ungeschlaf'ner Na Hat's mich metallen tausendstimmig ausgelacht. Und weiter ging ich, gab getreulich acht. Der Friedhof rückte weiter, grenzenlos, Die Leichen wandelten und sprachen klar, Zwar brannt' ein Flammenmal an jedem Schoß, Doch auf den Wangen Hohn und Hochmut war, Mutwillig Wort von mancher Lippe stiebt: Warum hast du uns nicht genug geliebt? ■hl Ach niemand hat euch an vertrauten Arm gekettet, Niemand euch aus dem Plätschern öden Kartenspiels gerettet, Niemand gestützt — nur jeder gegen euch gewettet. Ihr schiedet, wie ihr hier geht: reuelos, Gedankenlos fast, selten einer groß — Nur mancher blitzt mit düst'rer Ungeduld, Dann weiß ich es: An allem sind wir schuld, Noch an den Striemen, die ihr bös uns hiebt Zur Strafe, daß wir nicht genug geliebt. Und nun erkenn' ich manchen, der mir wert. <) Knabe dort, von bleichen Rätseln ausgezehrt. Du bist im Recht — man hat dich nichts gelehrt. Ach, wo sind deine Lehrer, Israel? Zwar schläft und schlummert nicht der Hüter Israels, Doch seine Lehrer dösen, dick vermummt, Der große Mund der Tugend ist verstummt. Die ihr das Jugendmark aus unsern Knochen triebt, Schändliche Greise, ihr habt nicht genug geliebt. Und auch das hohe Mädchen, Ester wundersam — Sie schwebte stolz vorbei: — Wo ist der Bräutigam, Der Bruder meiner Seele, der in uns're Hütte kam? — Ach niemand kam, nur deines Volks Verführer lehnen Die kalte Stirn an jungfräuliche Hüfte. So trugst du Keuschheit und verletzte Sehnen Und schöne Kinder hin in fremde Lüfte, Wo dich in allem Glück ein Ach umgibt: Daheim hat man mich nicht genug geliebt. Lebend'ger Friedhof meines Volkes! ich durchwand're still Dein dämmerndes Geviert. — Und Lerchen steigen schrill Zu östlichem Gewölke, das kein Gott durchbrechen will. Springt endlich dort das Tor auf, donnert Licht Jubelakkordisch her — euch strahlt es nicht. Verdrossen dreht ihr euch. Und wir gequält Am schönsten Tage, merken, daß ihr fehlt Und daß auf ewig uns verlorner Chor umgibt Wie Geisterstimmen: Wehe, nicht genug geliebt! Zum Tode von Oskar Wassermann Ein Stück bayerischer und deutscher Wirtschaftsgeschichte. Mit dem am 8. September in Garmisch verstorbenen Bankier Oscar Wassermann ist nicht nur ein hervorragender Wirtschaftsführer, dessen vorbildliche Berufsauffassung auch von seinen natürlichen Gegnern anerkannt wird, sondern vor allem eine charaktervolle jüdische Persönlichkeit von Format von uns gegangen. Was Oscar Wassermann von vielen anderen bedeutenden Männern der Wirtschaft aus Bank, Börse, Handel und Industrie unterscheidet, ist, daß er Zeit seines Lebens bewußter stolzer Jude blieb, der für alles Jüdische ein empfängliches, mitschwingendes Gefühl besonderer Art hatte, der jüdisches Schrifttum, jüdische Künstler und Anstalten in jeder Weise förderte, nicht wie chinesische Keramik oder irgendeine noch so wichtige Wissenschaft oder Kunst, sondern als Herzensangelegenheit. Er erwarb sich bis zu seinem Lebensende Kenntnisse vom Judentum, dessen verehrungswürdige historische Gesamterscheinung ihm ein zu behütendes Heiligtum blieb, weit über die gewöhnlichen Bindungen hinaus aus pietas, fides, reverentia, drei Kardinaltugenden, die von den früher Mäch-