Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-08-01 · 15 (1.8.1934) · p. Seite 305

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
15 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 305 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728015--09610-2742889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

£ayenfrffe Jfcaditijrfjc <ScmcmÖC3citung HatfjatfjtenbloH öec 3ftoeÜttfcf)cn ^uthtögemeinden in Htüntfien/ Ofagäfrurg, ^amietg und de* Öetfomäe* ^ayedfcf)« Jftoditffrfjer Gemeinden Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats. — Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 73664 u. 73665. Postscheck München 3987, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 iür das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. X. Jahrgang München, I.August 1934 Nummer 15 Inhalt. Jüdisches Gedenken an den Weltkriegsbeginn — Der Sabbat — Der Nichtarier im Bereiche des „Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit" — Zur Frage des jüdischen Anteils an der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaft — Ricarda Huch siebzig Jahre — Die ersten Ergebnisse der Volks- und Berufszählung von 1933 über die jüdische Bevölkerungsbewegung — Schulung und Arbeit — Reichsbund jüdischer Frontsoldaten — Aus der Gemeinde München — Jüdischer Turn- und Sportverein — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Veränderungen im Rat; Bekanntmachung über den Gottesdienst an den hohen Feiertagen — Personalia. Jüdisches Gedenken an den Weltkriegsbeginn Von Studienrat a.D. Dr. Willy Cohn (Breslau) Wenn überall in der Welt die Menschen in diesen Tagen die Gedanken rückwärts gehen lassen, an jene Aügusttage 1914, an denen der Weltkrieg begann, so haben auch wir Juden das Recht und die Pflicht, jenen Tag nicht unbemerkt an unserer Seele vorbeigleiten zu lassen, überall, wo Juden in den kriegführenden Staaten wohnten, zogen sie für ihr Vaterland in den Krieg und haben dort, wo die Pflicht sie hinstellte, ihr Blutopfer gebracht. Wir Juden in Deutschland haben die Pflicht, unseren Kindern, die von dieser Zeit nichts mehr wissen können, in diesen Tagen von ihr zu erzählen und zu versuchen, ihnen klar zu machen, mit welcher Stimmung man damals herausging. War es nicht so, als ob jene Erhebung des Deutschen Volkes, vergleichbar mit den Märztagen 1813, auch für uns Juden alle trennenden Unterschiede hinwegriß und nur ein großes Volk, eine große Gemeinschaft kannte. Der feldgraue Rock umschloß die Leiber der verschiedenen Religionen, der verschiedenen Rassen, und die Gräber da draußen nahmen die Leiber dieser Gefallenen auf, von welcher Art sie auch waren. Wir jungen Menschen von 1914 und auch die, die damals schon zu den letzten Jahrgängen gehörten, die einberufen wurden, oder die sich auch freiwillig stellten, wir gingen wohl alle in erhobener Stimmung heraus. Was der Krieg war, was er sein mußte im Zeitalter der Technik, das ahnte niemand, wohl aber war jeder entschlossen, sein Möglichstes an seiner Stelle zu tun. Wir haben kein Recht, uns mit dem Geleisteten zu brüsten. Es scheint uns wahrhaft jüdischer Einstellung zu widersprechen, wenn wir auf das hinweisen, was doch im Grunde eine Selbstverständlichkeit war. Nur das eine möchte ich für uns in Anspruch nehmen und besonders hervorheben: wir fühlten uns in doppeltem Maße verpflichtet; nicht nur als Deutsche standen wir draußen, dies erschien uns eine Selbstverständlichkeit. Wir wußten auch, daß wir als Juden in der kleinen Zahl, die wir innerhalb des deutschen Volkes bildeten, besonders beobachtet waren, und daß jedes Verhalten von uns, wie es auch immer war, als „jüdisch" gewertet wurde. Deswegen hieß es doppelt, sich einsetzen und mit letzten Kräften das Beste zu leisten. So merkwürdig es der Generation von heute vielleicht klingen mag: dieser Weg des jüdischen Soldaten von 1914, er begann im Deutschtum und er endete im Judentum. Gerade da draußen im Angesicht des Todes und unter dem Zwange, ganz ehrlich mit sich selbst zu sein, da draußen, wo man in ruhigeren Stunden viel nachdachte, da erkannte man, daß man kein schlechterer Bürger seines Vaterlandes war, wenn man sich zu seinem Judentum nicht nur der Religion nach bekannte. Die Erneuerung jüdischen Empfindens ging tatsächlich von der Religion aus. Für Viele war Erfüllung religiöser Pflichten zu Hause eine Formsache geworden, draußen aber wurde der Feldgottesdienst, der unter so ganz anderen Bedingungen abgehalten wurde, als der Gottesdienst im jüdischen Gotteshaus, zu einem Erleben besonderer Art. Er war eine Feierstunde der Seele, eine seltene Feierstunde, wo man für kürzeste Zeit aus der gewohnten Umgebung herauskam und Gelegenheit hatte, im Kreise jüdischer Menschen zu beten. Viele von uns haben draußen beten gelernt und von ihrer Seele sind viele Schlacken abgefallen, die sich in einer Zeit behaglicher Bürgerlichkeit gebildet hatten. Wo haben wir uns nicht überall zum Gebet zusammengefunden! In der ersten Zeit häufiger in. Kirchen, ort auf freiem Felde, später im Stellungskrieg dann auch in Synagogen, die sich von früher her schon dort befanden; wir haben unsere Sederabende gemeinschaftlich veranstaltet, die Feldrabbiner haben die Chanukkaleuchter entzündet, man sandte uns eine kleine Feldbibel heraus, und man fand oftmals heim zu seinem Gotte. Als der Rausch des Bewegungskrieges vorbei war, und als die Front im Westen — denn nur von dem westlichen Kriegsschauplatz kann ich sprechen — zum Stehen kam, da regte sich mit dem gleichmäßiger werdenden Leben auch so manches, was wir eigentlich als schon erledigt ansahen. Für den Feldsoldaten waren die Tage der Judenzählung besonders schmerzliche. Da ging den Meisten von uns wohl der Gedanke auf, es wird auch nach dem Kriege wieder um das Judentum gerungen werden müssen, und es wird auch dann für uns Juden noch manches Problem zu lösen sein. Hier ist der Punkt, wo für manchen der Augenblick des Umbruchs gekommen war. Die nationale Erhebung des deutschen Volkes vom August 1914, sie legte auch dem deutschen Juden, der jüdisch-nationalen Gedanken bis dahin mehr oder weniger fremd gegenüber gestanden hat, diese Gesinnung auf. Es regte sich der Gedanke: soll unser altes Volk nach all dem, was es in den Jahrtausenden unter den Völkern erlebt hat. nicht einmal auch heimkehren dürfen zu einem eigenen Stückchen Erde, zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.