Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 16 (15.8.1934)
- Date
- 1934-08-15
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 327 die analytische Wellhausens, dessen Ergebnisse natürlich z. T. benutzt werden, sondern die synthetische Eduard Meyers, welche die Echtheit und den historischen Wert vielen altbiblischen Materials sichergestelt hat. Als der wichtigste Historiker des ältesten jüdischen Geschichtswerkes erscheint — mit Duhm und Sellin — Evjatar, der von Salomo abgesetzte Hohe Priester. Er habe den Kern der David-Geschichten als Zeitgenosse treu berichtet und außerdem das ursprüngliche Richterbuch, die Vätersagen der Genesis und die Mosessagen aus Exodus berichtet, sei also der JHVIST. Somit wäre der Kern der Bibel, den Wellhausen für 800 a., Eduard Meyer für 900 a. angesetzt haben, mit Duhm und Sellin auf 1000 a. heraufgerückt. Wenn man freilich liest, daß Moses seine beherrschende Stellung in der biblischen Erzählung nur dem Umstand verdankt, daß er, über Eli hinweg, ein Urahn des Historikers Evjatar war, so wird einem doch etwas angst und bange vor soviel Folgerichtigkeit. Einen Wendepunkt der Bibelwissenschaft bedeutet Martin B u b e r s „Königtum Gottes".0 Hier wird zum ersten Male der rückhaltlose Versuch unternommen, durchaus gläubig und doch durchaus wissenschaftlich das Bibelproblem neu anzugehen. Von der bewußten Säkularisation, die Auerbach kennzeichnet, ist hier keine Spur: Israels Geschichte ist von den Uranfängen her die Geschichte Gottes in seinem Volk, und dies Volk lebt in seiner tragenden Schicht schon früh dem Gedanken der göttlichen Herrschaft: Gideons theokratische Ablehnung der Königskrone wird als eine echte alte Überlieferung erwiesen, die, obwohl nicht immer tatsachengetreu, doch selbst als eine Begebenheit kontinuierlich fortspinnende Tradition, zur echten Volksgeschichte gehört. Über solche legitimen Traditionen haben sich dann freilich verfälschende und vergröbernde gelagert, und auch sie sind in die Bibel eingedrungen. Buber nimmt nicht nur seine außerordentliche Kenntnis der Bibel und der bibelwissenschaftlichen Literatur, sondern vor allem seinen religiösen Sinn für die Wahrheit zu Hilfe, um die kritische Scheidung dieser Traditionen zu vollziehen. Der Grundstein zu einer jüdischen Bibelwissenschaft, die jüdisch ist und doch Wissenschaft, ist damit gelegt. III. Mittelalter und Neuzeit Wann wurden die Juden des deutschen Mittelalters „Kammerknechte", d. h. ein gleichsam reichsunmittelbarer Stand, der direkt dem deutschen König, nicht aber den feudalen Zwischengewalten unterstellt war? Und wann hörte dieser Zustand wieder auf? Die erste Frage beantwortet die ausgezeichnete Dissertation der Palästinenserin Sarah Schiffmann "Heinrich IV. und die Bischöfe in ihrem Verhalten zu den Juden in der Zeit des ersten Kreuzzuges",7 die zweite das weit über den bescheidenen Titel hinaus bedeutende Buch des reifen Historikers Raphael Straus „Die Judengemeinde Regensburg im ausgehenden Mittelalter".8 Beiden Arbeiten gemeinsam ist der unbefangene Blick über das Jüdische hinaus auf die allgemeinen historisch-politischen und wirtschaftlichen Zustände, die es erst für das geschichtliche Verständnis erschließen. Sarah Schiffmann weist den Beginn der „Kammerknechtschaft" nach sorgfältiger Analyse der hebräischen und lateinischen Quellen für das Ende des 11. Jahrhunderts, also die Zeit Heinrich IV., überzeugend nach; Raphael Straus ihr Ende für das 15. Jahrhundert, also die Zeit Friedrichs III. Darüber hinaus bietet sein Buch eine am Beispiel der Stadt und Gemeinde Regensburg dargetane Einleitung in die spätmittelalterliche Gesamtgeschichte der deutschen Juden mit all ihren Problemen. Es wird klar, warum der Kaiser die Juden schützte; sie waren eines seiner Regalien, und warum die wirtschaftliche Revolution, die der Reformation voranging und in sie hineinreichte, zum Symptom der Judenverfolgung kam. Die Kreuzzugsstimmung, die vor der Reformation nicht weniger als zur Zeit Heinrichs IV. herrschte und die ebenso religiös wie wirtschaftlich und politisch begründet war, führte zuletzt zur Judenvertreibung aus Regensburg wie aus anderen Städten und gab so den Juden keine Gelegenheit, ihre in der Tat, wenn auch erzwungenermaßen, wirtschaftsreaktionäre Funktion allmählich umzustellen. In diesen Darlegungen ist Straus völlig frei von jeder apologetischen Tendenz und spricht durchaus als objektiver Wissenschaftler. Wir dürfen von seinem Buch sagen, daß es, mit außerordentlichen Ergebnissen, „im kleinsten Punkt die höchste Kraft" gesammelt habe. Genau das Umgekehrte gilt von den zwei weiteren Werken von Joseph Kastein, die uns aus dem Mittelalter in die Neuzeit herüberführen: von seinem ersten und wohl schwächsten „Sabbatai Zwi", wie von seinem letzten und besten „Uriel da Costa".9 Die Tragödie des gläubigen Betrügers und die des immer wieder traditionslosen freien Gewissens werden wirksam dargestellt, wenn auch die oben für die „Geschichte der Juden" des gleichen Autors geäußerten prinzipiellen Bedenken auch hier gelten müssen. Die Art, wie z. B. Carl Gebhardt in seiner Einleitung zu Uriel da Costas Schriften das Marrannenproblem an diesem Einzelfall symbolisch genommen und formuliert hat, blieb nicht ohne sichtlichen Einfluß auf Kasteins Darstellung, ist aber selbst von größerer wissenschaftlicher Reinheit, wenn auch geringerer Durchschlagskraft. Einen anderen Vorläufer der Neuzeit hat, nun wieder in streng wissenschaftlicher Weise, die rühmlichst bekannte Historikerin Selma Stern zum Gegenstand einer schönen Monographie gemacht: den „Jud Süß".10 Alles Allgemeine und alles Persönliche ist sorgsam zusammengetragen und ausgewertet, das beigegebene Akten- und Anmerkuncsmaterial umfaßt genau die Hälfte des starken Bandes. Der Jude Süß, durch die Lostrennung von seiner erst im Tode wiedergefundenen Volksgemeinschaft gleichsam der eigenen historischen Zeit beraubt, wird zum Vorläufer der absolutistisch-merkantilistischen Entwicklung Württembergs und — ihr Opfer. Niemand wird, gerade heute, diese sinnvolle Tragödie ohne Bewegung lesen. IV. Neueste Zeit und Gegenwart Die von Immanuel Bernfeld neubearbeitete „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" von Martin Philippsohn11 gehört zu derjenigen Gattung jüdischer Historiographie, die heute unmöglich geworden ist. Die energischen Fragestellungen einer neuen Forschergeneration, ja: selbst der kühne Dilettantismus eines Kastein haben der jüdischen Geschichtsschreibung heute einen Affekt gegeben, der eine so brave und nüchterne Aufzählung von Tatsachen, wie sie hier vorliegt, als nicht mehr ausreichend erscheinen läßt. Bernfeld hat zweifellos die Partien insbesondere über osteuropäische Verhältnisse, die Philippsohn selbst nur auf Grund von Quellen zweiten Ranges behandeln konnte, durchgehend verbessert und auch sonst dem Buche durch Hineinarbeitung der neueren Literatur genützt. So mag es als materialreiche Informationsmöglichkeit seinen Dienst leisten, als eine Darstellung jüdischer Geschichte wird es kaum gelten dürfen. Von ganz anderem Kaliber ist die historische Biographie Friedrich Julius Stahls, deren ersten Band der Berliner Privatdozent Gerhard Masur vorlegt.12 Das tiefe und echte Christentum dieses getauften Juden wird in seinen Quellen ebenso bloßgelegt, wie seine außerordentliche Wirkung auf die Theorie des christlichen Staates und des christlichen Rechtes. Der große Widersacher der Aufklärung, dem der „Kulturbolschewist" Ludwig Feuerbach mit seinem schärfsten Hohn entgegentrat, war merkwürdigerweise Jude. Im bayerischen Judentum seiner Zeit hat er offenbar die religiöse Erfüllung nicht gefunden, die ihm dann das Christentum gegeben zu haben scheint. Die Paradoxie seiner Stellungnahme für die Bayerische Lei chfathlefik-Meist erschaffen: Sonntag, den 26. August 1934, siehe Seife 342