Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 17 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 352 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung ^r. 17 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig er sich gegen Enzo Sereni wendet und gegen dessen Behauptung, ..das Jüdische sei nicht durch besondere Inhalte gekennzeichnet, jüdisch sei vielmehr nur der Körper des jüdischen Volkes", daß mit ihm eine große Anzahl führender zionistischer Namen, von denen er Martin Buber, Ernst Simon, Max Brod und Hugo Bergmann nennt, gegen jene Entleerung des jüdischen Lebens von jüdischem Gehalt Stellung genommen haben. Ernst Simon hat vor Jahren schon in einem Vortrag, den er in München hielt, das Wort von der „Flucht aus dem Judentum nach Palästina" geprägt und Martin Buber hat erst in diesem Jahr in einer Ansprache in der Münchener Hauptsynagoge davon gesprochen, daß „Tat ohne Lehre" im gleichen Maß wie „Lehre ohne Tat" dazu führen müsse, daß Israel kein Israel mehr sein werde. Auf der anderen Seite wird auch Schoeps nicht verkennen, daß im deutsch-jüdischen Lager neben vielen tiefreligiösen Menschen sich auch solche befinden, deren Entscheidung durchaus weltlicher Art ist. Wenn Schoeps schließlich daran geht, einige Grundzüge von dem aufzuzeichnen, was ihm als Weg zu jüdischer Erneuerung notwendig erscheint, lassen sich Bedenken nicht unterdrücken. Schoeps bejaht Palästina als Siedlungsland, er verwirft es, sobald die Siedlung unter jüdischnationalem Aspekt zum Zweck der „Normalisierung" des jüdischen Lebens in Angriff genommen wird, weil die Rückführung des Volkes als solche allein göttlichem Ratschluß überantwortet sei. Ist Schoeps in diesem Punkt eifrig bestrebt, traditionelle Lehrmeinungen aufzuspüren, die seine These stützen, so verläßt er diese traditionialistische Haltungauf anderem Gebiet ganz und gar. „Vielleicht ist es schwerer, eine Stunde am Schabbos wahrhafter Beter zu sein, als alle Tage im Jahre Tefillim zu legen." Wer will entscheiden können, was in Gebet und Gebot mehr oder weniger richtig ist? Und ist es richtig, mit Schoeps zu sagen, daß der „falsche" emanzipierte Weg des 19. Jahrhunderts mit dem Korpus der Zeremonialgesetze auch die Lehrgehalte des Judentums in Frage gestellt hat? Es ist ein merkwürdiger Weg von Moses Mendelssohn, der die Inhalte der jüdischen Religion zur Deckung bringen wollte mit den Forderungen der philosophischen Humanität seiner Zeit, während er an dem Zeremonialgesetz als „Erbe des Hauses Jakob" festhielt, bis zu dem umgekehrten Mendelssohn Schoeps, dem die praktische Bewährung des Jüdischen im Leben des Tages zweitrangig erscheint gegenüber der Begründung einer neuen jüdischen Theologie. Der pseudotheologische Streit der jüdischen Richtungen im 19. Jahrhundert hat uns den Blick dafür getrübt, daß es im Grunde nur ein einziges Juden- Wettermäntel Herbstmäntel Wintermäntel J. C. JOCKEY CLUB NÜRNBERG, KÖNIGSTRÄSSE 40 tum gibt und keinen liberalen oder orthodoxen oder sonstwie partikularen Freitagabend oder Versöhnungstag. Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Das Empfinden, von dem Schoeps geleitet ist, wenn er meint, vor der Übernahme des Gesetzes müsse erst einmal d i e Daseinshaltung übernommen werden, auf die hin das Gesetz gegeben ist, ist in der bündischen jüngeren Generation verbreitet. Wollte man von dieser um eine neue Jüdischkeit strebend bemühten Generation Erfüllung des Gesetzes bis zum letzten i-Tüpfelchen verlangen, so würde man den größten Teil der jüdischen Erneuerung von vorneherein unmöglich gemacht haben. Da wir uns auch auf diesem Gebiet nicht anquälen können, wozu wir nicht imstande sind, bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als mit wachem Geschichtsbewußtsein aus der gegebenen Gesamtlage heraus, jüdische Gehalte und mit ihnen jüdisches Leben uns da wieder zu eigen zu machen, wo sie uns als Kinder unserer Zeit anzusprechen vermögen. Wie auf deutschpolitischem, so auch auf jüdischreligiösem Gebiet wollen wir jedem nicht genug zwingenden Zwang uns widersetzen und nur den Zwang anerkennen, der von innerer Mächtigkeit getragen ist und jede Hingabe fordern darf. III. Beide Ströme seiner Beweisführung vereint Schoeps in dem Satz: „Heute brechen nun die alten Positionen endgültig zusammen, weil eine neue Front im Werden ist. Sie richtet sich gleichermaßen aus deutschen und jüdischen Gründen gegen die Zionisten, wie gegen die falschen Assimilanten, denen trotz aller grotesken Verrenkungen die wirkliche Eingliederung in Deutschland eben nicht gelungen ist . . . Nur Juden, die wirkliche Juden sein wollen, können, wenn sie die Bereitschaft haben, für Deutschland stehen." Es ist bedauerlich, daß Schoeps diese grundlegenden Bestandteile seiner Gedankenführung nicht eingehender zu begründen versucht. Er hätte sich dieser Aufgabe an dem Punkt seiner Erörterungen unterziehen können, an dem er von der verhängnisvollen „Religionserweichung" des 19. Jahrhunderts spricht, die zu einer Ethisierung und Rationalisierung der religiösen Gehalte geführt hat. Damals traten „an die Stelle wirklich lebensvoller Beziehungen . . unwirkliche, abgeblaßte Idealvorstellungen, die alle echte Gemeinsamkeit neutralisierten und schließlich aufhoben". Mit Prinz wie mit Schoeps gleichermaßen und ebenso oder noch mehr mit anderen in der Öffentlichkeit weniger genannten, aber darum nicht weniger bedeusamen Wortführern hat das deutsche Judentum heute zum erstenmal in seiner nachemanzipatorischen Geschichte den inneren Anschluß an die tiefsten Traditionen deutscher Bildung gewonnen, die daran festhalten, daß die Geschichte der Menschheit weder in individualistischer Vereinzelung, noch in weltweiter Abstraktion, sondern in lebenerfüllten Gruppen und Gemeinschaften sich vollzieht. Das deutsche Judentum begreift sich heute von verschiedenen Seiten her einerseits in seinem Gruppendasein schlechthin, andererseits in einem Gruppendasein eigener Art, die Israel nicht zu einem „Volk wie alle Völker", sondern zu einem Gottesvolk stempelt. Freilich tut Schoeps sehr recht daran, wenn er allen, auch den eigenen Harmonisierungsversuchen gegenüber darauf hinweist, daß in der jüdischen Existenz unter den Weltvölkern eine echte und damit in aller Geschichte unauflösbare Spannung gegeben sei. „die uns und den Völkern zu ertragen aufgegeben ist, und deren Meisterung sich nur durch die Einheit und Echtheit unseres Lebens bezeugen läßt". Dr. Werner Cahnmann. Aus der Gemeinde München Lehrwerkstatt der jüdischen Jugend Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß im Rückgebäude des Jugendheimes, Herzog-Rudolf-Straße, eine Lehrwerkstatt des Orts rings der jüdischen Jugend Münchens besteht. Neben Nachmittagskursen für Jugendliche fin-