Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 16 (15.8.1934)
- Date
- 1934-08-15
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728016--09636-2742916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
330 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 In der Prager Judenstadt erfreuten sich die Ärzte stets hoher Wertschätzung, zumal sie bis in das 18. Jahrhundert mit ihren Fachkenntnissen in der Regel rabbinische Gelehrsamkeit vereinigten. Daß sie in nichtjüdischen Kreisen gleichfalls Ansehen genossen, ist bereits erwähnt worden. Daran kann kein Zweifel sein, obwohl sich aus dem Jahre 1600 ein bösartiges Spottgedicht auf sie erhalten hat, dessen Tendenz, ihnen ihre christlichen Patienten abspenstig zu machen, jedoch zu durchsichtig ist, als daß es nicht gerade dadurch die hier aufgestellte Behauptung voll bestätigte. In der Judenstadt zählten die jüdischen Ärzte jedenfalls zu den ersten Gesellschaftskreisen. Trotzdem und trotz mancher Begünstigungen, die ihnen die Staatsbehörden zuteil werden ließen, wurde ihnen nichtsdestoweniger bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts das Tragen des Prager Judenabzeichens, einer großen steifen, später weichen Halskrause, Kröse genannt, auferlegt. Wiederholt untersagten ihnen ausdrückliche Verbote das Anlegen von „Christenkleidern", was ebenfalls den Zweck hatte, die Praxis der jüdischen Ärzte bei christlichen Patienten zu beeinträchtigen und zu unterbinden. Erst im Jahre 1702 erreichte der Arzt der Prager jüdischen Gemeinde, Dr. Salomon Gumpertz, bei Kaiser Leopold I. die Befreiung vom Tragen der Halskrause. 30 Jahre Israelitische Jugendhilfe in München Am 3. Juli 1934 fand im Sitzungssaal der Israelitschen Kultusgemeinde München die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins Israelitische Jugendhilfe E. V. statt. Nach einem ausführlichen Bericht üher die Tätigkeit der letzten 2 Jahre und Erstattung des Kassaberichts fand die Neuwahl statt. Die bisherige Verstandschaft wurde wiedergewählt. Der Verein kann in diesem Jahre auf eine Arbeit von 30 Jahren zurückblicken. Die nachfolgende kurze Zusammenstellung gibt einen Überblick über sein Wirken: Überblick über unsere Arbeit in 30 Jahren 1904 Frühjahr: 1 Zimmer in einer Privatwohnung — Kindergarten von 8—12 Uhr. — 8 Kinder. 1904 Herbst: Einzug Baaderstraße 32 Rückgeb., 2 Zimmer — Kindergarten von 8—12 Uhr und 2—4 Uhr — 12 Kinder. 1905 Frühjahr: Umzug Baaderstraße 5/1 r., 3 Zimmer — Kindergarten von 8—12 Uhr und 2-A Uhr — 30 Kinder. 1905 Herbst: Gründung des Kinderhorts — Kindergarten 30 Kinder und Hort 30 Kinder 60 Kinder. Heim der Israelitischen Jugendhilfe in München, Antonienstraße 7 1906: Gründung des Mädchenklubs (Abende in den Kindergartenräumen) — Einführung der Mütterabende. 1912: Vergrößerung von Kindergarten und Hort — eine zweite Wohnung wird dazu gemietet, 6 Zimmer — 100 Kinder. 1914: A b e r m a 1 i g e Vergrößerung. Eine dritte Wohnung wird dazu gemietet, weil Mädchenheim geplant. Gründung unmöglich durch Kriegsbeginn. 1914 August: Umwandlung von Kindergarten und Hort in Tagesheim, Kinderspeisung — 150 Kinder. 1916: Gründung der Außenfürsorge Offene Jugendfürsorge. 1918: Erster Anfang des Kinderheims; Angliederung des Internats: 1 Zimmer — 3 Kinder. Infolge der Zeitverhältnisse Rückgang des Kindergartens und Hortes . 1920: Vergrößerung des Kinderheims: 2 Zimmer 7 Kinder. Sammlung zum Kauf und zur Errichtung eines eigenen Heims — Kauf des Hauses Albanistraße 9 zu diesem Zwecke. 1921: Abermalige Vergrößerung des Kinderheims in der Baaderstraße. 5 Zimmer — 18 Kinder. Offene Jugendfürsorge: Anstellung einer Sozialbeamtin — Rituelle Quäkerspeisung für 50 Kinder, die sich nicht im Heim befinden. 1923 Frühjahr (Inflationsjahr): Große Ernährungs- und Geldschwierigkeiten. Hilfe durch American Joint Distribution Committee. Auflösung des Kindergartens und Hortes in der Baaderstraße. Versuchsweise Verlegung des Kinderheims in das Heim der Ferienkolonie nach Krumbach. 1923 Herbst: Rückkehr von Krumbach. Kinderheim wieder Baaderstraße 5. Fortführung unter den größten Schwierigkeiten. 1924: Langsamer Wiederaufbau. Ausbau der Kleinkinderabteilung, im ganzen jetzt: 8 Zimmer — 24 Kinder. Wiedereröffnung des Kindergartens. 1925: Dreimonatiger Sommeraufenthalt auf dem Lande mit 14 Kleinkindern. Aufenthalt in den Räumen Baaderstraße trostlos. 1926: Kauf des Hauses Antonienstraße 7, da Freigabe der Wohnungen im Hause Albanistraße 9 unmöglich. — Sammlung. Große Propaganda. Fest. Einrichtung des Hauses durch den Schwesternbund der München-Loge. Umbau. — Übergabe des Mädchenklubs an den Schwesternbund der München-Loge. 1926 27. März: Einzug des Kinderheims in das eigene Haus — 30 Kinder. Neue Abteilung: Schulentlassene Mädchen zur Erlernung des Haushalts und der Kinderpflege — S Mädchen. 1927: Neue Abteilung Franz-Josef-Straße 27. 2 Zimmer — 4 männliche Lehrlinge. 1928: Vergrößerung der Abteilung: Schulentlassene Mädchen — 12 Mädchen. Anfänge eines Mädchenheims: Drei im Beruf stehende Mädchen wohnen im Heim. — Kauf des Hauses Wagnerstraße 3. Errichtung eines Lehrlingsheims. Die Gründung ist gemeinsam mit der München- Loge. — Bauliche Veränderungen im Hause Antonienstraße 7.