Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-01 · 15 (1.8.1934) · p. Seite 313

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
15 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 313 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728015--09618-2742897
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 313 S;iisoii-Scliliissvcrk;uif... 30. „ J Die auf Tischen ausgelegten Stoffe sämtlicher Läger mit rote r Auszeichnung bis -4. Augustabends werden zu bedeutend ermäßigten Preisen verkauft Mittags geschlossen S. Hicliciiijriin & Co. Lahr (17,1), Randegg (8,6), Sulzburg (8,3), Lichtenau (7,9), Kippenheim bei Lahr (7,8), Neidenstein bei Sinsheim (7,6), Großeicholzheim bei Adelsheim (7,5), Breisach bei Freiburg (6.9), Sennfeld bei Adelsheim (6,3), Kirchen bei Lörrach (5,1) usw. In der Stadt Mannheim beträgt der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung 2,3. in Karlsruhe 2,0, in Heidelberg 1,3, in Pforzheim 1,0. Vergleicht man die Ergebnisse der 1933er Volkszählung mit denen des Jahres 1925, so ergibt sich ein Rückgang der Zahl der Israeliten um 3447, d. s. 14,3%, der sich auf 32 Amtsbezirke verteilt; in 5 Amtsbezirken ist eine unerhebliche Zunahme seit 1925 zu verzeichnen (Engen. Säckingen, Stockach, Ueberlingen und Neustadt), insgesamt um 13 Personen. Am größten ist der Rückgang der Israeliten in den Städten Mannheim (583), Heidelberg (310), Karlsruhe (267), Freiburg (261), Pforzheim (116), in den Landgemeinden Gailingen (61), Königsbach (60), Sulzburg (36) usw. Die Zahl der Gemeinden, in denen 50 und mehr Israeliten wohnhaft sind, ist von 64 im Jahre 1925 auf 54 im Jahre 1933 zurückgegangen. Im Jahre 1925 gab es noch 5 Gemeinden, in denen der prozentuale Anteil der Israeliten an der Bevölkerung höher als 10% war. Heute gibt es nur noch 2 Landgemeinden (Gailingen und Schmieheim). Vergleichsweise sei erwähnt, daß die Israeliten vor 100 Jahren (im Jahr 1825) in der Gemeinde Gailingen nahezu die Mehrheit hatten (47,6%); in Randegg betrug damals der prozentuale Anteil 40,5, in Wangen 39,3, in Schmieheim 36,4. Die Ursachen des zahlenmäßigen Rückgangs der Israeliten in unserem Land dürfte einmal in der starken Abwanderung der Israeliten nach außerhalb von Baden, in der erhöhten Sterblichkeit und in der außerordentlich geringen Geburtenzahl liegen. Erwähnt sei, daß die Gesamtzahl der Sterbefälle von Juden in den letzten 10 Jahren um 1144, d. s. rund ein Drittel, höher war als die Zahl der Geburten. Schulung und Arbeit Besuch im Jüdischen Werkdorf am Wieringer Meer Die Arbeit für unsere ausgewanderte Jugend wird erst in dem Augenblick fruchtbringend, da sie über das Wohlfahrtsmäßige hinaus den Weg in eine neue Zukunft bahnt. Alle Stellen, die sich im Reich oder im Auslande mit dieser Frage beschäftigen, sehen ihre Aufgabe in einer solchen Produktivierung der jugendlichen Kräfte. Der Umfang des Problems fordert eine Gemeinschaftslösung. Als erster Versuch ist die von der Stiftung „Joodsche Arbeid'1 in Nieuwesluis (Nordholland) in Angriff genommene Errichtung eines Jüdischen Werkdorfes anzusehen. Dieses junge Unternehmen — es hat erst vor wenigen Wochen die Arbeit begonnen — kann von wegweisender Bedeutung sein; sein Gedeihen muß von allen Interessierten im Reich und bei den ausländischen Hilfsorganisationen mit Aufmerksamkeit verfolgt werden. Das Werkdorf am Wieringer Meer ersteht an der Grenze des alten Kulturlandes und des jungen Bodens, der in jahrzehntelangem Bemühen der Zuidersee abgerungen worden ist. Wir kamen am späten Nachmittag zu Besuch nach Nieuwesluis und der augenfällige Unterschied zwischen Alt- und Neuland besteht darin, daß auf letzterem die Eintönigkeit der holländischen Landschaft noch gesteigert erscheint. Soweit unser Blick schweift, kein Baum, nur Wiesen und einige wenige Siedlerhäuser! Gerade dort, wo beide Landschaften — von einem Kanal getrennt — zusammenstoßen, befinden sich die Baracken und erstehen die Häuser des Werkdörfes. Die Regierung sowie die zuständigen Behörden verfolgen dieses Aufbauwerk mit Sympathie und aktiver Hilfe, wie es sich u. a. in der Überlassung des Landstriches von 65 Hektar, der Bereitstellung einer großen Scheune, einer großen Anzahl von Baracken und der Hergabe eines Holzhauses für die Unterbringung der Mädchen und der Verwaltung äußerte. Wirtschaftlich und organisatorisch ist dieses große aufbauende Hilfswerk, das im folgenden Jahre nach dem Programm 250—300 Praktikanten ausbilden soll, als eine große Leistung der Opferbereitschaft führender Kreise des holländischen Judentums zu werten. Das Umschichtungswerk vollzieht sich in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen deutschen Organisationen, der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe bzw. den Wirtschaftshilfen der großen Gemeinden, die die Praktikanten mit auswählen. Fast aus allen Gegenden Deutschlands sind die Praktikanten in dem Werkdorf vertreten. Als wir im Werkdorf eintrafen, war der Arbeitstag noch nicht vollends abgelaufen und schon beim ersten flüchtigen Rundgang durch die Werkstätten und Küchen, über den Bauplatz zu den landwirtschaftlichen und Gärtnereigrundstücken konnten wir den guten Zustand der Arbeitsstätten und den hingebenden Ernst der Lernenden erkennen. — Gegen 7 Uhr abends strömte das ganze Werkdorf zum Abendessen in die große Wohnbaracke. Etwa eine Stunde später eröffnete Dr. Hans Lubinski, der die Leitung von Nieuwesluis hat, die Betriebsbesprechung, die am Anfang jeder Arbeitswoche stattfindet und der gemeinsamen Erörterung aller Fragen des werdenden Gemeinwesens gilt. Es waren recht ernste Dinge, die hier von den jungen Menschen mit ihren Führern zu besprechen waren (etwa Maßnahmen zum Schutz vor der gelegentlich in der Gegend auftretenden Malaria) und dies mag die gespannte Aufmerksamkeit erklären, mit der alle Anwesenden bis zum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.