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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-15 · 16 (15.8.1934) · p. Seite 326

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
16 (15.8.1934)
Date
1934-08-15
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. ifi Zur Erneuerung jüdischer Geschichtsschreibung Ein Überblick von Dr. Ernst Simon Ende Juni hielt Ernst Simon vor einein großen Kreise in München und Augsburg Vorträge über Wege zur jüdischen Bildung. Simon zeigte außerdem in einer praktischen Schulungsstunde, wie Heimabende und Arbeitsgemeinschaften im Rahmen der jüdischen Jugendarbeit durchzuführen sind. Es ist allgemein der Wunsch in München und Augsburg ausgesprochen worden, daß Herr Dr. Simon seine Vorträge und Schulungskurse im kommenden Winterhalbjahr fortsetze. Im Nachstehenden geben wir einen ausnehmend wichtigen Beitrag Ernst Simons zur jüdischen Bildungsarbeit wieder. Aufs schmerzlichste vermissen wir seit langem, aber besonders seit den letzten Jahren eine wirklich gute moderne zuverlässige Geschichte der Juden aller Zeiten und Räume. Eine solche Darstellung dürfte weder in den Fehler falscher Zeitgemäßheit noch unkritischer Dimensionsblindheit verfallen: sie müßte schlicht und kritisch zugleich sein. Die Ansätze, die dazu in einigen neueren Werken vorhanden sind, werden in der nachstehenden Abhandlung verfolgt. Die näher beschriebenen Geschichtswerke, vor allem Kastein und Auerbach, sind in diesen Blättern schon vor längerer Zeit in anderem Zusammenhang ausführlich und kritisch behandelt worden. Es besteht jedoch ein Bedürfnis nach einem allgemeinen Überblick über die neuere jüdische Geschichtsschreibung. I. Gesamtdarstellung In englischer Sprache ist ein Buch erschienen, das seinesgleichen in einem anderen Sprachgebiet kaum hat: nämlich eine wissenschaftlich begründete, lesbar geschriebene und Quantitativ überschaubare „History of the Jewish People".1 Die als Gelehrte rühmlichst bekannten Verfasser Max L o. M a r g u 1 i e s und Alexander Marx erweisen sich in diesem Buch auch als vorzügliche Darsteller. Der Stoff ist gut proportioniert, weit besser z. B. als in Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes", in der die neueste Zeit ungebührlich überwiegt: unser Buch zerfällt in drei gleich große Teile zu je 250 Seiten, deren erster bis zum Ende des Patriarchats in Palästina (425), deren zweiter bis zur Austreibung der Juden aus Spanien-Portugal (1497), und deren dritter bis zur Eröffnung der Jerusalemer Universität (1925) reichen. Die biblische Geschichte wird für die älteste Zeit im Einklang mit den Erzählungen, der Thora, aber oft unter etwas übergenauer Festsetzung von Daten referiert; die Wunder werden rational und die Prophetie psychologisch erklärt. Gesichert erscheinende bibelkritische Erkenntnisse (Esther-Buch, 2. Jesaia) werden benutzt. Besonders gut sind die Darstellungen alles Talmudischen, Rabbinischen und W'irtschaftlich-Soziologischen; das rein Geistesgeschichtliche tritt dagegen etwas zurück. Werturteile erscheinen nur selten: die gewaltsame Bekehrung der Idomäer durch Jochanan Hyrkanos, die Graetz so heftig tadelt, wird z. B. einfach referiert. Andererseits wird dieselbe Kritik an den Pharisäern geübt, die sich im talmudischen Traktat Sota findet. Das Mittelalter ist ohne weinerliche Märtyrologie, die Neuzeit mit einem gemäßigten jüdisch nationalbewußten Pro-Zionismus behandelt. Ausgezeichnete und reichhaltige synchronistische Tafeln — bei der geographischen Anlage des Buches besonders notwendig — Bibliographie zu jedem Kapitel und Index erleichtern die Benutzung. Sollte den Verfassern etwa vorgeschwebt haben, ein jüdisches Seitenstück zu der berühmten kurzen englischen Geschichte von Trevelyan zu schaffen, so dürfte ihnen das weitgehend gelungen sein. Kürzer dürfen wir uns über Joseph Kasteins vielbesprochene „Eine Geschichte der Juden"2 fassen. Die Vorzüge des geistreichen und fesselnden Buches sind bekannter als seine Nachteile: das Buber gewidmete Werk hat für die biblische Zeit wenig von dessen methodischer Gewissenhaftigkeit, leidet aber im ganzen unter einer Art metaphysischer Zungenlösung, die in Bubers Gefolge — nicht bei ihm selbst — allzu leicht auftritt. Religiöse Termini werden oft ohne ihren letzten Wirklichkeitsernst gebraucht und erscheinen als Metapher. Die Tendenz, die Gottesvolkschaft der Juden nicht nur als treu durch alle Leiden festgehaltene Aufgabe, sondern als in allen Geichichtszeiten irdisch bewährte Wirklichkeit darzustellen, führt zu einem nationalen Chauvinismus mit pazifistischem Vorzeichen. Bezeichnend für das Buch ist, daß das bei weitem beste, ja ein wirklich gutes Kapitel über Paulus handelt, während eines der schwächsten dem Talmud gewidmet ist, von dem der Verfasser offenbar keine Ahnung hat. Verkehrte Welt — aber gerade damit ein für den geistigen Zustand des deutschen Judentums symptomatisches Buch. In diesem Zusammenhang sei noch auf die bedeutende hebräische Antritsvorlesung von Fritz Baer an der Jerusalemer Universität hingewiesen. Der Erforscher und Historiograph der jüdisch-spanischen Geschichte setzt mit ihr die „Hauptprobleme"3 der jüdischen Geschichte in neues Licht und neue Bewertung: der Makkabäerstaat erscheint als Episode, die Gemeinde als eigentlich legitime Organisationsform der jüdischen Nation seit der Zeit des zweiten Tempels. IL Biblisches Einen ungefähren Überblick über die bisherige Bibelwissenschaft gibt das von Max Soloweitchik herausgegebene Sammelwerk „Vom Buch das tausend Jahre wuchs".* Die verschiedenen Probleme der Kritik werden von verschiedenen, meist christlichen Autoren behandelt, wobei sowohl die Wellhausensche Quellenscheidung wie die formgeschichtliche Methode Gunkels zu ihrem Recht kommen. Der schlechteste und der beste Beitrag sind von Juden: Simon Bernfeld darf von den Propheten als „segensreicher Erscheinung" sprechen und ähnliche Platitüden äußern, während andererseits Torc z y n e r seine Theorie vom ursprünglichen Liedcharakter zahlreicher biblischer Bücher geistvoll an Hiob darlegt. Ernstere Beachtung verdient das große Werk von Elias Auerbach „Wüste und gelobtes Land".5 Zwanzig Jahre Palästina haben den Verfasser innig mit den natürlichen und ethnischen Bedingungen des Landes vertraut werden lassen: die alten Verkehrswege, die ja, bei veränderten Verkehrsmitteln, dieselben geblieben sind, wie Auerbach hervorhebt, erschließen ihm ein geopolitisches und strategisches Verständnis der Wanderungen und Schlachten; die Kenntnis des heutigen Arabertums hilft zur Rekonstruktion altjüdischen Lebens. Dazu treten genaue Kenntnis der biblischen und wohl auch der außerbiblischen Quellen, scharfe, ja überscharfe Kombinationsgabe und eine fesselnde Darstellung. Wir werden einen niemals langweiligen, immer zielsicheren, wenn auch vielleicht nicht immer ganz geraden Weg von den Anfängen bis zum Tode Salomons geführt. Hoffentlich erlauben die Zeiten die Fortsetzung dieses Unternehmens. Auerbachs Methode ist nicht Bayerische Le ich tat h leli Ic-M ei st erschaffen: Sonntag, den 26. August 1934, siehe Seite 342 i

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