Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 18 (17.9.1934)
- Date
- 1934-09-17
- Page
- Seite 366 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 ten, die einem heidnischen Orakelkünder in den Mund gelegt wurden: „Siehe, da ist ein Volk, das für sich allein weilt und zu den (anderen) Völkern nicht gezählt werden kann."2 Ein Volk ohne Freiheit ist eine Pflanzung, die ohne Licht und ohne Luit verkümmern muß. Auch die versklavten Israeliten mußten erst in das Licht und die Luit der Freiheit hinausgeführt werden, nicht bloß der äußeren, sondern der geistigen Freiheit, die sie erst fähig machte, eine Idee ihrer selbst zu erfassen und einer geschichtlichen Bestimmung zu leben. Das bedeutet die Botschaft, die ihnen ein Zwiefaches kündete: Freiheit und Pflicht! Das bedeutet der göttliche Zuruf: ..Ich nehme euch m i r zum Volke und ich will euer Gott sein!" Dieses „Ii" ist der goldene Reifen, der Israel an Gott binden sollte, das ewige Volk an den ewigen Gott. Damit ist die mosaische Volksidee maßgebend für alle Zeiten mit heiligem Stempel geprägt worden, damit ist der tiefe geistige Grund der Daseinsberechtigung Israels und der Sinn seiner Sonderstellung inmitten aller andersgearteten Völker ein für allemal bestimmt und festgestellt worden. An dieser Auffassung des Mose haben all die Männer festgehalten, die seines Geistes einen Funken in der Seele hatten, an dem sie das Feuer ihrer Beredtsamkeit entzündeten. Das macht die Einzigartigkeit der Erscheinung der altisraelitischen Gottesmänner, daß sie trotz selbstverständlich nationaler Gesinnung, hinausblickend über ihre Gegenwart und Umwelt, die religiöse Volksidee im Gegensatz zu den weltlichen Machthabern hochgehalten und die Übersteigerung des nurnationalen Strebens mit der urtümlichen Kraft ihres Wortes bekämpft und verurteilt haben. Besonders tief hat das Hosea erfaßt und ausgedrückt. Als ihm in einer Zeit des treulosen Abfalls seines Volkes von seinem Gölte ein Sohn geboren wurde, sprach der Herr zu ihm: ..Nenne seinen Namen ,,lo ammi" (Nichtmeinvolk). denn ihr seid nicht mein Volk, da Ich nicht euer Gott bin."3 Ist das nicht bemerkenswert, daß nach dieser Auffassung ein Abfall von Gott einen Abfall vom Volke bedeutet? Und ist es nicht noch bemerkenswerter, daß Ruth, die Moabitin, die Tochter einer fremdbürtigen Stammesgemeinschaft, als sie sich bergen wollte unter den Fittigen des von Israel angerufenen Gottes, die Formel für das Treuegelöbnis geprägt hat: „Dein Volk sei mein Volk und Dein Gott sei mein Gott", also das Bekenntnis zur Volks- und Bekennergemeinschaft als untrennbare Einheit erklärte!4 Zu dem Gesagten sei noch hinzugefügt, daß auch rabbinische Schrifterklärer zu dieser Auffassung unmißverständlich sich bekannt haben. Zu dem psalmistischen Anruf: „Höre m e i n Volk, Ich will reden", bemerkt R. Jose bar Simon: „bevor ihr am Sinaiberge gestanden, wurdet ihr Israel geheißen, ähnlich wie die Völker der Welt genannt werden, nachdem ihr aber die Thora empfangen, werdet ihr m e i n Volk genannt." 5 Mit an- 2 IV. B. Mos. 23, 9. 3 Hosea 1, 9. 4 Denselben Sinn hat des Propheten Jona Bekenntnis als Beantwortung der heidnischen Frage nach seiner Volkszugehörigkeit (1, 9). 5 Midrasch Jalkut zu Psalm 50, 7. deren Worten: Israel soll nach seiner Berufung zum Gottesvolke keinen völkischen Eigennamen haben. Ein geistvoller Gelehrter, Kanzler der Universität Tübingen, äußerte in einem 1872 gehaltenen Vortrage folgendes: „Der Gedanke, ein Volk zu sein in des Wortes höherer Bedeutung, als geschlossene Gruppe sich die höchsten Aufgaben vor Augen zu stellen und mit Unterordnung aller anderen Zwecke zu verfolgen, ist niemals ernster und großartiger erfaßt und ausgeführt worden, als von den Kindern Israels. Hier war, wie Fichte will, Volk und Vaterland Träger und Unterpfand einer irdischen Ewigkeit und das Volksleben wie ein permanenter Dienst im Heiligtum betrachtet. Wenn es diesem Volk gleichwohl zu keiner Epoche seiner Geschichte gelungen ist, sein theoretisches Ideal auch nur annähernd in die Gegenwart einzuführen, wenn sich die Hofl'nung dieser Verwirklichung früh genug auf die unbestimmte Zukunft, auf die Erscheinung eines Retters und Gesalbten des Herrn zurückzog, so lag der Grund hievon wohl auch in äußeren Dingen, in der Lage und Kleinheit des Gebiets, der Nähe mächtiger Nachbarn, in der allen Priesterstaaten eigentümlichen Vernachlässigung kriegerischer Eigenschaften, aber doch weit mehr in den inneren Mängeln jenes Ideals selbst, in der Enge des Gesichtskreises, in der Unmöglichkeit, bei Verachtung oder Unkenntnis von Wissen und Kunst, von höherer Geselligkeit, von Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, dem Leben noch irgend einen konkreten Inhalt zu geben, an dem sich jene Beziehung auf das Göttliche lebendig beweisen konnte, so daß nach Befolgung all der vielen Gebote und Verbote dem Einzelnen kein weiteres Ziel vor Augen gestellt werden konnte, als ruhig unter seinem Feigenbaum zu sitzen und dereinst zu seinen Vätern versammelt zu werden. Dennoch hat dies Volk noch vor seiner Auflösung als Staat der Welt die vollendetste Frucht menschlichen Gemüts und Geistes zurückgelassen und bewährt nun seit langen Jahrhunderten der Zerstreuung die wunderbare Gruppierungskraft seiner Stammes- und Glaubenseinheit."u Das Bekenntnis zu einer Volksidee, die im Unterschied zum Volksbegrilf unwandelbar ist, bildet das entscheidende Merkmal der Volkszugehörigkeit. Das Bekenntnis zur jüdischen Volksidee, die lediglich eine religiöse ist, hindert uns nicht, Bürger eines Staates zu sein und als Glieder eines Volkes uns zu fühlen, das erfüllt ist von dem Glauben an sein Berufensein im Dienste einer weltlichen Kulturidee. Diese Vereinbarung zu beweisen und immer wieder zu bestätigen, das ist S i n n und Zweck der jüdischen Diaspora. In dieser Auffassung dürfen wir uns nicht wankend machen lassen, nicht durch Feindeshaß und nicht durch Freundesliebe. Und trägt mich jemand: wo sollen wir unsere bleibende bürgerliche Heimstätte finden? so antworte ich mit dem Dichter: „Frage nicht, durch welche Pforte Du in Gottes Stadt gekommen, Sondern bleibe still am Orte, Wo Du einmal Platz genommen." 8 G. -R ü m e 1 i n , Reden und Aufsätze, Bd. I, S. 109.