Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 18 (17.9.1934)
- Date
- 1934-09-17
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 pflege muß ergänzend und krönend die private Mildtätigkeit zur Seite treten. Das ist der Sinn der altjüdischen Z'dokoh. Ihr hat Elias Straus Zeit seines Lehens immer und zu jeder Stunde — sei es, daß hei seinen Amtsgeschäf ten oder im Kreis der Familie der Ruf eines Hilfesuchenden ihn erreichte — seine Opfer gebracht. Deshalb können auch wenige Worte so schön wie die des Propheten Jeschaijahu über die Menschenliebe und ihre Betätigung, die wir in der Haftoroh des Jom-Kippur sprechen und die auf seinem Grabmal eingegraben sind, das Leben des Toten kennzeichnen. In dieser Gedenkstunde weilen unsere Gedanken auch im Hause des Verewigten in Erez-Jisroel, wo sein Geist von Witwe und Kindern weitergetragen wird. Der Vorsitzende des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde München. Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neu m eye r. nahm sodann das Wort zu folgender Ansprache: Sehr geehrte Trauerversammlung! Am 16. Juni 1933 ist Elias Straus von uns gegangen. Er war 54 Jahre alt. Wir hatten nicht die Empfindung, daß er schon soweit im Alter stand. Er ist so jung gewesen, ein ungewöhnlicher Mann. Sprößling eines alten Rabbinengeschlechtes besaß er eine tiefe, ausgeglichene Bildung und umfassende Kenntnisse, er hatte geschichtlichen Sinn und war fähig, den Zusammenhang der Dinge zu ergründen. Er war aber auch der Mann der Praxis, des politischen Denkens und entschlossenen Handelns. Er war der Kämpfer für Weltanschauung und Gesinnung, für Wirtschaft und Recht; er war vor allem der ausgleichende Mann mit dem gütigen Herzen. Er war der Helfer der Armen und Bedrängten, jedes einzelnen von ihnen, und er war der weitblickende Führer in Stadt und Land. Er war das verehrte und geliebte Haupt einer großen Familie und er war der väterliche Freund der zahllosen Menschen, die auf seinem Lebenswege ihm begegnet sind. So brennt uns allen die Wunde wie am ersten Tage, da wir ihn verloren. Er hat sich in unseren Herzen ein Denkmal gesetzt, unzerstörbar durch Zeit und Raum. Und doch haben wir Menschen das Bedürfnis, unsere tiefsten Gedanken in Symbole zu kleiden, daß wir sie der Mit- und Nachwelt vermitteln können. So haben wir dem Toten ein Denkmal errichtet in Stein und Schrift. Von Künstlerhand geschaffen, in vollendeter Form, erweckt es in dem Beschauer die Ahnung und Vorstellung von der Persönlichkeit dieses begnadeten Mannes. Wir aber haben uns heute hier eingefunden, um dem Denkmal die erste Weihe zu geben und den heißen Dank zu erstatten der jüdischen Gemeinde München, der Gemeinden des Landes und der ganzen deutschen Judenheit, der sein Lebenswerk gewidmet war. Eine Zweiheit bedeutsamer Art tut sich vor unseren Augen auf. Die Familie des Verstorbenen weilt im Lande der Väter, seine Gebeine ruhen im deutschen Räume. Die von uns allen hochverehrte, unvergessene Witwe des Verblichenen und seine Kinder haben die Ausgestaltung des Denkmals der Gemeinde München übertragen. Wir danken ihnen für diesen Akt feinsinnigen Empfindens. Er zeigt uns ihre andauernde Verbundenheit mit unserer Gemeinde, die wir pflegen wollen für alle Zeit. Dieses Geschehen zeigt aber auch, daß unsere besten Familien, daß wir selbst heute zwei Welten angehören, dem Lande der Väter und dem deutschen Boden. An dem Grabe dieses bedeutenden Mannes, der mit seiner ganzen Liebe und seiner ganzen Arbeit diesen beiden Welten gedient hat und im Hinblick auf die schwere Zeit, die auf uns liegt und seit dem Heimgang dieses Toten noch schwerer geworden ist, sei es gestattet, einige Gedanken allgemeiner Art beizufügen. Wir deutschen Juden müssen beides leisten, die politische und kulturelle Arbeit im Lande der Väter und die Erhaltung unserer wirtschaftlichen und geistigen Existenz in deutschen Landen. Wir müssen denen die Wege nach Palästina ebnen, die ihre Lebensbedingungen hier verloren haben, und müssen die zusammenfassen und stützen, die in der deutschen Heimat geblieben sind. Wir können nicht wählen, wir tragen das Schicksal wie es uns auferlegt ist. Wir haben im heiligen Lande die freie schöpferische Gestaltung des Lebens in Volksverbundenheit, wir haben auf deutschem Boden ein kostbares Gut, das wir nirgends in der Welt, auch nicht in Palästina, in gleicher Weise treffen, die jüdische Gemeinde mit ihrer über die Parteien hinausragenden und alle vereinenden religiösen Gebundenheit. Wir haben Palästina, diesem wiederum jungen Lande mit seinem himmelwärts stürmenden politischen und wirtschaftlichen Drängen auf Neugestaltung, nach den Worten eines ausgezeichneten Mannes unserer Tage eines voraus, das Leid, das uns reif macht, wenn wir es überwinden, das uns befähigt, dem Schicksal standzuhalten. So wollen wir morgen, am Neujahrstage, beten: Vater, König, laß uns tragen unser Leid. Wenn wir in kurzer Zeit uns anschicken, den 800. Geburtstag des Maimoiiides zu begehen, der die griechisch-arabische Weisheit dem Abendlande übermittelt hat, so wollen wir uns erinnern, daß die deutschen Juden die spanischen abgelöst haben als die geistigen Führer der Juden der Welt. Und im Sinne des Verstorbenen, der die jüdische Bildung mit der Bildung der Welt in so außerordentlichem Maße vereinigt hat, wollen wir die hebräische Universität in Jerusalem fördern, wir wollen aber auch in deutschen Landen das Lehrhaus hochhalten und die Weisheit der Welt nicht vergessen, wir wollen stets daran denken, daß es der Geist ist, der unsere Gemeinschaft durch die Jahrhunderte geleitet hat. So wollen wir im Sinne und nach der tapferen Art von Elias Straus unser Schicksal auf uns nehmen und, wenn wir kleinmütig verzagen möchten, uns aufrichten an der Gestalt dieses Mannes. Er soll uns führen im Lande der Väter und er soll uns führen in den Gemeinden des deutschen Landes. Denn das Judentum ist lebendig, es wohnt, wo sein Geist weht. Der Segen dieses Mannes ruhe auf unseren Gemeinden! Kurze herzliche Worte des Dankes und der Erinnerung widmete sodann Jüstizrat Dr. Emil Fraenkcl für die zionistischen Freunde dem Verewigten, seiner Persönlichkeit, seinem Schaden und seinem Beispiel. Mit Worten aus der Tefilloh unserer höchsten Tage gab er der Hoffnung, daß sein Geist wieder auflebe, bewegten Ausdruck. Seine Freunde fühlen Tag für Tag. daß der Tod von Elias Straus viel zu früh und immer neu fühlbar uns getroffen hat. Sein Ideal des Lebens, das Wirken im Heiligen Land, verwirklichen nun in seinem Geist die Lebensgefährtin und die Kinder. Am Grab selbst sang zum Schluß Kantor David Davidovics ergreifend das El-Mole-Rachamim; Rabbiner Dr. Ehrentreu sprach das Kaddisch. — Der vornehme, in seiner Linienführung einfache und edle Grabstein ist eine besonders gelungene Arbeit von Architekt Fritz Landauer. Außer einem Früchtekranz wird der Stein über der Inschrift noch von der ,,Krone des guten Namens" geschmückt, von der die Worte um den darunter befindlichen Mogen-Dovid sprechen. Die Inschrift des Denkmals kündet außer dem Namen und Todestag des Dahingegangenen von seiner Abstammung aus dem Haus des Baalschem von Michelstadt, der wiederum sein Geschlecht bis zu Raschi zurückführt. Denn Sinn des Wirkens und Lebens von Elias Straus suchen die Worte der Verse 7 und 8 des 58. Kapitels von Jeschaijahu zu fassen: ..Ist's nicht, um dem Hungrigen dein Brot zu brechen, und daß du verstoßene Arme in dein Haus bringets, wo du einen Nackten siehst, ihn bedeckest, und als von deinem eigenen Fleisch dich ihm nicht entziehest? Dann wird wie Morgenrot dein Licht anbrechen und auch deine Heilung wird rasch erblühen, und vor dir her geht deine Gerechtigkeit und die Herrlichkeit Gottes nimmt dich auf."