Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 14 (15.7.1934)
- Date
- 1934-07-15
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 291 zu heben und Wirklichkeit werden zu lassen, Aufgabe und Verpflichtung ist. In vier Arbeitsgemeinschaften, die Arbeitsgemeinschaften im wörtlichen Sinne wurden: Gemeinschaft zwischen Nehmendem und Gebendem, und so echtes Gespräch wurden, wurde die Aktivierungs- und Aktualisierungsmöglichkeit der jüdischen Disziplinen dargetan. Zwei Arbeitsgemeinschaften bemühten sich um die Aufhellung jüdischer Geschichtsgegebenheiten, eine Arbeitsgemeinschaft behandelte die Probleme, die beim hebräischen Sprachstudium sich aufdrängen, und eine Arbeitsgemeinschaft beleuchtete an einem instruktiven Beispiel der Bibel das hebräische Sprachdenkmal und wies seine „Mündlichkeit" (ein Wort von Franz Rosenzweig) auf, seine Ansprechbarkeit. Die Arbeitsgemeinschaft, die sich mit einem Beispiel aus der neueren Geschichte auseinandersetzte, wurde von Dr. Ernst Simon geleitet. Sie behandelte die Zeit Josel von Rosheims und stellte seine Gestalt in den Mittelpunkt, weil sich an ihm und in ihm als an einem charakteristischen Judentyp des Mittelalters die entscheidende Art des Reagierens und Agierens des mittelalterlichen Juden und des Juden überhaupt aufzeigen ließ. Um Joseis Art, sich in seiner Zeit und seinem Raum zu bewegen, aufzeigen zu können, erarbeitete Ernst Simon zunächst Zeit und Raum, in denen sich das Leben Joseis abspielt. Vom jüdischen Geschichtsbewußtsein aus gesehen ist Joseis Zeit — und damit sind seine Erlebnis- und Formungsgegebenheiten erwiesen — dadurch gekennzeichnet, daß in ihr die spanische Katastrophe geschieht, daß dadurch die Kabbala, die bisher in Konventikeln gepflegt wurde, Volksbewegung wurde, und so die pseudomessianische Bewegung auslöste, mit deren damaligen Ideenträgern David Reubeni und Salomo Molcho Josel in Beziehung tritt. Vom allgemeinen Geschichtsbewußtsein aus gesehen ist es die Zeit Karls V. und geistesgeschichtlich durchaus bestimmt durch Luther. Die Zeit Josel von Rosheims trägt also alle prägnanten Züge jüdischer Geschichte: sie ist reich an Ereignissen, die den Juden zur Selbstbesinnung führen, die ihn durch Abgrenzung von neu entstandenen Lehren die eigene Lehre bewußter erkennen lassen, und die ihn zum Helfer und Bruder seines Nächsten werden lassen. Dementsprechend, so wurde aufgezeigt, ist die Tätigkeit Josel von Rosheims eine dreifache: er ist Vertreter und Sachwalter der Juden vor den weltlichen Instanzen, er ist Apologet seines Glaubens, und er versucht, zur Selbstbesinnung und Umkehr aufzurütteln. Durch sehr reichliches Heranführen an das Quellenmaterial wurde dem Hörer zweierlei vermittelt,- einmal wurde ihm selbst das beispielhafte Bild belebt, und zweitens zeigte Ernst Simon, wie man fernes zeitliches Geschehen in erwärmende Nähe rücken kann, ohne in billige Aktualitätshascherei zu verfallen. Die zweite Arbeitsgemeinschaft beschäftigte sich mit einer ganzen Geschichtsperiode, nämlich mit der Zeit Esras und Nehemias. Sie wurde von Dr. Erich Rosenblüth geleitet. Er versuchte, das Bild jener Zeit gegenwartsnah zu gestalten. Unter Zugrundelegung des Textes der Bücher Esra und Nehemia und unter sorgfältiger und genauer Ausdeutung dieser Geschichtsquelle wurde eine Anschauung jener grundlegenden Epoche vermittelt und durch Einbeziehung in den vorderasiatischen Kulturkreis ausgeweitet. Die form- und gestaltgebenden Kräfte des Judentums wurden sichtbar und erwiesen ihre Gültigkeit für jeden Raum und jede Zeit. Die dritte Arbeitsgemeinschaft, geleitet von Prof. Weil, Frankfurt a.M., beleuchtete Fragen der Methodik der hebräischen Sprache. Eindeutig und überzeugend wurde nachgewiesen, daß ohne ein grammatisches Gerüst die hebräische Sprache wohl erlernbar sei, der Lernende aber zum Verstehen der Literaturwerke nicht vordringen könne; denn die Eigenart der hebräischen Sprache besteht darin, daß sie, die nur kurze Zeit Normalsprache war, die in den Mündern der Menschen gehört werden konnte, aus dem „Buch" Sprache schafft; infolgedessen ist jedes Erlernen, das nicht über das „Buch", d. h. also die alte Literatur führt, nicht verankert und wird nicht zu einer wirklichen Beherrschung der Sprache führen können. An Hand einer geschichtlichen Entwicklung der hebräischen Sprache, in der nachgewiesen wurde, daß die hebräische Sprache immer noch lexikalisch, syntaktisch und phraseologisch wächst, wurden die BetBm Der freundliche Herr empfiehlt sich! 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Das Gewicht, das dem biblischen Wort anhängt, wurde nicht gehoben, sondern festgestellt. Das Resultat der Interpretation war die Erkenntnis, daß das Wort der Bibel nicht nur eine objektive Wahrheit gibt, sondern auch eine auf das Subjekt bezogene, eine Wahrheit, die unmittelbar zum Leser redet. Das Wort will nicht aufgenommen werden als Wort der Lehre allein, sondern es tritt an den Menschen heran mit dem Anspruch der Gestaltwerdung und Formwerdung. Zu diesem unmittelbaren Ansprechen und Angesprochenwerden vermochte Buber hinzuführen. Dabei blieb die Irrationalität des Textes, die vielseitige Ausdeutungsmöglichkeit gewahrt, so daß man nicht den Eindruck der eindeutigen rationalen Festlegung bekam, sondern jeder konnte entsprechend seiner Art das ihm Ansprechende heraushören, ohne in Subjektivität zu verfallen und den allgemeingültigen Anspruch zu leugnen. Ein Abend der Tagung war der allgemeinen Aussprache über die Not der Landgemeinden gewidmet. Prof. Kantorowicz, Frankfurt a. M., legte die Ziele und die Arbeitsmöglichkeiten der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung dar. Die Mittelstelle will eintreten für vertiefte jüdische Bildung und namentlich auch der geistigen Not der Landgemeinden steuern. In einer zweiten abendlichen Zusammenkunft referierte Ernst Simon über „die Bedeutung Palästinas für die Erziehung der jüdischen Jugend in Deutschland". Er forderte die Vermittlung der Kenntnisse über Palästina in atmosphärischer und stofflicher Beziehung. Der Weg, der zum neuen Palästina führe, gehe durch die alte hebräische Literatur, und gründliches Erlernen der Sprache sei die unerläßliche Vorbedingung dazu. Er warnte vor einer völligen Unterschätzung der Diaspora: „Palästina soll nicht gebaut werden auf den Trümmern der Diaspora, sondern mit einer starken Judenheit." Er warnte auch vor dem jüdischen Nationalismus im üblichen Sinne, denn der Jude müsse wissen, daß er nur Zugang habe zur Weltgeschichte durch sein „Anderssein". Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß die Tagung in einer, echten jüdischen Atmosphäre vor sich ging, die dem Teilnehmer die angenehmsten Eindrücke mitgab. Das ist vor allem zu danken Herrn Rabbiner Dr. Ernst Jakob und Frau (Augsburg), der Leitung des jüdischen Kinderheims und der dort arbeitenden Hachscharah-Gruppe junger Mädchen. Die Mittelstelle will in anderen Gegenden Deutschlands ähnliche „Lernzeiten" einrichten: die nächste findet Anfang Juli in der Nähe von Berlin statt. Es ist nur zu wünschen, daß die Anregungen und Bemühungen der Mittelstelle auf fruchtbaren Boden fallen. Studienrätin Dr. Esther Frank