Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 16 (15.8.1934)
- Date
- 1934-08-15
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 16 organischen Ordnungen, und unter ihnen vor allem für den Adel, und zuletzt das Wahlpreußentum dieses bayerischen Juden werden von Masur mit einer historischen Dichtigkeit vorgetragen und unterbaut, die methodisch und inhaltlich gleich zeitgemäß sind, gerade weil sie es nicht sein wollen. — Es ist der Fehler des spannenden Buches von Bruno Weil „Glück und Elend des General Boulanger",13 daß er seinem „Dreyfuß" nach und einer Darstellung des Panama-Skandals voranschickt, daß er das Schielen nach aktuellen Parallelen nicht immer vermeidet. Trotzdem ist das Buch, bei manchen Flüchtigkeiten der Darstellung und Auffassung, durchaus belehrend. Die meist sympathische Gesinnung kleidet sich in den Stil einer gallischen Rhetorik und wird nur verdächtig, wenn sie angesichts der militärischen Degradation des früheren Kriegsministers und Generals lyrisch fragt: „Welches alte Soldatenherz ist nicht von solchem Weg erschüttert?" Solche Mimikry wird uns nichts auf unserem schweren Wege helfen; nicht sie ist die Lehre, die uns die jüdische Geschichte zu erteilen hat. 1 Philadelphia, 1927. 2 Berlin, 1931. Rohwolt. 3 „Ikarim bechakirath Toldoth Israel", Jerusalem 1931. Verlag der Universität. 4 Berlin o. J. (1931), Weltverlag. 5 Kurt Wolff, Berlin 1932. 0 Schocken-Verlag. Berlin, 1932. 7 Berlin, o. J. (1932). 8 Carl Winter, Heidelberg, 1932. 0 Beide Bücher bei Rohwolt, Berlin, 1929 und 1932. 10 Akademie-Verlag, Berlin, 1929. 11 I. Kauf/mann, Frankfurt a. M. 1910. 12 E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1930. 13 Dr. Walter Rothschild, Berlin-Grunewald, 1931. Jüdische Ärzfe im alten Prag Von Professor Dr. Guido K i s c h in Halle a. d. Saale Die nachfolgende skizzenhafte Behandlung des Themas, das bisher eine monographische Darstellung nicht gefunden hat, bildet in seinem Hauptteil ein Kapitel aus einem größeren Werke des Verfassers: „Die Prager Universität und die Jude n." Es wird demnächst im Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der tschechoslowakischen Republik, 6. Band, veröffentlicht werden, mit deren Genehmigung der Vorabdruck erfolgt. Eine um das ganze Aktenmaterial aus der Zeit von 1348—1848 vermehrte Sonderausgabe in Buchform wird im Selbstverlag des Verfassers (Halle a. d. Saale, Schwuchtstr. 15 b) im Herbst 1934 erscheinen. Bis tief in das 18. Jahrhundert hinein sind die Tore der Prager Universität der wissensdurstigen jüdischen Jugend fest verschlossen geblieben. Und doch hatte längst schon das große und mächtige Reich des Geistes, in dem Vorurteile und Beschränkungen unbekannt sind, weil Begabung und Fähigkeit allein dort Geltung verschaffen, auch den Juden in Prag seine Pforten geöffnet. Das war bereits um Jahrhunderte früher geschehen, ehe Böhmens Landeshauptstadt überhaupt noch ein „Generalstudium", wie man früher die Universitäten nannte, in seinen Mauern sah. Theologie, Philosophie, Geschichte, Mathematik, Astronomie und andere mit der heiligen Lehre zusammenhängende Wissenschaften erfreuten sich in der Prager Judenstadt eifriger Pflege. Freilich sind die jüdischen Forschungsergebnisse auf diesen Wissensgebieten die längste Zeit auf den Bereich des eigenen Geisteslebens beschränkt geblieben. Die nichtjüdische Umwelt hat es größtenteils weder verstanden, noch der Mühe wert gehalten, sie für sich nutzbar zu machen. Ja, nicht selten haben jüdische Forschung und Lehre ihren geistigen Urhebern — und vielfach nicht ihnen allein — Verdächtigungen, Verleumdungen und Verfolgungen eingetragen. Von den zahlreichen Prager Beispielen ist das berühmteste wohl der Fall des unter dem Namen Tosafot Jomtob bekannten Rabbi Jomtob Lipmann ha-Levi Heller (1579—1654), der in der „Leidensrolle" Megillat Eba selbst seine Schicksale lebensvoll geschildert hat. Ein einziges Wissenschaftsgebiet gibt es, das, von den Juden seit den ältesten »Zeiten gepflegt und gefördert, ihren Kenntnissen und Fähigkeiten früh über den Kreis der eigenen Glaubensgenossen hinaus Geltung und Ansehen verschafft hat und ihre Leistungen, wenn auch zunächst in begrenztem Maße, der Allgemeinheit zum Nutzen werden ließ. Es ist die Wissenschaft der Heilkunde und «die ärztliche Tätigkeitderjuden. :. Zu allen Zeiten und in allen Ländern hat es jüdische Ärzte gegeben; unter ihnen solche, die über den gewöhnlichen Durchschnitt weit hinausragten. Es ist unmöglich, selbst nur die bedeutenderen jüdischen Ärztenamen zu erwähnen. Ihre Zahl ist nahezu Legion. Die Liste aller bisher bekannt gewordenen jüdischen Ärzte, die ungefähr in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts reicht, umfaßt etwa 4000 Namen. Ein großer Teil von ihnen ist an den Höfen der Kaiser, Könige, Päpste, weltlichen und geistlichen Fürsten und Großen tätig gewesen. In früheren Jahrhunderten hat sich aber das Vorurteil christlicher Kreise vielfach wie gegen die Juden überhaupt, so insbesondere gegen die Judenärzte gewendet. Kirchenkonzilien und Päpste haben den Christen die Verwendung jüdischer Ärzte und ihrer Medikamente verboten, und bloß im Notfall durfte man sich ihrer bedienen. Freilich hat es auch an Herrschern und Kirchenfürsten nicht gefehlt, welche die Judenärzte nicht nur begünstigten, sondern ihnen im Interesse der leidenden Menschheit selbst die Behandlung christlicher Kranken freigegeben haben. Aber sogar im Zeitalter der Reformation ist in der feindseligen Grundeinstellung, auf deren Ursachen hier nicht einzugehen ist, eine Änderung nicht eingetreten. Bekannt ist die Äußerung Martin Luthers: „Die Jüden, so sich für Ärzte ausgeben, bringen die Christen, welche ihre Arznei brauchen, um Leib und Gut, denn sie meinen, sie tun Gott einen Dienst, wenn sie die Christen nur weidlich plagen und heimlich umbringen." Noch um 1700 haben die theologischen Fakultäten der Universitäten Rostock und Wittenberg in Gutachten den Standpunkt vertreten, daß es sündhaft sei, zum christlichen Kranken einen jüdischen Arzt zu rufen. So lehrte die Theorie; doch in der Wirklichkeit sah es anders aus. Infolge ihrer Kenntnisse und durch ihre Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit haben sich die Judenärzte immer und überall durchgesetzt und unentbehrlich gemacht. Sie wurden allen Anfeindungen zum Trotz teils geduldet, teils sogar gefördert. Ja zum Teil sind sie zuerst von der demütigenden Pflicht zum Tragen von Judenkleidung und Judenabzeichen befreit worden, ihnen wurde bisweilen mit Rücksicht auf die Ausübung des Berufes im Interesse der Allgemeinheit gestattet, ihren Wohnsitz außerhalb der Mauern der Judenstädte aufzuschlagen, und sie waren die ersten, die mit nichtjüdischer Geisteskultur und christlicher Wissenschaft in engere Beziehungen getreten sind. Diesem allgemeinen Verlauf der geschichtlichen Entwicklung gliedert sich der Gang der Geschichte in Prag gleichartig ein. Auch hier sind während der vielen Jahrhunderte, seitdem sich die Juden in Böhmen angesiedelt und daselbst Heimatrecht gefunden haben, jüdische Ärzte in großer Zahl tätig gewesen. Es wäre eine dankbare Aufgabe, ihre Namen und Lebensschicksale, soweit sie sich noch ermitteln lassen, zusammenzustellen und die Nachrichten über ihr ärztliches Wirken hinzuzufügen, was zweifellos ein kulturgeschichtlich ebenso wertvolles wie soziologisch interessantes Bild ergeben würde. Leider ist dies im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes nicht möglich. An dieser Stelle ist bloß für einige kurze Bemerkungen und Beobachtungen über jüdische Ärzte im alten Prag