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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-01 · 15 (1.8.1934) · p. Seite 306

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
15 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 dem alten Land der Väter, um nicht immer als Minderheit nur abhängig zu seinvon dem Urteil der anderen, um vielmehr nach eigenen Gesetzen sein Leben leben zu dürfen? Selbstverständlich war auch dieses Erlebnis in der Seele jedes einzelnen anders gestaltet und sehr viele werden es nicht gehabt haben. Wie dem aber auch immer sein möge, heute wissen wir, daß der Weltkrieg die Judenfrage für uns nicht gelöst hat. Wenn wir uns dieser Tage erinnern, wenn wir an all die Lieben denken, die unsern Blutes waren, und die nicht mehr heimkehren durften, so tun wir das nicht in einem Schmerz, der keinen Trost kennt. Alle rückwärts blickende Betrachtung hat nur einen Zweck und einen Sinn, wenn sie auch vorwärts weist. Die wichtigste Erkenntnis des Historikers ist. daß abgelaufende Epochen niemals wiederkommen, jede Zeit hat ihr eigenes Antlitz. Wenn wir Juden des Weltkrieges, die wir inzwischen meist Familienväter geworden sind, zu unsern nun auch schon erwachsenen Kindern von diesen Tagen sprechen, zu Kindern, die zumeist sich ihr Schicksal unter gänzlich anderen Bedingungen werden zu gestalten haben als wir selbst es getan haben, dann möchten wir ihnen in Erinnerung an jene Tage das Wort zurufen: Chasak! Sei tapfer und stark so, wie wir es zu sein versuchten, sei von der gleichen Pioniergesinnung erfüllt, nun wo es für Dich andere Aufgaben zu lösen gibt. Auch Du bist ein Frontsoldat an der Front des Judentums, auf Dich schauen die Augen ebenso wie sie auf uns geblickt haben, sei es, daß Du in dem Lande, in dem Deine Eltern groß geworden sind, versuchst, wieder um Deine Geltung zu ringen, sei es, daß Du in fremdem Lande mühsam Dir Dein Dasein zu zimmern versuchst, oder daß Du gar im Lande der Väter, an den Ufern des Toten Meeres oder im sumpfigen Wasser der Citruspflanzungen ringst, um die Gestaltung eines ganz neuartigen jüdischen Lebens. Am Schluß des Weltkrieges stand die Balfour-Deklaration. Der Weltkrieg hat dem Jüdischen Volke die Chance geboten, und in dem Umfange, in dem sie von ihr 'Gebrauch machen wird, wird man den Wert dieser Generation einst bemessen. Gewiß, als wir damals herauszogen, da konnte man nicht ahnen, wie die Dinge sich nach 20 Jahren gestalten würden. Nun sind sie wie sie sind, und heute scheint es so, als ob eine Kette, eine unlösliche Kette die verbindet, die nun schon etwas müde geworden zurückschauen auf den August 1914, und die, die jung, kräftig und lebensmutig neu anfangen wollen mit der ganzen Zähigkeit unserer alten Rasse. Der Sabbat Bei J. Kaufmann. Frankfurt, läßt soeben Rabbiner Jakob Horovitz in Frankfurt eine zu Peßach 5694 gehaltene Predigt über den Sabbat erscheinen, in der er mit außerordentlicher Kraft des Wortes seine Hörer zur Heiligung des Sabbats aufruft. Wir bringen im Folgenden daraus einen Auszug. Preis der Schrift 60 Rpf.. bei Bezug einer größeren Zahl 30 Rpf. Ein Midrasch (Ber. r. Abschnitt 11] weiß zu erzählen: Die einzelnen Tage der Woche traten vor Gott hin. Der Sonntag wies hin auf den Montag als auf seinen Partner, der Dienstag erschien mit dem Mittwoch, dem Donnerstag gesellte sich der Freitag zu. Zuletzt aber kam der letzte der Tage, der Sabbat. Und er sprach zu dem Herrn der Welt: ..Siehe, o Gott, meine Einsamkeil, meine Verlassenheit. Ich habe keinen Gefährten in dieser Welt gefunden." Da sprach Gott der Herr: ..Traure nicht. Sabbat! Dir geselle ich die Gemeinschaft Israels zu zu einem unauflöslichen Bunde.'' Als Israel an den Sinai kam. sprach der Heilige, der gepriesen sei, zu ihm: ..Erinnere Dich des Wortes, das ich zum Sabbat sprach!" Und der Midrasch schließt: Eben das wolle auch das Wort der Schrift besagen: ..Erinnere Dich des Sabbattages, ihn zu weihen." Mir scheint, daß die Erklärer und die Übersetzer ganz übersehen haben, daß der Midrasch hier von einer Auffassung des Schriftwortes ausgeht, die bei dein bloßen, schlichten Schriflsinn nicht stehen bleibt. Kidduschin, Heiligung. Weihe; das ist ja im Judentum die Bezeichnung für die Ehelichung oder, vielmehr, wenn wir es genauer nehmen, für die rechtlich bindende Verlobung, bei der der Gatte zur Gattin nach der Vorschrift des Gesetzes vor Zeugen spricht: ..Sei mir geweiht!" So wird ohne Zweifel das Wort "lEHp1? gedeutet. Von hier aus ist denn wohl auch das Bild von der Braut Sabbat, die Israel angetraut ist, entstanden. Und es mag eine Stütze und Bekräftigung erfahren haben, durch ein anderes tiefes Wort, das im Anschluß an den Schriftvers: ..Und Gott vollendete sein Werk mit dem siebenten Tage" gesprochen wurde. Man fand auffällig — auch die allen Übersetzer haben es auffällig gefunden und sind darüber in die Irre gegangen —, daß es nicht heißt: Gott vollendete sein Werk am sechsten Tage. Geniba gibt (Ber. r. Abschnitt 10) eine Lösung mit einem Gleichnis: Ein König baute einen herrlicben Baldachin. Alles war bereitet; was aber fehlte noch? Nichts, als daß die Braut unter den Traualtar trat. Darum wendet die Schrift hier das Wort an. um damjt zum Ausdruck zu bringen: Die Well war herrlich bereitet, und doch war sie nicht vollendet am sechsten Tage der Schöpfung. Was fehlte noch? Der Sabbat, die Kalla, die Braut. Rabbi Ghanina. so lesen wir im Talmud (b. Sabbat 119a), legte in der Dämmerstunde des Rüsttags zum Sabbat die Sabbatgewänder an und sprach gewiß im Hinblick auf die Worte des Hoheliedes „Laßt uns hinausgehen auf das Feld": ..Kommt, laßt uns hinausgehen, um die Königin Sabbat zu empfangen." Und von Rabbi Jannai wird an der gleichen Stelle berichtet, daß er mit den Sabbatgewändern angetan ausgerufen habe: „Komm. Braut! Komm, Braut!" Dem frommen Brauch dieser Rabbinen gemäß ging man in alter Zeit hinaus aus dem engen Raum des Gotteshauses und grüßte den Sahhat der Weltschöpfung draußen in Gottes freier Natur als den sehnsüchtig erwarteten Gast, als die Königin, die Braut, die den Segen brachte, um sie dann heimzuführen in das Gotteshaus. Wenn wir uns am Freitagabend gegen den Schluß des berühmten Hochzeitsliedes, das von Israel und seiner Braut, dem Sabbat, singt, bei den Worten „Komm, Braut" dem Ausgang des Gotteshauses zuwenden, und nach allen Seiten hin verneigen, dann ist das ein Überbleibsel von der früheren Sitte. Und wenn es in dem Lied der Lieder heißt: „Schwarz bin ich und schön, Ihr Töchter Jerusalems", und der Midrasch (Schir Haschir. r. z. St.) das also deutet: „Beschmutzt bin ich die Tage der Woche hindurch von dem Staube des Alltags, aber schön am Sabbat", so hat nicht erst ein deutscher Dichter aus jüdischem Stamm die alles verwandelnde Kraft des

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