Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 14 (15.7.1934)
- Date
- 1934-07-15
- Page
- Seite 292 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Spaziergänge durch das jüdische Rom „Rom und Jerusalem" — das ist nicht nur der Titel eines berühmten Buches. Sondern in noch ganz anderem Sinne, als Moses Heß damals in seinen „letzten Nationalitäten" darstellen wollte, verkörpert sich in diesen beiden Städtenamen und Weltennamen schicksalhafte Verflechtung zweier Volksbereiche. Noch niemals wohl empfand man diese Zweiheit so überwältigend und tief, als wenn man heute nach langer Trennung einmal wieder in die nie vergessene und heute merkwürdig aufstrahlende Stadt am Tiberstrom einkehrt. Stadt „wo der Stein von der Mauer ruft und der Balken vom Getäfel ihm antwortet"... Immer redeten hier die Steine; aber es scheint, als ob dem Juden, der heute die sieben Hügel betritt, jeder Stein mit besonderer Eindringlichkeit seine Geschichte zu erzählen weiß . . . . oder ists das Ohr des Lauschenden, das mit geschärfter Aufmerksamkeit zu hören lernte? — Da ist der Bogen des Titus auf dem Forum Romanum — Sinnbild der dunkelsten Stunde in der Geschichte Israels, deren Gedächtnis wir auch in diesem Jahre wieder bei trüben Kerzen und trauervollen Klängen herbeirufen. „Bogen des Leuchters" nannte ihn das Mittelalter; und heute noch sieht man auf der Innenseite des Triumphbogens jene älteste Darstellung des siebenarmigen Leuchters, der an jenem unglückseligen Tage aus dem Heiligtum in Jerusalem entführt wurde. Wilder Mohn übergießt heute die Trümmer des Triumphbogens, dessen Vollendung Titus, der Zerstörer unserer Stadt, nicht mehr erlebte; wie unzählige rote Blutstropfen glüht es auf, wenn der Wanderer die alte Via Sacra heranschreitet---- Aber auf diesem Wege kommt er bei einem .andern denkwürdigen Platze vorbei: da ist, gegenüber den heute noch aufragenden Säulen des Castortempels, ein halbrunder Raum und das Fundament eines großen Altars. An dieser Stelle wars, wo Marcus Antonius seine Grabrede auf den ermordeten Julius Caesar hielt: Freunde, Römer, Volksgenossen, hört mich an Begraben will ich Caesar, nicht ihn preisen ... diese Rede, die noch heute mit den Worten in uns lebt, die ihr der britische Dichter einst verliehen hat. Nicht im Shakespeare aber steht, wie die Juden hier an dieser Stelle ihren großen Freund und Förderer betrauerten. Hier ist die Stelle, wo das Volk der Römer seinem größten Sohne den Scheiterhaufen aufrichtete; Tages und Nachts, so wird uns berichtet, wichen die Juden nicht von Caesars Grabstätte. Denn sie haben es nie vergessen, daß der große Führer, den, wie es heißt, Männer aus ihrem Volke einst in Ägypten aus Gefahren errettet haben, ihnen die zertrümmerten Mauern ihrer Stadt wieder aufzubauen nicht verwehrte. Alle Artikel des taglichen Bedarfs gut und billig Umfelder Cmbfy tnünebea, htiXtuaakd Die Imperatoren schwanden; die Päpste traten ihr Erbe an. Mancher antike Tempel ward zur christlichen Kirche umgewandelt. In das Pantheon, den übergewaltigen Kuppelbau des Agrippa, schafft der Papst die Gebeine der Märtyrer aus dem Kolosseum und das mächtige Gewölbe wird zur Kirche geweiht. Unter dieser Kuppel, die Bramante bewunderte, fand an einem Augusttage des Jahres 1542 das merkwürdige Gespräch zwischen Ignaz von Loyola, dem ersten Jesuiten, und Diego Hernandez, einem Abgesandten der portugiesischen Marranen statt. Es ging um die Einführung der spanischen Inquisition in Portugal. Vergebens sprach der Marrane; die Scheiterhaufen flammten auf — auch hier in Rom, auf dem alten Campo de fiori, wo heute in wirren Durcheinander Hausrat, mehr oder weniger echte Antiken und blühende Blumen zum Kauf angeboten werden. Die Juden aber, die im alten Rom lange noch als „religio licita", als staatlich geduldete religiöse Gemeinde ungehindert ihren Berufen nachgegangen waren, verwies der finstere Papst aus dem Hause Caraffa, Paul IV., bald nach diesem Gespräch (1556) in das Stadtviertel am Tiber, wo sich nun bald die fünf jüdischen Betstuben auf der Piazza delle Scuole erhoben. Dort, in der Nachbarschaft der ungeheuren Arkaden des Marcellustheaters, das sich erst heute wieder aus dem Schutt und Moder, der es umgab, in alter Wucht zu erheben scheint, stand auch das Geburtshaus des seltsamen „Papstes aus dem Ghetto", des Papstes Anaklet II. Die jüdische Legende vom Rhein hat sich damals schon früh dieser Gestalt bemächtigt und machte ihn zum Sohne des weisen Simon aus Mainz, der dann in allem Glanz seiner neuen Würde in dem Führer einer Mainzer Judenabordnung seinen alten Vater erkennt und reumütig aus Palast und Amt verschwindet; in letzter Zeit hat die katholische Dichterin Gertrud von Le Fort die rätselvolle Gestalt in einer sehr tief greifenden Dichtung zu verkörpern gesucht. Aber den erniedrigsten und beleidigten Juden des päpstlichen Rom war von anderer Seite her unvergängliche Rechtfertigung und Aufrichtung bereitet. Noch hatten sich nicht die Tore des neuen Ghetto hinter ihnen geschlossen — da ragte schon in dem kleinen Kirchlein San Pietro in Vincoli die Gestalt ihres ersten Führers und Lehrers. Vier Jahrzehnte lang hatte Michel Angelo seinen Moses in Haupt und Herzen getragen, ehe er dann endlich als ein großartiges Fragment eines großartigeren Planes in dem unscheinbaren Kirchlein San Pietro am Seitenaltar seine Heimat fand. Man kommt vom Kolosseum, in dessen Nachbarschaft die kleine Kirche liegt, und das Auge bewahrt noch rückerinnernd die gewaltigen Maße der antiken Schauburg: da fühlt man hier auf kleinstem Räume, wie der Geist den Raum überwand — Künstlergeist, der aus jüdischer Quelle schöpfte und immer wieder schöpfte. Es ist bekannt, daß Michel Angelo seine tiefsten Offenbarungen der heldischen Welt des sogenannten Alten Testamentes entnahm; in der Sixtinischen Kapelle wachsen seine Propheten wie Riesen aus den Hintergründen hervor — da trauert sein Jeremias, da weissagt sein Jesaia, und Jona reckt den ungelenken Körper, als wollte er tödliche Erstarrung mit Überkraft abstreifen. Hier aber erlebt man, wie ein an sich nicht großes Steinbild, das halb versteckt und seitlich in der dämmrigen Kirche sich niedergelassen hat. wächst und wächst — bis es die ganze Kirche erfüllt und darüber hinaus die weite Stadt mit ihren hundert Tempeln und Propheten. — Kann sein, daß der einsame Michel Angelo hier sein eigen Wesen und das Wesen seines großen und gefährlichen Freundes, des Papstes Julius IL, wiederzugeben dachte. Aber die Juden Roms wußten wohl, was sie taten, wenn sie Sabbat für Sabbat an die Stätte pilgerten, wo (wie es ein junger jüdischer Dichter unserer Tage — F. Rosenthal — aussprach): . . .' „vom Braus der Ewigkeit umweht Stiernackig gegen eine Welt getürmt, Ragt aus dem Marmor Moses der Prophet... * *