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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-01 · 15 (1.8.1934) · p. Seite 310

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
15 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
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310 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THE ATI NERSTR ASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Frage aus, welchen Einfluß Autoren jüdischer Herkunft auf die ökonomischen Anschauungen gehabt haben, sondern von Kritikern des „jüdischen Geistes" und Gegnern herrschender oder in der Theorie einflußreicher Wirtschaftssysteme. Die einen glauben, ein Wirtschaftssystem verdächtigen zu können, indem sie darauf aufmerksam machen, daß es von Juden stammt, die anderen die Juden, indem sie ihnen ein im Kampfe der Parteien umstrittenes Wirtschaftssystem (und welches Wirtschaftssystem wäre nicht umstritten) an die Rockschöße hängen zu können glauben. Namentlich sind es zwei Juden (von Gebürtigkeit), die, literargeschichtlich auf besonderer Höhe stehend, zugleich als Exponenten des jüdischen Kollektivismus und als Schöpfer von kompakten, die Mentalität der Masse suggestiv captivierenden Wirtschaftssystemen ein beliebtes Angriffsobjekt seitens weltanschaulich oder politisch organisierter Gegenkräfte bilden. Beide haben je ein System der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beinahe endgültig geformt und beinahe fertig vor die überraschte Mitwelt hingesetzt, aber diese beiden Systeme sind, wenn auch eines davon auf dem anderen steht, doch diametral voneinander verschieden. Schon das gibt zum Denken Anlaß. Das einemal ist „der Jude" an der Zuspitzung der Theorie des Kapitalismus, an der theoretischen Begründung der kapitalistischen Wirtschaftsgewinnung (Manchesterdoktrin) schuldig, das anderemal am Zwitterwesen (zugleich Wissenschaft und Weltanschauung) eines wissenschaftlichen Sozialismus, dem „Marxismus" (das Werk wird nach dem Begründer benannt). David Ricardo, geboren 1772, stammt von holländischen Juden ab. Er war Bankier, schon sein Vater war Mitglied der Londoner Börse gewesen. Nach Erreichung der Volljährigkeit trat er zum christlichen Glauben über, um eine Christin zu heiraten. Ricardo war also kein Akademiker (wie Adam Smith), kein „Gelehrter im Hauptberuf", sondern Geschäftsmann und Parlamentarier. Trotzdem ist er der Haupttheoretiker der Nationalökonomie geworden; seine Theorien beschäftigen auch jetzt noch die Gelehrtenwelt in Auslegung und Kritik. Auch Karl Marx war niemals Professor; man würde ihn heute als Journalisten und Schriftsteller bezeichnen. Marx wurde 1818 in Trier als Sohn des Rechtsanwalts Heinrich Marx geboren; seine Mutter stammte aus der holländischen Rabbinerfamilie Preßburg. Als Karl Marx 6 Jahre alt wai. trat sein Vater mit seiner Familie zum Christentum über. Marx zeichnet sich durch schonungslose Analyse gesellschaftlicher Zustände aus. Aber auch seine rein theoretischen Überlegungen, die er zur Begründung seiner Kritik des Kapitalismus benötigte, sind von unerbittlicher Schärfe und bilden trotz ihres Umstrittenseins noch immer einen ansehnliche Teil des Gesamtbaues der politischen Ökonomie. Wie Karl Marx ein Zukunftsprogramm aufstellte, das sozialistische, so erscheint dem flüchtigen, weniger unterrichteten Leser Ricardos Hauptwerk, principles of political economy, als eine Rechtfertigung des kapitalistischen Systems. Da nun Ricardo Börsianer und geborener Jude war, was liegt näher, als ihn zum nackten Manchestermann. zum Verkünder des „Alles-ist-erlaubt-Standpunktes" rücksichtslosen Gewinnstrebens zu stempeln. Aber derjenige unter den lebenden deutschen Nationalökonomen, der Ricardo wohl am besten kennt, Maffeistrasse 6 KLEIDER MÄNTEL HÜTE Zeitgemässe Preise sagt von ihm: „Nicht das Interesse einer bestimmten Klasse leitete ihn, sondern er war von lauterster Wahrheitsliebe, von reinem Forscherdrang beseelt." Der Marxismus ist kein nationales, sondern ein Menschheitsideal. Die Internationalität des Marxismus ist so verrufen, daß es fast zur Gewohnheit geworden ist, vom „internationalen Marxismus" (manche: internationaler jüdischer Marxismus) zu sprechen. Demgegenüber wirkt es geradezu erfrischend, wenn ein jüngerer Gelehrter, der weit davon entfernt ist, der Richtung Marx anzugehören, an Marx „ein eigentümliches deutsches Wesen" findet und ihn in dieser Beziehung in eine Linie mit Thünen, Friedrich List, ja sogar mit Adam Müller stellt. Trotz der Verschiedenheit ihrer Arbeitsweise und ihrer Forschungsergebnisse haben Ricardo und Marx viel Gemeinsames. Ich meine nicht die Tatsache, daß Marx theoretisch auf den Schultern Ricardos steht (trotz seiner abweichenden Schlußfolgerungen), sondern ihre wissenschaftliche Konstitution zeigt Familienähnlichkeit. Beide zeichnen sich durch ungewöhnliche Schärfe des Gedankenganges aus. Freilich, in der Methode sind sie unter sich verschieden; liegt doch ein halbes Jahrhundert zwischen ihnen. Während Ricardo in seiner Beweisführung sich der überlieferten, aber seine Zeit noch beherrschenden cartesianischen Logik mit ihren Ausläufern bedienen muß, gilt Marx, der an der Universität Philosophie studiert hatte, als Schüler Hegels, dessen „Dialektik" (dialektische Methode) er nicht nur meisterlich handhabte, sondern auch über ihren eigentlichen Sinn hinaus weiter ausbildete, so daß er als der Stammvater einer (von mehreren) spezifisch geisteswissenschaftlichen Forschungsmethode auch von NichtSozialisten gerühmt wird. Man hat, mehr polemisch als ernsthaft, den bohrenden Scharfsinn, der Ricardo eignet, mit seiner jüdischen Herkunft in Verbindung gebracht; indessen ist mir nicht bekannt, daß Ricardo in seiner Jugend Talmudstudien getrieben, und das hereditäre Moment ist zu bestritten, als daß es dafür angeführt werden könnte. Von Karl Marx ist es nach obigem sehr unwahrscheinlich. Mit der erwähnten gemeinsamen Geisteseigenschaft vereinigt sich bei beiden eine zweite, beinahe entgegengesetzte: ausgesprochener Wirklichkeitssinn. Bei Marx liegt er zu Tage und wird nicht dadurch verdunkelt, daß Marx (nach Sombart) ein ausgesprochener Büchermensch war. Bei Ricardo läßt er sich weniger seinem Hauptwerk, den principles, als den übrigen Schriften (Geldwesen, Kornzölle) entnehmen. Besonders aber ein Drittes, die Freude an der Systembildung als solcher, der Drang, ein gesellschaftliches Idealbild zu entwerfen, zu verkünden, zu verteidigen, einigt die beiden. Bei Marx tritt dieses chiliastische Element, wie ich es nennen möchte, ohne weiteres hervor. Aber auch bei Ricardo ist es unverkennbar, er nennt selbst sein System ein natürliches, nicht nur im Sinne des Naturgegebenen, sondern auch im Sinne des Vernunftgemäßen, Allgemeingültigen. Schärfe des Geistes, Wirklichkeitssinn und konstruktiver Idealismus sind die gemeinsamen Grundzüge dieser beiden Heroen der Gesellschaftswissenschaft. Lenken wir unseren Blick auf die Gegenwart, so werden wir dieselben Eigenschaften bei einem deutschen Nationalökonomen finden, der nicht nur Jude ist, sondern sich in seinen Schriften auch als solcher bekennt, und sich auch literarisch mit allgemein-jüdischen und jüdischen Gegenwartsfragen befaßt hat:1 Franz Oppenheimer. Schärfe des Geistes zeigt Oppenheimer besonders in denjenigen seiner Schriften, in denen er die Linie Ricardo- Marx folgerichtig fortsetzt: in theoretischen Abhandlungen, auf Grund deren er in der Literatur als der bedeutendste — manche sagen: der einzige noch lebende Vertreter der „objektiven Wertlehre" gilt. Wirklichkeitssinn bewährt Oppenheimer dagegen in seinen historischen Arbeiten, wo er den Ursprung des Kapitalismus auf ^außerökonomische" Faktoren (Gewalt, Bodenmonopol) zurückführt. Oppenheimer verwirft das Bodenmonopol wie Ricardo und Marx; aber während Ricardo das Bodenmonopol als etwas Naturgegebenes hinnimmt, während Karl Marx es als Teilerscheinung der Trennung des 1 Seine Arbeiten hierüber sind jetzt in dem Sammelband „Soziologische Streifzüge" (Ges. Reden und Aufsätze, Bd. II), München 1927, zu finden.

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