Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 17 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 351 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 351 denkt man an die Worte des vom Traum erwachten Jakob: „Ma nauroh .... Wie furchtbar ist dieser Ort, das ist nichts anderes, denn ein Gotteshaus." Es ist bezeichnend, daß dieser Satz, der doch so deutlich auf einen Gottestempel hinweist, bis heute keiner Synagoge als Hausinschrift gedient hat. Und auch die gebräuchlichste hebräische Benennung für Synagoge: Beth hakneseth bedeutet: Versammlungshaus und nicht Kirche* oder Gotteshaus. So diente die Synagoge in früheren Zeiten neben ihrem Hauptzwecke auch dem jüdischen Wanderer (wenn auch oft im angrenzenden Nebenraume) als Nachtquartier und Speisehaus und heute noch ist sie zugleich Lehr- und Lernstätte. Fügt man noch hinzu, daß der Jude, durch die tiefen und uralten Bindungen, mit seinem Gotte — wenn so zu sagen erlaubt ist — vertrauter ist, dann scheint mir die kühle Unnahbarkeit der neueren Synagogen fast eine bauliche Fehlentwicklung zu sein. Wenn ich mich der oft weiträumigen Synagogen in * Kirche v. Griechischen: kyriakon — Haus des Herrn. * Der freundliche Herr Hfl empfiehlt sich! Sie werden bei ihm eine zuvorkommende, freundliehe Bedienung, eine zuverlässige, TT gewissenhafte Beratung finden! BAMBERGER & HERTZ Die zuverlässigen Kleiderfachleute Ebelsbach, Rödelsee, Altenschönbach und Niederwerrn erinnere, will es mir scheinen, als ob die Alten das tiefere Wesen im Bau eines Beth hakneseth besser verstanden hätten. In diesen Gotteshäusern ist Feierlichkeit mit häuslicher Traulichkeit vereint. Im einfallenden Sonnenstrahl spüre ich die „Freundlichkeit Gottes" über mir. „Wir deutschen Juden" Bemerkungen zu einem neuen Buch von Hans Joachim Schoeps I. Im Vortrupp-Verlag erscheint als Nr. 1 einer Schriftenreihe „Deutsch-jüdischer Weg" eine Schrift „Wir deutschen Juden" von Hans Joachim Schoeps, die eingestandenermaßen bis in die stilistische Ausformung hinein eine Streitschrift gegen das im vorigen Jahr vielgelesene Buch von Joachim Prinz „Wir Juden" sein soll. Das Buch von Prinz war der geistige Niederschlag für die erste Welle psychischer Reaktion gegenüber den Vorgängen des vergangenen Jahres. Was als minderwertig angegriffen worden war, nämlich das Jüdische, wird bei Prinz zu einem Uberwert erhoben, und dieser Uberwert ist es, wie der Minderwert, dem er entspricht, „d a s" Jüdische schlechthin, ohne daß auf seinen geistigen Gehalt in besonderer Weise Bezug genommen wäre. Das Buch von Schoeps ist der, wenn auch vielfach übersteigerte Ausdruck einer, jener ersten nachfolgenden zweiten Welle, die gegenwärtig über das deutsche Judentum geht, und die zur ersten nicht so sehr im Gegensatz steht, wie es vielleicht aus manchen Worten von Schoeps zu entnehmen ist. Dem Angriff auf die Deutschheit der deutschen Juden wird nun der Trotz im fortdauernden deutschen Bekenntnis entgegengestellt. Während also im ersten Fall die Wirklichkeit, die über uns gekommen ist, ohne Widerstand bejaht, aber in ihrer Gefährlichkeit für die jüdische Seele durch positive Wendung des ursprünglich Negativen paralysiert wird, wird im zweiten Fall der äußeren Wirklichkeit die innere Wahrheit unseres doppelpoligen Seins als deutsche Juden entgegengesetzt. „Wir können uns doch nicht etwas anquälen", sagt Schoeps, „wozu wir nicht imstande sind". Eine solche Einstellung ist grundverschieden von derjenigen vereinzelter Wortführer der älteren Generation, welche seit Jahren bis heute geglaubt haben, die neuen Dinge, die heraufgezogen sind, seien nichts anderes als eine kurzandauernde, wenn auch unangenehme Unterbrechung altgewohnter Wirklichkeit. Die jungen deutschjüdischen Menschen, für die Schoeps sprechen will, haben den unschätzbaren Vorteil für sich, daß sie reinen Herzens sich als Juden zu Deutschland bekennen zu können glauben, ohne sich dabei irgendeine Begünstigung durch Personen oder Mächte zu versprechen. Schoeps selbst mildert die Starrheit seiner Grundeinstellung, indem er durchblicken läßt, daß er an eine Ablösung der herrschenden Pripzipien von Blut und Rasse zugunsten einer neuen Geltung gesinnungsmäßiger und bewährungsbetonter Wertungen für die Zukunft glaubt. Wir wollen hiezu nur festhalten, daß auch Schoeps als deutscher Jude seine Gesinnung nicht aufrecht zu halten vermöchte, wenn er nicht die Hoffnung auf Wendung und Wandlung in der staatlichen Judenpolitik hätte. II. Der Biologismus in der Politik, die Uberbewertung des Naturhaften im Menschen ist es, dem Schoeps auch in der Beurteilung der jüdischen Situation unserer Tage die Gegnerschaft ansagt. Dabei kennzeichnet es wiederum den Gegensatz zwischen dem rein konfessionalistischen Anti-Zionismus fürherer Zeit und dem Lebensgefühl der jüngeren Generation, wenn Schoeps gegen Zionisten wie gegen Liberale die Zusammenschau von Pesach und Schewuos. als den beiden Geburtsstunden des völkischen wie des religiösen Judentums verlangt. „Der Sinai hat nicht einem Nomaden- und Kriegervolk einen Nationalkult, eine Volksreligion gegeben, der Ewige ist eben nicht der Baal von Peor oder Sichern, nicht Jupiter, Apollo oder Wotan, sondern owinu malkenu, unser aller Vater und Herrscher. Der Sinai hat aber auch nicht das Volkstum jener, die aus Ägypten gezogen waren, ihre Blutsgemeinschaft und Stammesart aufgehoben oder ins Spirituelle verflüchtigt, sondern der Samen Abrahams. 600 000 Mann stark, wurde in Dienst genommen und auf die Bundessatzung verpflichtet als „Volk von Priestern, ein dem Herrn geweihter Stammleib". Schoeps wendet sich „wider Zionisten und Assimilanten". Er spricht in grundsätzlich richtigen, wenn auch wiederum manchmal im Sinn und Ton übersteigerten Sätzen von der „falschen Assimilation", die im 19. Jahrhundert zugleich mit der politischen Befreiung der Juden die Zersetzung ihrer traditionelljüdischen Werte verschuldet hat. Er will, daß man erneut zu den beinahe verschütteten Quellen vordringe. Unter Berufung auf eben diese Quellen behauptet Schoeps, daß der Zionismus einen heidnischen Einbruch in die jüdische Überlieferung bedeutet. Durch das „Volkskönigtum Gottes" (Martin Buber) sei Israel ein „Mehr-als-Weltvolk", eine geweihte Gemeinde, deren politisches Dasein durch unerforschlichen Ratschluß aufgehoben worden ist. „Denn als Weltvolk ist Israel gestorben, seitdem es Gott gefallen hat, die Sichtbarkeit seines Königreichs aus der Welt herauszunehmen und aufzusparen bis auf jenen Tag undjene Stunde, die ER bestimmt." Mit diesen und ähnlichen Gedankengängen öffnet Schoeps dem von ihm selbst an anderer Stelle mit so guten Gründen abgelehnten jüdischen Konfessionalismus selbst aufs Neue Tür und Tor. Schoeps selbst gibt das in einer Fußnote zu, in der