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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-07-15 · 14 (15.7.1934) · p. Seite 290

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
14 (15.7.1934)
Date
1934-07-15
Page
Seite 290 (sequence 6)
Language
German
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290 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 M. SJÜLBERTHAU A CO. KAUFINGERSTRASSE 10 Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silber waren Wandlung"0 ist es ein Ertrotzen durch Beständigkeit, ein Ausharren und Nichtmüdewerden bis zur Erschöpfung, bis zum Rande der Resignation. Im „Schloß" und in „Amerika" ist es die männliche Kampfaufnahme, Auflehnung, bis zur Berserkerwut gesteigert, Krieg des Einsamen gegen den Koloß Umwelt. Der „Angeklagte" tritt hier von der Passion in die Aktion. Er will erzwingen, was man ihm versagt. Aber hier wie dort ist die Aussichtslosigkeit seiner Bemühung von Anfang an beschlossen. Beim dritten Nachlaßroman „Amerika", der in mancher Hinsicht eine Steigerung, ein Neues im Schaffen Kafkas bedeutet, besteht allerdings die Möglichkeit einer Verklärung des Jünglings Karl Roßmann. Aber auch „Amerika" ist ein Torso, und wir ahnen lediglich die Vorbereitung einer Verklärung. Dies aus den helleren Farben, mit denen die Abenteuer des Jünglings gemalt sind, aus einem gewissen, das Werk durchziehenden Dur-Ton. Aber vielleicht ist dieser zage Optimismus in „Amerika" auch darum gewählt, um die vielleicht beabsichtigte Endkatastrophe nur um so grausamer zu gestalten. Wir können nämlich kaum einen zweiten Dichter nennen, bei dem Grausamkeit und Güte so schroff aufeinanderprallen wie bei Kafka. Seine „Helden" — eine schlechte Bezeichnung für die Träger der Handlung — sind gütig und leidbereit, sie sind wohl gebeugt unter ihrem Schicksal, aber sie hassen nicht. Ihre Umwelt dagegen haßt, sie ist grausam bis zum Exzeß, sie ist bereit und bedacht, in jedem Augenblick zu zerschmettern, sie kennt keinen Kompromiß, sie verzeiht nie. Dieses Kräftespiel von Suchen und Zurückgeschlagenwerden erzeugt die einzigartige Spannung, mit der die Dichtung Franz Kafkas geladen ist. Wie im weiten, so im engen Kreis: Das Liebesmotiv, das in seine Romane eingeflochtene, ist immer tragisch. Die Geliebte ist tückisch, sie spielt, sie erhört auch — aber sie stößt den Liebenden schließlich von sich. Sie ist grausam wie die Umwelt; sie ist wie deren Fangarm. Sie verrät den Liebenden an diese Umwelt, deren Kreatur sie ist. Aber auch hier zürnt der Liebende nicht. Er hat die Güte des Schwachen, es ist nicht schwer ihn zu verraten, denn er ist ja arglos. Von kaum einem erreicht ist Kafkas Virtuosität in der Handhabung der Sprache. Er ist ein Magier des Wortes. Die außerordentliche Wirkung beruht in der Einfachheit. Stahlhart sind seine Sätze, es gibt in ihnen keine exaltierten Wortkaskaden und keine hymnischen Überladenheiten. Und doch deuten diese Sätze in alle Tiefen der Seele, sie sind klar wie Bachsche Fugen, wie diese mit goldenen Bändern des Klanges aneinander gebunden. Keiner unter den jüngeren Dichtern vermochte mit so einfachen Mitteln Epen von solch einer Größe zu schaffen. Wer vermag das Geheimnis zu deuten: die Sprache Kafkas ist streng. Wer ihr zum erstenmal begegnet, könnte sie als kalt bezeichnen. Dem aber ist nicht so. Diese Prosa ist zwar ausnahmslos frei von Lyrismen, sie ist herauskristallisiert aus der Idee. Aber gleich dem Kristall, der hart ist und doch der Weichheit des Lichtes sich nicht widersetzt, ist die Sprache Kafkas nach außen hart abgegrenzt, und doch spiegelt sie, von allen Seiten her klar bis auf den Grund, innerste, leidenschaftlichste Bewegtheit wieder. 0 Erschienen bei Kurt Wolff in der Sammlung „Der jüngste Tag". Franz Kafka ist ein jüdische r Dichter gewesen. Nicht allein seiner Abstammung nach, sondern auf Grund seiner geistigen Struktur. Sie ist eine jüdische. Kafkas tragische Besessenheit, seinen Einsamen, d. h. sich selber, der Welt einzuordnen, ist jüdisch. Ich gehe noch weiter und sage: Franz Kafka ist der Jude schlechthin, der Ewige Jude. Er, der das Maß beherrscht, wie selten nur ein Dichter, steht selber ungemessen dem Kosmos gegenüber: der Nichteingeordnete dem Kosmos. Nirgends gibt es einen verborgenen Winkel, in den er sich betten darf. Was jedem Kuli eine Selbstverständlickeit, wird ihm zur Utopie. Er müht sich, erniedrigt sich, zwingt sich mit heroischer Geduld zu immer erneutem Versuch. Aber es liegt doch gleichzeitig jene Hoffnungslosigkeit in seiner Bemühung, von der wir sprachen. Das ist Kafkas Leitmotiv — wir können auch sagen: Leidmotiv —, das seiner selbst und das seiner Dichtung. Denn wer zweifelt wohl bei ihm an der Einheit von Leben und Werk. Bedarf es noch eines Beweises, daß dieses Motiv ein jüdisches ist? Jenes der Ordnung Gegenüberstehen, jene Sehnsucht nach der Norm, jene Bemühung in die Reihe einzutreten, nur um aufzuhören, ein Sonderfall zu sein? Wenn Josef K. im „Prozeß" sein Leben hingibt im Kampf mit einer geheimnisvollen Gerichtsbehörde, nur um den Grund zu erforschen, warum er verfolgt und verurteilt ist; wenn K. im „Schloß" seine letzten Energien aufbietet, nur um in einer fremdartigen Umgebung Durchschnittsmensch zu werden; wenn schließlich der sechszehnjährige Karl Roßmann in „Amerika" trotz allem Fleiße und aller Entbehrung in seinem Bestreben, sich der Ordnung des fremden Kontinents einzureihen, immer wieder versagt — wer spürt nicht .über den Leiden dieser Einsamen den Schlagschatten des jüdischen Geschicks: das zweitausendjährige Sehnen nach der Norm, nach einer natürlichen und artgegebenen Daseinsform? Uberall in Kafkas Werk stehen die Menschen, die der Umwelt zugehören, um den Einzelfall. Sie staunen, oder sie lachen: ,,Es ist doch so einfach, dazusein!" Die Paralelle kann nicht deutlicher sein: wie der Einsame in Kafkas Werk den Zuschauern, so steht der Jude seiner Umgebung, so das Judentum den Völkern gegenüber, als Sonderfall, als bemitleidenswerte, oder zu verfolgende, oder auszustoßende Etravaganz. Im „Prozeß" erzählt Kafka eine Legende, in der ein Mensch zum Türhüter des Gesetzes wandert und Einlaß begehrt. „Es ist möglich", sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht". Und der Arme wartet vor der Türe Monde und Jahre. Er gibt den Versuch auf, hineinzudringen in das Gesetz und wartet, bis man ihm die Türe öffnet. Indessen wird er alt, krank und kindisch. Ehe er stirbt, rafft er sich noch einmal zu einer Frage auf. „Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einsaß begehrt hat?" Und der Türhüter antwortet: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." Wer in unserer Zeit die Bücher Franz Kafkas zur Hand nimmt, der wird, stärker als früher, das Pochen eines jüdischen Herzens darin spüren, denn Kafkas Seele war eine Membrane für die Tragik des Judentums. Wiederholen wir hier die Worte, die Felix Weltsch 1924 dem toten Freunde weihte: „Im 41. Lebensjahre ist Franz Kafka gestorben, ein Mensch von überirdischer Feinheit der Seele und kristallner Klarheit des Geistes, ein Dichter, dessen Ruhm erst die Nachwelt erleben wird, ein Jude von tiefer Verbundenheit mit dem Judentum." Die Kreuznacher „Lernzeit" der Mitfelstelle für Erwachsenenbildung Kurze Zeit nach der Herrlinger Konferenz, in der Absichten und Ziele programmatisch festgelegt worden waren, veranstaltete die von der Reichsvertretung der deutschen Juden ins Leben gerufene „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" eine Arbeitstagung in Bad Kreuznach, die im dortigen jüdischen Kinderheim ihren Tagungsort fand. Die Absicht der Veranstalter war, in einer „Lernzeit" jüdischen Menschen, die — als Lehrer oder Jugendführer — in jüdischer Erziehung und jüdischem Unterricht ihre Leistung zu geben haben, zu zeigen, welche überreichen Möglichkeiten pädagogischer und Bildungswirklichkeit im jüdischen Stoff — sei es Sprache, Geschichte oder Sprach- und Literaturdenkmal — verborgen sind, die ans Licht

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