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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-09-01 · 17 (1.9.1934) · p. Seite 349

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
17 (1.9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 349 Dann werden einzelne. Bücher aus unserem Schrifttum herausgehoben: Heine der Dichter und Elbogen der Forscher kennzeichnen die große jüdische Buch-Welt, die wir Talmud nennen. Glückel von Hameln spricht über den Zweck ihres eigenen Büchleins zu ihren Kindern; und einer der edelsten nicht jüdischen Freunde des jüdischen Buches, Johann Reuchlin, tritt für die Bücher der Juden vor seinen Glaubensgenossen ein; sie seien nicht zum Hohn für die anderen, sondern zum Trost' für die Juden selbst geschrieben und fast als die ... Kinder der Juden zu bezeichnen. Selten hat ein Nichtjude ein gleich tiefes Verständnis für die innige Verbundenheit von'Mensch und Buch in der Judenheit gehabt. Wo gibt es noch ein Volk, das die Bücher wie Menschen empfindet und die berühmten und weniger berühmten Verfasser nach ihren Werken in den Adel des Buches erhebt? Bei uns aber verschmelzen die Männer mit ihren Büchern; stolz nennen sich die Nachkommen: Enkel des Pne Jehuda — oder des Rischmeschaloh — oder des Apo Rawriwi (eines kabalistischen Buches, das „Große Gesicht" betitelt). — Das ist unser Adelsbrief — und den kann nur das jüdische Buch verleihen. Dr. B. Badt-Strauß. 2. Tagesabreiß-Kalender des Verlages Kedem (Berlin- Charlottenburg 4, Dahlmannstraße 8) 5695 (1934/35) Der Kalender besteht aus bürgerlichem und jüdischem Kalendarium und enthält die Sabbat- und Festtags-Anfangs- und Ausgangszeiten, Sfirath-ha-Omer, Parschoth, Perek, sowie sämtliche Fast-, Festtage und Seelenfeiern.-Der Wanddeckel sowie das Deckblatt sind von einer bedeutenden Künstlerin, Fräulein Lilli Skolny aus München, gezeichnet. Ein solcher Tagesabreiß-Kalender mit allen nötigen Angaben über das jüdische Kalenderjahr, namentlich mit den Toraabschnitten und Gebetszeiten (auch für München) ist bisher in Deutschland noch nicht erschienen. Seine Anschaffung empfiehlt sich besonders für das jüdische Haus mit Erwachsenen und Kindern, denen ein neuer Zugang zum Wissen vom Judentum verschafft werden soll. L.F. 3. Ein Kalender iür das jüdische Haus Die Künstlerhilfe der jüdischen Gemeinde Berlin hat einen Abreiß-Kalender herausgegeben (Verlag Dr. Herbert Loewenstein, Berlin SO 16, Köpenickerstraße 76), der außer seiner praktischen Bestimmung und dem wohltätigen Zweck noch eine dritte Aufgabe erfüllt: einen Querschnitt durch die jüdische Kunst der Gegenwart zu geben. Da sind Bilder von Malern aus dem Heiligen Lande, die aus Europa nach Asien verpflanzte Kunstwerke sind . (erst ihre Nachkommen werden — vielleicht — Werke vollbringen, die dem asiatischen Kulturkreis zuzurechnen sind) und auf der anderen Seite Bildwerke, die europäisch schlechthin sind und nur „deutsch" oder „jüdisch" insofern, als ihre Schöpfer Deutsche oder Juden oder richtiger: Deutsche und Juden sind. Hier bricht eine Wesensart durch, die uns als jüdisch anspricht, auch wenn wir den Namen des Künstlers nicht wüßten, da wieder fragen wir uns: gibt es überhaupt eine ausgesprochen jüdische Kunst? Hier sucht jüdische Gläubigkeit einen ihr angemessenen Stoff, da wieder ist das Abstammungsbewußtsein so stark, daß es nur in Themen aus dem jüdischen Volkstum einen ihm gemäßen Ausdruck findet. Im jüdischen Mikrokosmos wird ein europäischer Makrokomos wiedergespiegelt — wir betreten Heiliges Land in der Heimat und in Asien, im Glauben und in der Kunst. Erna Stein, welche die Gesamtleitung innehat, Dr. Max Osborn und Professor Franz Landsberger, denen die Text- und Bildgestaltung obliegt, haben zu den vierzig Kunstblättern Begleittexte beigesteuert. Da fehlt nicht das kulturgeschichtliche Moment in der Bilderklärung der „Judengasse in Amsterdam" des Alt- und Großmeisters Liebermann, dessen Porträt Anna Frank-Klein für den Kalender gezeichnet hat, oder in dem „Garten in der Victoriastraße zu Berlin" von Martha Friedländer-Lewenz, in dem das Berlin der Sechziger Jahre aufersteht. Da zeugt Spiros Porträt des Dirigenten Stiedry für die musizierende Kunst des Meisters und für den Funken, der vom Modell zum Malenden herüberfliegt, während das Jungmädchenbildnis J. Avrachs zum Anlaß genommen wird, die Art dieses neuen Mannes zu kennzeichnen. Da wird gezeigt, wie Käte Münzer-Neumanns „Radiohörerin" die Brücke von der Gegenwart zum Berliner Biedermeier schlägt, oder wie in Henry Happs „Emskanal" die Musik deutscher Landschaft schwingt, da steht Kanelbas Damenporträt für das International-Europäische eines in Paris wirkenden Juden und des Rumänen Rubin „Jüdische Musikanten aus Safed" für den möglichen Beginn einer völkisch-jüdischen Kunst in dem Schmelztiegel Tel Aviv. Da vertreten Erna Pinners „Antilopen" die Tiermalerei und ostasiatische Holzschnittkunst und Arje Peysaks „Chaluz am Tiberiassee" verbindet das palästinensische Kollektiv-Thema mit der Kunst monumentaler Stilisierung, die nicht zufällig den Mexikaner Diego Rivera zum nahen Verwandten hat. Da führt der Kindertorso des Westfalen Wolfgang Meyer-Michael an Formprobleme der Antike und Arnold Zadikows „Simson" erinnert an die Entwicklung jüdischer Bildhauerkunst seit dem biblischen Verbot des Bildermachens. Anna Tichos „Altstadt von Jerusalem" steht mit ihrer minutiösen Akkuratesse in stärkstem Gegensatz zu Peysaks großzugiger Art und nimmt trotz sachlichster Klarheit den Beschauer traumhaft gefangen. Budko und Steinhardt fehlen nicht, die einst Verse Arno Nadeis illustrierten; diesmal ist der Dichter und Musiker selbst als bildender Künstler vertreten. Zu Ludwig Meidners, des Maler-Dichters, Kopf eines betenden Juden konnte es keinen geeigneteren Text geben als sein eigenes neues Gedicht „Oschamnu". Außer den erwähnten Künstlern arbeiteten mit: Else Meidner. Rahel Szalit-Marcus, Meta Cohn-Hendel, Martin Bloch, Jakob Pleßner, Elisabeth Wolff, Ernst Oppler, Josef Bato, Aschheim, Rosenberg-Fleck, Mayer. Menkes, Rosenbaum, Reitenberg- Rosenbaum, Abbo, Prochownik, Busin, Aronsohn, Schulsinger, Orlow, Schwerin und Einschlag. Die meisten Werke sind Erstveröffentlichungen, die teilweise erst für den Kalender geschaffen wurden. Das gleiche gilt von den Versen jüdischer Lyriker, die in diesen Blättern zum Abdruck kamen. Worte Max Liebermanns stehen verpflichtend als Motto über dem Ganzen. Lutz Weltmann. Streifzüge durch jüdische Gemeinden in Unterfranken Von S. B r ü c k h e i m e r in Marktbreit W e h m u t Die waldbedeckten Höhenzüge des Steigerwaldes und der Haßberge grenzen zu meiner Rechten den Horizont ab. Mein Weg führt durch erntefrohes Flachland. Früher im Jahr als sonst stehen die Garbenpuppen auf dem Stoppelfeld. Denn die Sonne brennt seit Wochen aus einem wolkenfreien Himmel herab. Dafür aber liegen Wiese und Kleeacker wie dürre Heide. Hier und dort stechen Kirchturmspitzen in die ungetrübte Bläue und die roten Ziegeldächer der vielen Dörfer ringsum blitzen im prallen Sonnenglast. Die fruchtbare Mainlandschaft gestattet den Ortschaften nahe aneinanderzurücken. — In den meisten von ihnen haben vor nicht allzulanger Zeit noch Juden gewohnt. Sie haben ihre ererbten Äcker — oft 15 bis 20 Tagwerk groß — selber und mit derselben Sachkenntnis bestellt wie ihre christlichen Mitbürger. Andere haben Handel getrieben mit Vieh oder Waren aller Art. Bis die Jungen dem heißen Werben der nahen Stadt nicht mehr widerstehen konnten.

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