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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-15 · 16 (15.8.1934) · p. Seite 329

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
16 (15.8.1934)
Date
1934-08-15
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 329 Raum. Sie beruhen zum Teil auf der Durchsicht der wichtigsten Quelle zur Kulturgeschichte der Juden in Prag, der Grabinschriften des alten Judenfriedhofs, von denen bedauerlicherweise immer noch zu wenige veröffentlicht, die im Druck zugänglichen zu wenig erforscht sind. Nur wenige Namen bedeutender jüdischer Ärzte, die in der böhmischen Hauptstadt tätig gewesen sind, können genannt werden. Aus der bekannten französischen Exulantenfamilie C h a 1 f a n (Halvanus), welche im 16. Jahrhundert über Italien und Prag nach Wien einwanderte und mehrere bedeutende Ärzte- und Gelehrtengenerationen hervorgebracht hat, lebte Abba Mari Chalfan als Arzt in Prag und starb daselbst im Jahre 1586. Ob auch sein Sohn, der Wiener Arzt R. Elias Chalfan (1561—1624) sich vielleicht zeitweilig in Prag aufgehalten haben mag, muß dahingestellt bleiben. R. Ahron Maor-Katan Lucerna, Sohn des Arztes Moses Maor- Katan in Wien und Bruder des Jehuda Löb Maor-Katan, der ebenfalls Arzt, gleichzeitig aber Rabbiner in Wien gewesen ist, stand im Jahre 1619 bei der jüdischen Gemeinde in Prag in fester Stellung als Gemeindearzt, wofür er ein Gehalt von 300 Gulden bezog. Er übte bei der jüdischen und bei der vornehmen christlichen Bevölkerung eine ausgedehnte ärztliche Praxis aus und hatte einen derartigen Zulauf, daß er, wie er sich selbst in einem erhaltenen Briefe ausdrückte, die Besuche nicht erlaufen konnte und gezwungen war, sie zu Pferde zu erledigen. Später kehrte er nach Wien zurück, wo er im Jahre 1643 seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Ferner gibt ein Prager Grabstein davon Kunde, daß der als philosophischer, mathematischer, astronomischer und medizinischer Schriftsteller berühmte Josef Salomo ben Elijahu D e I - medigo (1591—1655) aus Candia auf Kreta, ein Schüler Galileis, Leibarzt des Fürsten Radziwill, während seiner letzten zehn Lebensjahre den ärztlichen Beruf in Piag ausgeübt hat. Nur durch seinen Grabstein ist der Arzt Menachem ben Ascher Mazaretto aus Rovigo bekannt, der 1680 in Prag gestorben ist. Man sieht, die Prager jüdische Gemeinde muß eine starke Anziehungskraft auf bedeutende auswärtige jüdische Ärzte ausgeübt haben. Mitunter ließ sie es sich ein schönes Stück Geld kosten, um eine tüchtige Persönlichkeit als Gemeindearzt zu gewinnen. Den früher erwähnten Gehalt des Ahron Maor- Katan Lucerna im Betrag von 300 Gulden in seinem Werte für die damalige Zeit abzuschätzen, ist schwierig. Wenn man aber bedenkt, daß die kaiserlichen Leibärzte Rudolphs IL, die an Rang und Gehalt den höchsten Staatsbeamten gleichgestellt waren, im Durchschnitt mit 500—600 Gulden jährlich entlohnt wurden, so kann kein Zweifel darüber sein, daß der Prager jüdische Gemeindearzt ein sehr ansehnliches Gehalt empfing. Daß der Prager Universität mit ein Anteil daran zukommen sollte, bedeutende auswärtige Judenärzte an ihren Sitz gezogen zu haben, woran man vielleicht denken könnte, ist im höchstem Maße unwahrscheinlich. Denn einmal sind jüdische Beziehungen wissenschaftlicher oder praktischer Art zu ihr vor der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht nachzuweisen. Ferner war es an der Prager Hochschule wie schon bei ihrer Gründung, so noch mehrere Jahrhunderte hindurch um die Pflege der Medizin schlecht bestellt; war sie doch dem Geiste der Zeit und den Neigungen ihrer landesherrlichen Förderer entsprechend vorwiegend eine theologische Lehranstalt. Von diesem Zustand in medizinischer Hinsicht zeugt am besten gerade die Tatsache, daß einzelne jüdische Ärzte ihre Praxis erfolgreich auf christliche Kreise ausdehnen konnten. Es lag daher eher im Interesse der medizinischen Universitätskreise, auswärtige jüdische Ärzte von Prag fernzuhalten. Da das aber mit Rücksicht auf die Notwendigkeit ärztlicher Versorgung der Judenstadt nicht möglich war, mußte man sich damit begnügen, den Judenärzten immer wieder bis in das 18. Jahrhundert hinein die Behandlung christlicher Kranken zu untersagen. Man würde jedoch die Begabung und Tüchtigkeit der Prager Juden nicht richtig einschätzen, wollte man meinen, daß allein die aus fremden Landen nach Böhmen gezogenen jüdischen Ärzte, deren Zahl mit den hier Genannten noch lange nicht erschöpft ist, die Blüte der Heilkunde in der Prager Judenstadt hervorgerufen haben. Vielmehr standen ihnen an Fähigkeit und Leistung die jüdischen Ärzte, die in Prag und Böhmen selbst ihre Heimat hatten, keineswegs nach, weil sich ihre Tätigkeit auf einen engeren Wirkungskreis beschränkte. Ihre Zahl ist groß, die hebräische Bezeichnung für Arzt „Rote" ist in Prag geradezu zum Geschlechtsnamen geworden. Bei ihnen finden wir gleichfalls Familien, in denen sich der ärztliche Beruf vom Vater auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht forterbt, Familien, in denen sich durch Überlieferung und Neigung die Vorliebe für die medizinische Berufstätigkeit bis in die Gegenwart erhalten hat. Zu ihr gehörte ferner die Herstellung von Arzneimitteln. Das Apothekergewerbe — die hebräische Bezeichnung für Apotheker ist Rokeach — war nicht selten mit dem ärztlichen Berufe verbunden. Ich nenne als Ärzte und Apothekergeschlechter beispielsweise bloß folgende Familien: Leon, Gumpertz, welche zwar erst Ende des 17. Jahrhunderts zugewandert, aber in Prag bald bodenständig geworden waren, Kisch, Jeitteles, Bondi. Wie indes auch Träger weniger bekannter Namen ihren ärztlichen Beruf aufgefaßt und ausgeübt haben, zeigt am deutlichsten eine Grabinschrift aus dem Jahre 1707, die unmittelbar sprechen soll: „Wie wurde zu Staub die Mannaflasche, die liebliche Pflanze, ein Künstler für die Kranken, mischte er heilkräftige Arzneimittel, starb Freitag den 6. Nissan 5467 (1707); der angesehene Arzt Meir, Mitglied der Chewra kadischa, Sohn des Lippmann Chotieborsch —, sehr sorgfältig in der Heilkunde, bewandert in der medizinischen Literatur, sein Ansehen war gross in der Untersuchung des Urins und des Augapfels; des Hauptes und Rumpfes und aller zweihundertachtundvierzig Glieder; er heilte Brandwunden, und Brüche wußte er wohl einzurichten; er war auch Arzt und tüchtiger Geburtshelfer; möge er des ewigen Friedens teilhaftig werden." , Man kann daraus zunächst entnehmen, daß — abgesehen von charakterlichen Eigenschaften — bereits in jener Zeit internistische, chirurgische, gynäkologische Spezialkenntnisse geschätzt wurden. Schon im Jahre 1559 hören wir auch von einem Augenspezialisten in Prag. „Salomon Jud Augenarzt", wie er sich in einem erhaltenen Bittgesuche selbst unterzeichnet, der vom Kaiser das Privilegium erhalten hatte, „seine Kunst üben und die Leut zu Prag und anderswo heilen und sich häuslich niedersetzen" zu dürfen. Prager jüdische Ärzte begegnen auch außerhalb ihres Heimatlandes in ärztlicher Tätigkeit; so der Wanderarzt Jud Joseph, Jacobs Sohn, von Prag, der 1670 in Basel und Zürich Heilkuren zur Ausführung brachte. Es ist bekannt, daß die Entwicklung der Chirurgie, namentlich in Mitteleuropa und besonders in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert hinter der anderer medizinischer Sondergebiete stark zurückgeblieben ist und unter der scharfen Trennung von der übrigen Medizin, welche sie an ihren Erfolgen nur in geringem Maße teilnehmen ließ, sehr zu leiden hatte. Ja, dieser Zweig der Heilkunde wurde sogar lange von den Ärzten überhaupt nicht als vollwertig angesehen, weshalb sie sich für die praktische Ausübung dieser Kunst bis zum Ende des 17. Jahrhunderts bloß selten gewinnen ließen. Sie blieb den Barbieren und Badern überlassen, die sich mit der sogenannten „niederen Chirurgie" befaßten, zu der die Entfernung von Warzen, das Schröpfen, der Aderlaß, das Zahnziehen und ähnliche Maßnahmen gehörten. In der Prager Judenstadt gab es solche Barbiere und Bader in größerer Zahl, welche man somit als wirkliche Vertreter der Medizin betrachten kann. In den 1716 und 1741 veranstalteten patriotischen Festzügen der Prager Judenschaft reihen sich denn aus ebendem Grunde die sogenannten „Balbierer" unmittelbar den Ärzten und Apothekern an, wobei in der so gestalteten Rangordnung ihre geringere soziale Einschätzung und gesellschaftliche Stellung genau so klar zum Ausdruck kommt wie in ihrem Abzeichen, dem Barbiermesser. Das des Ärztestandes war dagegen ein aufrecht stehender, zum Sprung ausholender Löwe, manchmal mit einem Schwert in der Pranke, während sich die Apotheker zur Kennzeichnung eines Mörsers oder Arzneitiegels, der sogenannten Balsambüchse bedienten. Diese Wappenbilder pflegte man regelmäßig auch auf den Grabsteinen der betreffenden Persönlichkeiten anzubringen. Küchenmeister Weinessig | für Salate und zum Einmachen. Magister München7 ■

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