Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 18 (17.9.1934)
- Date
- 1934-09-17
- Page
- Seite 367 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 367 Ne'ila Die weiße Kerze brannte tief; ihre Flamme war müde von der schweigenden Nacht und dem langen Tag der Gebete. Die weißen Tücher, die heute die bunten Reihen der Büchergestelle verbargen, hingen schwerer als am Abend zuvor, und in den Fenstern wurde jetzt der goldene Oktobertag bleich und bekam einen grauen Schein. Wir standen zum Kaddisch des Ne'ila-Gebets auf. Wir waren junge Menschen, der Gebetkreis um Franz Rosenzweig. Wir standen — und er saß. Wir hoben die Bücher mit unseren kräftigen, arbeitsbereiten Händen — ihm wendete ein freundlich Dienender die Blätter des Machsors um. So hatte Franz Rosenzweig an vielen Sabbathen und Jom-towim unter den Seinen gesessen, seit die Krankheit seinen Leib lähmte. Aber die Flügel seines Geistes trugen rauschend seine Kraft aus der engen Stube über ganz Israel hin, und in der ganzen Welt hielt Israel den Atem an und horchte. So saß er jetzt, in diesem sinkenden Tag, an seinem letzten Jörn Kippur. Er saß als ein König, im Sterbegewand, vom Talith umhüllt, die weiße Kappe mit dem brokatenen Band überkrönte das Duldergesicht. So saß er und hielt mit den strahlenden Blicken den Raum umfaßt, den Schrank mit den Thorarollen, den weißen Tisch und den vorbetenden Jüngling, die jungen Männer in ihren Gebetsmänteln, das schmale Benjaminköpfchen seines kleinen Sohnes. Und das Licht, das tief herabgebrannt war, tief--- Wir standen hinter ihm, wir wenigen Frauen und Mädchen, die an diesem Tag in seiner Gegenwart fasten und beten durften. Einen Kol-nidre-Abend und einen ganzen Jom Kippur lang hatte vor unseren, vor meinen Augen das königliche Leidenshaupt gegen den Schrein der Seforim gestanden. Die gewaltige Rede seines stummen Tragens war mir entgegengekommen; wenn ich von den flehenden Rufen des,Owinumalkenu' aufsah; als ich aus der Awaudoh aufstand. Wie in den Geschichten der Chassidim hatte er unsere Gebete auf die Flügel des seinen genommen und sie mit sich hinaufgerissen. Nun ging der Tag zu Ende. Nun standen wir zum letzten Male, eng aneinandergedrückt von der Not unseres Flehens und hofften zu unserem Vater, unserem König hinauf. Die Stimme des Vorbeters brannte tief wie die Kerze. Und dann kam das Schweigen--- Denn es war noch nicht völlig Nacht geworden. Die Fenster schienen noch grau zu uns her, die drei weisenden Sterne zeigten sich uns noch nicht. Da standen wir nun, wie wir im Gebet gestanden hatten, und schwiegen. Und mit dem Schweigen kam die Gewalt des Wissens um diese Stunde. Sie kam auch über mich und war die Flut, die alles mit sich wegspülte, was je an Fremdsein und Fernsein vom Gott unserer Väter und von Israel, was je an Zweifel und an falschem Ziel, was je an Heimatlosigkeit und Irrtum durch meine Seele gegangen war. In diesem Schweigen vor dem sammelnden Ruf wußte ich zum ersten Male in meinem Leben, was das ist: Teschuwoh. Da kam die Stimme des Vorbeters zurück. Aber jetzt war sie anders, diese junge Stimme: sie hatte sich dem Bekennen und dem Flehen dieses Tages angeschmiegt wie ein Samtgewand, das eine Sefer-Thora umhüllt: jetzt war sie rauh, ein wenig heiser, als hätten sich Tränen, verheimlichte Tränen in sie eingezwungen. ,. Adonai hu Elohim!" Schauer und Frösteln über mich hin — das ruft unser Volk seinen Sterbenden zu. Und hinter Franz Rosenzweig stand der Todesengel mit halb entbreiteten Schwingen. ,.Adonai hu Elohim!" Und wenn er hinter mir stünde — von dieser Stunde an war keine Feigheit mehr möglich, nicht nur im Angesichte solchen vollendeten Sterbens — im Gelöbnis solchen Lebens! ,,Adonai hu Elohim!" Wir sprachen hinter dem fordernden Bekenntnis das Sclvma. wir wiederholten den dröhnenden Ruf vom Gipfel mit unseren Stimmen, den Ruf, der uns Menschen vom Stamme Jaakobs auf immer in den Dienst der Sendung verpflichtete, daß wir um die Verwirklichung Gottes in der Menschenwelt ringen müssen. ..Tekia!" Der Schofarton zerriß die Decke der letzten Bangnis. Das schrille Tekia rief zum Aufbruch! Ganz Israel war in dieser Stunde von neuem das Heer, das der Gott unserer Väter selbst in die unverlierbare Freiheit führt, in die Freiheit des ..Du sollst!" Aus jener weißen Jom Kippur-Stube nahm ich die Gewißheit mit, die keine Not der Welt und Zeiten dem jüdischen Herzen erschüttern kann, die über das Einzelne und dem Einzelnen hinweg zu jubeln vermag: ..Uwo le'Zion goel!" M a r t h a W e r t h e i m e r Gedenkfeier und Grabsfeinsefzung für Elias Sfraus s. A, Am Vortag des Rosch-Haschonoh-Festes versammelten sich mit der Gemeindeführung und dem Rabbinat eine Schar von Freunden in der Trauerhalle des Neuen Friedhofs an der Ungererstraße zu einer Gedenkstunde für den am 15. Juni vorigen Jahres heimgegangenen Elias S t r a u s s. A. Herr Rabbiner Dr. Ernst E h r e n t r e u leitete seine Worte mit Betrachtungen über das jüdische Grabmal ein. Die Mazewoh soll nicht nur dem Toten ein ehrendes Andenken sichern, sondern mehr noch für die Lebenden, die um ihn trauern, eine Stätte der Ruhe und des Gedenkens sein. Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß nur mit wenigen einfachen Worten, die in kein rechtes Verhältnis zur Leistung des Verewigten stehen, seiner Tätigkeit als Gemeindeführer auf der Grabinschrift gedacht wird: der öffentlichen und amtlichen Wohlfahrts-