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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-09-01 · 17 (1.9.1934) · p. Seite 348

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
17 (1.9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 348 (sequence 4)
Language
German
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348 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 Die alten, vor vielem Hersagen bei den meisten von uns verblaßten, unverständlich gewordenen ins Unbewußte gesunkenen Sätze, werden durch die Art wie hier Übersetzung und Erklärung geboten werden, wieder ins Bewußtsein heraufgehoben, beginnen wieder zu atmen und lebendig zu werden und gewinnen so wieder ihren alten unauslöschlichen Glanz. Mit diesem Buch als Hilfe kann man bei angestrengtem Willen wieder zurückfinden. Die „Gelehrten" und „Rechtgläubigen" dürfen über die Einfachheit des darin Vorgetragenen nicht hochmütig zur Tagesordnung übergehen. Wer näher hinsieht, spürt in jeder Zeile die große erzieherische Weisheit, die Güte und Frömmigkeit des Verfassers. — Aus der Fülle des Gebotenen ein einziges Beispiel: Wir wurden in diesen Tagen ganz besonders ergriffen vor der Übersetzung und kurzen Erklärung des unvergänglichen Seelengebets: Ab Ha-Rachamim- Dieses Gebet wird in den meisten deutschen Gemeinden am Sabbath vor dem Wochenfest, also am Ende der Omerzeit, in der Trauer zeit, in der während der Kreuzzüge die meisten jüdischen Opfer fielen, sowie am Sabbath vor dem 9. Ab, der Zeit der nationalen Trauer Israels, in unseren Synagogen vorgetragen. Das Gebet entstand im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuz - züge; sein Verfasser ist nicht bekannt. Die älteste bekannte Fassung findet sich in einer Machsor-Handschrift aus dem Jahre 1290. Früher trug man das Gebet an jedem Sabbath vor. „Man pflegt", wie die alten Erklärer ausführen, „am Sabbath sich der Seelen und Verklärten zu erinnern, weil dies der Tag der Ruhe ist, ein Abglanz der kommenden Welt, der Tag, an dem daher auch die Toten vom Gerichte ruhen und für die Ruhe und das Heil ihrer Seelen gebetet werden soll." „Das Gebet geht vom Gedanken aus, daß Gott, so hoch er in den über das irdische Getriebe hinausgehobenen Höhen wohnt, doch sein Erbarmen hienieden bei seinen Geschöpfen weilt und das Leid mitfühlt, das irgend eines seiner Geschöpfe auf Erden trifft, sein mächtigstes Erbarmen aber denen zuwallt, deren Leiden aus den Mißhandlungen irregegangener Menschen stammen, vor allem aber dann, wenn sie gerade um ihrer Gott zugewandten unwandelbaren Pflichttreue leiden" (Münk S. 324). Der hebräische und deutsche Text des Ab Ha-Raehamim sollte heute eben in diesen Tagen von jedem von uns wieder gelesen werden. Mit den Worten dieses Gebetes denken wir der Leiden, die unsere Brüder zu allen Zeiten betroffen haben. Wie das gesamte jüdische Gebet heute in jeder Zeile eine merkwürdige Aktualität und Gegenwartsbezogenheit gewinnt, so ganz besonders das Seelengebet aus der Zeit der Kreuzzüge, auf das wir in diesen Tagen aufmerksam zu machen ganz besonderen Grund haben. Drei Kalender auf da 1. Das jüdische Buch, Kalender des Jüdischen Frauenbundes 5695—1934/35 Daß die Juden das „Volk des Buches" sind, das haben wir nun schon so oft gehört, daß es uns scheint, wir wüßten Bescheid damit. Aber selten oder nie ist uns diese allbekannte Wahrheit so lebendig und so überraschend bunt vor Augen geführt worden wie in dem eben erschienenen Kalender des Jüdischen Frauenbundes, der sich in diesem Jahre das Thema „Das Jüdische Buch" gestellt hat. Nun ist dieser Kalender schon neun Jahre alt; wäre er wirklich ein jüdisch Kind, so hielte man ihn jetzt nach dem bekannten Worte der Väter für „reif für den Talmud". Nun — er zeigt uns, daß er sich vor keinem andern jüdischen Kinde zu verstecken braucht. Denn dieser ganz besonders reiche Jahrgang zeigt ihn wirklich als „reif für den Talmud" — reif und reich an Belehrung in jedem Sinne des hebräischen Wortes Talmud. Die einfallsreichen und geschmackvollen Herausgeberinnen Lisbet Cassirer und Hannah Karminski haben sich diesmal noch eine dritte Hilfskraft herbeigeholt, die bekannte Kunsthistorikerin Rahel Wischnitzer, die nicht nur ein knappes und kenntnisreiches Vorwort schrieb, sondern auch aus eigenen Sammlungen wertvolle Ergänzungen zu dem in diesem Jahre besonders wichtigen Bildmaterial beisteuerte. Sollte doch das Jüdische Buch in allen seinen Erscheinungsformen in Bild und Wort gezeigt werden. So fehlt hier denn auch nicht die Seite aus dem ersten gedruckten Talmud-Traktat, den die Soncino-Blätter vor einigen Jahren wiedergaben: Prächtige, manchmal höchst ergötzliche Küchenmeister iiil für Salate und zum Einmachen. Magister München 7 B Jahr 5695 (1934|35) Randzeichnungen aus alten Megilloth- oder Machsor-Handschriften und Haggadoth — merkwürdig spiegeln gerade diese alten Bilder die Weltoffenheit der mittelalterlichen Juden, die doch rechte Volljudeh waren, wieder: zu den Engeln aus der Amsterdamer Haggadah möchte man am liebsten Mefrouw sagen und die gelenkigen Gaukler aus der Haggadah der Pariser Bibliothek können die französiche Umwelt nicht verleugnen. Aber auch heutige jüdische Bücher und jüdische Buchkünstler sind zum großen Nutzen des Buches hier mit herbeigeholt. Strucks ostjüdisches Antlitz gehört ja hierher ebenso gut wie Budkos wunderschöne Graphik in seinem „Jahr des Juden". Ein wenig verblüfft äst man, dem „Vater von Lord Beaconsfield" hier zu begegnen. Was verschafft dem gelehrten Isaac Disraeli, der seinen Sohn Benjamin mit 13 Jahren taufen ließ, diese Ehre? — nur seine schönen Augen?! Denn um das jüdische Buch hat sich der vielwissende Herausgeber der Curiosities of Literature doch nicht eben verdient gemacht, wenn er auch in einem anonymen Buche dem Genius of Judaism huldigte. Ebenso ergiebig fast ist die andere Hälfte der schönen Zusammenstellung: die Darstellung des jüdischen Buches im jüdischen Schrifttum. Hier werden auch Freunde jüdischer Bücher vielleicht noch manche Überraschung erleben. So etwa, wenn das mehr berühmte als bekannte Testament des R. Juda Ibn Tibbon seinem Sohne Samuel schon die allermodernsten Verhaltungsmaßregeln für die Behandlung der geliebten Bücher empfiehlt: man soll sie zwar verleihen, „denn es ist unrecht, denen das Gute vorzuenthalten, denen es gehört"; abei man solle es sich gleich notieren, wenn man ein Buch aus dei Hand gäbe — und am Pessach und Sukkoth solle man alle verliehenen Bücher wieder einfordern: bestimmt die praktischste Regel für den Bücherbesitzer, die man sich denken kann. Sehl schön sind auch die Bücherregeln des „Buches der Frommen' herangezogen, die fast ein Bibliophiles Alphabet darstellen man solle die Bücher nicht bei Eßwaren aufheben, sie auct nicht zum Schutz gegen Sonne oder Rauch benutzen... abei verleihen, was fast als eine wahre Mizwah angesehen wird

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