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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-01 · 15 (1.8.1934) · p. Seite 311

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
15 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 311 Arbeiters von den Produktionsmitteln auffaßt, ist für Oppenheimer seine Beseitigung eine Frage der Politik. Oppenheimer ist Agrarsozialist, aber nicht will er, wie Karl Marx, das Kollektivum an Stelle des Individuums setzen, sondern er selbst bezeichnet sich als — liberalen Sozialisten. Damit hängt seine nicht geringe unmittelbare Wirkung auf die Zeitgenossen, zusammen: kein lebender Nationalökonom hat das Problem der Siedlung in seiner Bedeutung für die Gegenwart so frühzeitig erkannt, so scharf betont und so großzügig erfaßt wie Franz Oppenheimer. Mag es sich um die Frage der Beseitigung der preußischen Latifundien oder um die Besiedlung Palästinas durch die Juden handeln — immer wird sein Forschen und seine Tätigkeit getragen von einem messianischen Glauben an die Möglichkeit der Herbeiführung idealer menschlicher Zustände. Ricarda Huch Nie vergesse ich die Nacht des Wolfskehl-Festes im Englischen Garten in München. Es war kurz vor dem Ausbruch des Weltkriegs — und dem Rückblickenden schien es später oft, als habe alle sorglose Jugendlust mit diesem Abend ihr Abschiedsfest gefeiert. Wölfflin war dabei, der schweigsame Schweizer; und Ricarda Huch, die Dichterin. Ihr galt die Krone des Abends; und als die Lust am höchsten stieg, da umringte plötzlich eine kleine Schar von jungen Leuten, Künstlern und Studenten, die schlanke Frau mit dem strengen, leidenschaftlichen Gesicht und trug sie im Triumph auf den Schultern durch den geschmückten Saal — so huldigte die Jugend der Dichterin. Damals sahen wir vor allem die Dichterin in ihr, die uns den schwermütigen Ludolf Ursleu und die träumende Dichtung des Vita Somnium breve geschenkt hatte. Und doch hatte schon längst ihr heut klassisches Buch über die Deutsche Romantik gezeigt, wie tief die Forscherin Ricarda Huch vergangene Zeit lebendig und blutsnahe zu gestalten wußte. Seitdem ist ihre reiche, streng gezügelte Begabung andere Wege gegangen. Es ist eine Wandlung in ihrem Leben, die uns fast an die Entwicklung unseres großen jüdischen Dichters Ghajim Nachman Bialik, von der in diesen Tagen so viel die Rede war, erinnert: es kommt ein Wendepunkt im Leben beider, da legen sie die Harfe beiseite, und wenden sich zu den Schätzen der Vergangenheit ihres Volkes — beide von der großen Absicht beseelt, die verschütteten Brunnen wieder aufzugraben. So entstehen ihre großen historischen Bilder aus deutscher Vergangenheit: das dreibändige Werk „Der große Krieg in Deutschland", Bücher über Wallenstein und den Freiherrn vom Stein, in neuerer Zeit die Alten und neuen Götter und die Deutschen Städtebilder. Es liegt in dieser lebensgeschichtlichen Wendung, die ja — wieder ähnlich wie bei Bialik — auf die Anfänge ihrer Jugendarbeit zurückgreift, etwas von jener „Entpersönlichung", die sie einmal als Ziel menschlichen Strebens bezeichnet — leidenschaftliche Hingabe des Einzellebens aus der „Kruste erstarrter Individualität" und „Wiederjungwerden" im Leben der Gemeinschaft. Wir Juden haben besonderen Anlaß, dieser bedeutendsten Gestalt unter den Frauen unserer Zeit zu gedenken und ihr zu danken: zu danken — dort, wo sie |B| Der freundliche Herr H empfiehlt sich! Sie werden bei ihm eine zuvorkommende, freund- H| liehe Bedienung, eine zuverlässige, TT gewissenhafte Beratung finden! BAMBERGER & HERTZ Die zuverlässigen Kleiderfachleute siebzig Jahre unsere Leistung für die Menschheit wTürdigt und nicht weniger dort, wo sie uns fremd wird. Ricarda Huch selbst hat früh und spät bekannt, welche ewigen Güter sie der Heiligen Schrift schuldet. Schon in ihren frühen Gedichten zieht es sie zu den biblischen Gestalten; Jephta und seine Tochter, der Volksheld Simson, Salomos Lebensverzicht und besonders das Schicksal des verfinsterten Königs Saul leben in ihren Versen wieder auf. Später hat sie dann in einem eigenen Buche den „Sinn der Heiligen Schrift" zu ergründen versucht. Denn sie will den Anderen zeigen, was sie selbst in einem stürmereichen Leben tief erahnte: „daß die Bibel uns nicht fern liegt als ein Buch voll alter orientalischer Mythen und Geschichten, sondern daß sie heute und immer auf alle Menschen angewendet werden soll". In diesem Buche findet sie ergreifend tiefe Worte für das Wesen der Propheten wie für die Eigenart des israelitischen Volkes selbst. „Wegen des Gehorsams und des Ungehorsams zusammen erwählte Gott sich das Volk Israel. Die entgegengestzten Kräfte des Selbstwollens und des Sich-Hingebens an Gott in einem Einzelnen oder in einem Volke machen den Auserwählten oder das auserwählte Volk." .... „Das Volk Israel dagegen war jung, und Gott ging vor ihnen her in einer Wolke bei Tage und im Feuer bei Nacht. Aus ihrer Mitte gingen Helden hervor: Sterne der Menschheit, leuchtende Vorbilder. Bedenkt man, was für gewaltige Reiche es im Orient gegeben hat, so erstaunt man, wie sie spurlos verschwanden, und wie das kleine Volk Israel unsterblich lebendig ist, durch das Wort, das in ihnen Fleisch ward" (Der Sinn der Heiligen Schrift. 1919, S. 22). Und doch bezeichnet dieselbe Ricarda Huch an einer anderen Stelle diese Unsterblichkeit Israels als den „Fluch des Nichtsterbenkönnens", weil sie mit der Entstehung des Christentums die welthistorische Aufgabe der Juden erfüllt glaubt. Von dem „erstarrten Volk" spricht sie, das als Volk nicht mehr bestehen könne. — Als — es war vor einer Reihe von Jahren — ein Freund sie brieflich auf die Heldengestalten der vertriebenen Juden, auf Maimonides, Jehuda Halevi, Spinoza hinwies und ihr auch endlich von der Wiederauferstehung des jüdischen Volkes in unseren Tagen,.

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