Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 15 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 314 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Umfelder CmM$' Ülünd/ea. hnJlomM Schluß den langwierigen Unterhaltungen folgten. Wenn das Interesse aber auch bei minder wichtigen Problemen (etwa der Aufbewahrung der Fahrräder) nicht nachließ, so muß dies doch einen anderen Grund haben: ich glaube, daß fast alle Menschen im Werkdorf die Erkenntnis haben, daß es vor allem von ihnen allein abhängt, dieses Gemeinwesen zu einer lebensfähigen Arbeitsgemeinschaft zu machen, und mit dem Bewußtsein dieser Verantwortung und in der Freude, an diesem schönen Werk mitarbeiten zu dürfen, wurden auch die anderen Punkte der Tagesordnung: die Gestaltung der Hauszeitschrift, die Einteilung der Arbeitszeit, Fragen der Küchen- und Werkzeugverwaltung, das Problem der Freizeitgestaltung und manches andere in offener und vertrauensvoller Aussprache erörtert. Neben dieser geistigen Grundhaltung war an den Stunden abendlicher Heimberatung besonders lehrreich und reizvoll, mitzuerleben, wie im Werkdorf zu Nieuwesluis noch alles im Werden ist: daß die primitivsten technischen Vorbedingungen oft erst geschaffen oder verbessert werden müssen und daß vor allem das Zusammenleben der Menschen — ihre Zahl wird bald Hundert erreicht haben — noch um seine bleibende Form ringt. Am folgenden Tag — die Dorfbewohner und Bewohnerinnen waren nach einem kräftigen Frühstück schon zeitig an ihre Arbeitsplätze ausgerückt — hatten wir Gelegenheit, in einer Unterhaltung mit dem schon genannten Leiter des Werkdorfes, dem deutschen Arzt und Erzieher Dr. med. Hans Lubinski aus Berlin, der ähnliche Jugendarbeit in Ost- und Mitteleuropa schon wiederholt geleitet hat, verschiedene Fragen des Ausbaus von Nieuwesluis zu besprechen. Die jungen Menschen, die sich zur Umschichtung entschlossen haben und sich in der einmonatlichen Probezeit als tauglich erwiesen haben, müssen sich für 2 Jahre (die Mädchen auf 18 Monate) verpflichten. Diese Zeit ist die kürzeste, die man für eine gründliche Schulung und zu einer späteren Eignung zum Wettstreit mit regelrecht gebildeten Handwerkern oder Landwirten in Palästina oder Ubersee ansetzen muß. Für die Mädchen ist eine Ausbildungsmöglichkeit in Haus-, Garten- und Landwirtschaft vorgesehen: dort sollen sie Massenküche und Gemüseverwertung, Instandhalten der Wäsche, Geflügel- und Milchwirtschaft von Grund auf erlernen. Den Jungen ist dagegen wahlweise die Möglichkeit offen, sich im landwirtschaftlichen, gärtnerischen oder in einem der handwerklichen Betriebe auszubilden. Unter der Leitung eines erfahrenen Bauführers arbeitet der Baubetrieb, bei dem auch die üblichen Zimmermannsarbeiten einbegriffen sind. Die Jungen, die Tischler werden wollen, werden in den ersten Monaten als Bautischler, später auch als Möbeltischler lernen und die Schlosser werden neben den üblichen Arbeiten ihres Handwerks auch Klempner- und Rohrlegeraufgaben zu bewältigen haben. Zwei Fragen und Einwände, die im Zusammenhang mit dem Gedanken dieses Werkdorfs oft erhoben werden, konnte ich mit Dr. Lubinski besonders eingehend besprechen: „Besteht bei einem Lehrbetrieb dieser Art nicht die Gefahr gegenüber der üblichen Ausbildung in der Werkstatt oder auf dem Bauernhof, daß nicht alle möglichen Arbeiten erlernt und geübt werden und "daß dadurch die Schulung nur allzu theoretisch bleibt?" — „Diese Gefahr ist natürlich in hohem Maße gegeben und es bleibt unser hauptsächliches Bemühen, unser Werkdorf nicht zu einem ,Modellbetrieb' in diesem Sinn des Wortes zu machen. Alles was wir schaffen, wächst so aus dem Bestreben heraus, praktisch und dem richtigen Handwerksbetrieb oder Bauernhof entsprechend zu wirtschaften. Die Jungen beispielsweise, die das Bauhandwerk erlernen wollen, kommen bei uns in der Tat sofort ,auf den Bau'; soeben bauen die Praktikanten ein massives Wohnhaus, dann muß unser großes Gemeinschaftshaus schleunigst in Angriff genommen werden und so liegen jetzt schon Baupläne vor, die uns für eineinhalb Jahre beschäftigen werden. Es ist in den anderen Betrieben entsprechend: unsere Schreiner haben beispielsweise sofort bei Eröffnung des Werkdorfes für uns selbst 180 Fenster und 116 Schränke zu zimmern gehabt und sind dadurch unmittelbar zur alltäglichen praktischen. Arbeit gezwungen worden, und mit dem Erfolg unserer gärtnerischen und landwirtschaftlichen Arbeitsstätten wird das Werkdorf stehen und fallen: denn ihnen obliegt unsere Lebensmittelversorgung zum allergrößten Teil; die 3 Hektar Gartenland sind so groß, daß sich die 15 Praktikanten, die dort arbeiten, tüchtig anstrengen müssen, um alles aus dem Boden herauszuholen, was wir brauchen und unsere landwirtschaftlichen Schüler laufen auf ihrem Arbeitsfeld — das den Umfang von 8 Bauernhöfen hat — auch nicht Gefahr, sich — wie böswillige Zungen meinen — ,auf die Füße zu treten'. Außer der rein bäuerlichen Arbeit haben diese Praktikanten auch schließlich sich die notwendigen Maschinenkenntnisse und die Praxis in Milch- und Kleinviehzucht, sowie der Pferdebehandlung zu erwerben. Die theoretische Ausbildung wird vermutlich im Rahmen der üblichen holländischen landwirtschaftlichen Schulung erfolgen. So sehen wir unsere Hauptaufgabe darin, in möglichst zuverlässiger und ernster Weise alle fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten den Menschen, die sich uns hier zur Umschichtung anvertrauen, zu übermitteln." „Haben Sie die Absicht, das Werkdorf über die reine Arbeitsstätte hinaus auch zu einer Zelle jüdischen Gemeinschaftslebens zu machen und was tun Sie in dieser Richtung? Sind die Schwierigkeiten auf diesem Gebiet nicht besonders groß?" — „Doch, — aus zwei Gründen ist die Arbeit auf jüdischem Gebiet und in dem Bestreben, hier eine lebendige Gemeinschaft zu schaffen, widerstandsreich; zum ersten ist — was ja an sich ein unerhörtes Positivum ist — unser Werkdorf gemäß seiner satzungsmäßigen Bestimmung ,offen für alle jüdischen Richtungen', so daß sich — selbst wenn dies die Leitung wünschen würde — eine bestimmte jüdische Tendenz nicht verfolgen läßt. Zum anderen sind die Unterschiede in unserer Jugend dem Alter und der Herkunft, der Uberzeugung und ihrem Ziel nach so verschieden, daß auch dies eine Gemeinschaftsarbeit nicht unumschränkt aufkommen läßt. Freilich versuchen wir dennoch, unser Leben so weit als möglich zu einem von jüdischen Geist getragenem, unser Werkdorf zu einer sinnvollen Gemeinschaft zu machen: der Sabbat soll allmählich mehr als ein bloßer Ruhetag werden und die gemeinsam verbrachten Freitagabende, die unsere Menschen selbst zu gestalten haben, werden mit der Zeit hoffentlich allen eine gemeinsame Grundlage jüdisch-positiver Haltung geben. Eine allwöchentliche Arbeitsgemeinschaft des Werkdorfes über Fragen jüdischer Gegenwartskunde soll das tatsächliche Wissen ums Judentum fördern. Schließlich hat noch der Hechaluz im Werkdorf einen eigenen Snif, der zielbewußt seine Teilnehmer auch geistig auf Erez Israel vorbereitet, da ja viele unserer Leute die hier verbrachte Zeit als Hachscharah betrachten und als solche angerechnet erhalten. Letztlich soll auch der Unterricht im Neuhebräischen — der wie englischer und spanischer wahlweise besucht werden kann — eine innere Bindung zum Judentum schaffen. Dies alles wird uns aber nicht darüber hinwegbringen, daß zwischen Sechzehnjährigen und Umschichtlern, die mehr als 10 Jahre älter sind, sich keine unbedingte Lebensgemeinschaft schaffen läßt. Mehr aber als die geistige und menschliche Bildung tut unseren Werkdorfleuten — die doch oft schon geschlossene Persönlichkeiten sind — ernste und gründliche Fachausbildung und -Übung not. So ist es unsere Hauptaufgabe, hier vor allem anderen einzusetzen, die besten Mittel und Kräfte zur Schulung und das vielfältigste Material der Betätigung zur