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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-09-01 · 17 (1.9.1934) · p. Seite 350

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
17 (1.9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 350 (sequence 6)
Language
German
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350 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 LUDWIG OBÜBER Odeonsplatz 17 Das Geschäft des CJualitätsrauchers! So sind die jüdischen Gemeinden in Bonnland, Bischwind, Werneck, Euerbach und in anderen Orten ganz ausgestorben. In langsamer Fahrt durchquere ich diese Dörfer. Ich suche nach einstigen jüdischen Häusern und finde sie. Auch wenn ich nicht die Stelle am Türpfosten sehe, wo früher die Mesusah befestigt war. Vor solchen Häusern schlägt mein Gefühl aus wie die Wünschelrute, wenn sie auf wertvolle Erzadern stößt. Mein sicheres Gefühl sagt mir deutlich, daß dort jüdisches Leid gewohnt und d a in stiller Freude Sabbatruhe gehalten wurde. Die alten Zeiten rühren mich geisterhaft an. Und mein Blick trübt sich und mein Herz flattert. — L ö b K e n t Von ihm erzählt eine wahre Geschichte, die ein Märchen sein könnte. Um 1760 wurde er in Niederwerrn geboren. Die ewige Sehnsucht nach dem Unbekannten trieb ihn in die Weite. Vielleicht auch die Verpflichtung, sein erlerntes Handwerk zuerst da draußen zu erproben. So kam er nach Amsterdam, sieht im Hafen die mächtigen Kauffahrteischiffe und verfällt, auf einem Heringsfaß sitzend, in Träume von Reichtum und Geltung. Da hört er die durchdringende Stimme des Taxators, der die seit längerer Zeit überfälligen Schiffe an den Meistbietenden abzusetzen sucht. Die wenigen Gulden sollten der letzte Ertrag des vom Reeder bereits verloren gegebenen Seglers sein. Die reiche Ladung aus der ostindischen Inselwelt hatte der Schiffsherr längst abgeschrieben. „Überfällig die „Johanna Eliasbeth", mit Zimmet und Pfeffer geladen! Wer bietet?" Löb Kent greift in die Tasche, bietet deren ganzen Inhalt: 3 Gulden. Und steigert und erhält die überfällige „Johanna Elisabeth". Vom Morgengrauen bis zum sinkenden Abend sitzt nun Löb Kent draußen am Hafeneingang und wartet auf „sein" Schiff. Drei Tage später läuft sie ein, die stolze „Johanna Elisabeth", vollbeladen mit Zimmet Warum nur Torgsin? Wenn Sie Pakete nach Moskau oder anderen Städten der UdSSR senden wollen? Weil Torgsin als Staatliches Kaufhaus die vollste Garantie dafür bietet, daß jede Ware zuverlässig, schnell und billig in erstklassiger Qualität an Ihre Freunde oder Verwandten gelangt. Oberweisungen nehmen an alle Großbanken / Werth eim / Garantien. Kreditbank für den Osten AG., Berlin u. Hambarg / Intourist,Berlin,Unt.d.Llnden62 Dort erhalten Sie auch bereitwilligst Auskünfte und Preislisten, außerdem noch bei Torgein, Berlin SW, Llndenstr. 30-25 und anderen wertvollen Gewürzen von den niederländischen Inseln. Löb Kent gründet in London ein Bankhaus. Er zweigt von seinem Reichtum eine Summe ab und läßt im Jahre mpn (1786) — so weist es der Erinnerungsstein an der Außenwand aus — in Niederwerrn eine Synagoge errichten, einen monumentalen Bau, der in seinen Ausmaßen und seiner Anlage dem in Heidingsfeld ziemlich genau abgesehen ist. Insbesondere ist der aus Stein gefertigte Almemor bis zu den Pinienzapfen nachgeahmt. In der südöstlichen Ecke brennt seit jenem Jahre ein Licht für den edlen Spender und an jedem Wanderfeste wird seiner Großtat, die im Memorbuch der Gemeinde aufgezeichnet ist, rühmend gedacht. — Die Aktenkiste Auf dem Boden eines Gemeindehauses steht eine hohe Kiste, bis an den Rand mit Berichten gefüllt, die aus schon aufgelösten jüdischen Gemeinden stammen. Deren protokollierte Beschlüsse, die Geschichte ihrer Familien, Sterbe-, Trauungs- und Geburtsregister, herrschaftliche Erlasse, Auseinandersetzungen in der Kahals-Stube oder mit den Behörden liegen in buntem Gemisch darin beieinander. Und wenn auf Pessach das große Reinemachen einsetzt, erinnert sich der Vorstand auch der großen Kiste auf dem Boden; und seit zwölf Jahren entspinnt sich dann zwischen ihm und dem Lehrer folgendes Zwiegespräch: „Meinen Sie nicht, daß wir jetzt endlich einmal die Kiste da oben ausräumen müßten?" „Ja, schon. Aber es wird wohl viel Staub geben." „Wie wärs, wenn wir zuerst einmal einen Staubsauger ----" „Dann muß zuerst ein Steckkontakt angebracht werden." „Richtig! Ein----Steckkontakt____" Dieses Gespräch schreckt die hellhörigen Spinnen nicht mehr. Sie haben es schon oft gehört und wissen, daß niemand ihre Kreise stört. Von der Kiste bis zu den Dachsparren, ziehen sie ihre Fäden und nehmen sich allen Ernstes vor, im nächsten Jahr auf diesen Dialog nicht mehr zu horchen. Wahrscheinlich können sie ihn schon auswendig. — Alte und neue Synagogen Es ist merkwürdig, daß verhältnismäßig viele Synagogen in früheren Jahren einem Brande zum Opfer gefallen sind. Nur selten verdankt ein Neubau dem Anwachsen der Gemeinde seine Entstehung. Man mag die neueren Synagogen schön finden. Die in Teilheim etwa, wo die Anlage der Frauenempore und deren Ausstattung mit farbigen Vorhängen an stille.Theaterlogen erinnern; die in maurischem Stil gehaltenen Synagogen in Marktbreit und Obbach oder die in kirchenhaftes Düster getauchte in Gerolzhofen. Aber eine deutlich fühlbare Befangenheit, die den Eintretenden sofort befällt, läßt die Seele nicht auftauen. Eine mehr aus der Angst heraufgekommene Ehrfurcht bannt das warme Fühlen ins zage Herz. Unwillkürlich

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