Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 14 (15.7.1934)
- Date
- 1934-07-15
- Page
- Seite 289 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 289 Franz Kafka Ein Versuch aus Anlaß des zehnten Todestages Von Manfred Sturmann „Dieses Leben scheint unerträglich, ein anders unerreichbar." F. K. Als Franz Kafka im Juni 1924, einundvierzigjährig, starb, wurde von dem Tode dieses außerordentlichen Dichters und dieses redlichen Hüters der deutschen Sprache nicht viel Aufhebens gemacht. Er war unbekannt. Uber einige Zeitungsnotizen und ein paar, an der Hand abzuzählende Nachrufe der Freunde ging es nicht hinaus. Und doch wußten wenige: hier starb ein Dichter, dessen Größe nur zu ahnen war. Sechs schmale Prosabände lagen vor, Aufzeichnungen und Novellen. In ihnen spiegelte sich bereits der ganze Kafka, dieser große und einzigartige, suchende Mensch. Und doch waren sie gleichsam nur die Kostproben des Werkes, das Kafka hinterließ, und das Max B r o d, der Jugendfreund des Dichters, in den folgenden Jahren der Öffentlichkeit übergab. Heute besitzt Kafka eine Gemeinde. Sie ist gewiß nicht groß, aber auserlesen. Diese Gemeinde ist Bürgschaft dafür, daß sein Name fortleben wird über die Stürme der Zeit hinaus, bis zu der einstigen „Entdeckung". Es ist kein Zufall, daß Franz Kafka in der Verborgenheit lebte und wirkte. Er war kein Zeitdichter, wie es den Begriff „Zeit" in seinem Werk nicht gibt. Dieses Werk ist im Menschlichen zu gültig und nach seiner Lösung hin zu offen, als daß es an der Zeit verhaftet bliebe, liegt es doch jenseits des Meß- und Wägbaren, sucht es doch die Einheit von Kreatur und Ewigem, deutet es doch vom Schmutz der Gasse hinauf zu den Sternen. Was Kafka schrieb, ist nicht „populär". Dazu hat er sein Werk zu schwer genommen, und zu schwer war das Ringen mit ihm. Es wäre darum nicht sinngegeben, wollte er es seinem Leser leicht machen. Sein Werk wird niemals in die breite Masse zu dringen vermögen, weil die Voraussetzungen zu seinem Verständnis zu hohe sind. Aber es wird den ewigen Beständen der Dichtung zugehören und den geistigen Oberschichten kommender Generationen ein Quell der Schönheit und des Trostes sein. Kafka hat zu seinen Lebzeiten nicht dazu beigetragen, den Kreis seiner Freunde zu erweitern. Ein Grundzug seines Wesens war Bescheidenheit. Sie bestimmte nicht allein die Wirkung seines Werkes, sie ist auch von seiner inneren Struktur nicht zu trennen, sie ist mit der Schlüssel zum Verständnis seiner Dichtungen, die buchtäblich den Flammen — denn Kafka neigte dazu, Manuskripte zu verbrennen — oder der Verschollenheit anheimgefallen wären, wenn nicht Max Brod, auch als Kafka noch lebte, gegen seinen Willen zuweilen ein Werk dem Verleger übermittelt hätte. Gibt es eine größere Lauterkeit, eine höhere Reinheit, als dieses Widerstreben des Dichters. Nur für sich selbst und vor sich selbst schichtet er Werk auf Werk, weil er schaffen muß, weil er nicht zur Ruhe kommen kann, weil er besessen ist von diesem Werk, das ihm so notwendig ist wie sein Atmen. Erst durch die aus dem Nachlaß erfolgte Herausgabe der drei großen fragmentarisch gebliebenen Romane „Der Prozeß",1 „Das Schloß"2 und „Amerika"3 sind wir imstande, den Umriß des Werkes zu erkennen. Zwar finden wir in den früheren Büchern, z. B. in der „Verwandlung", im „Heizer" oder „In der Strafkolonie"4 schon die Kafkasche Welt; sie erhält jedoch ihre letzte Geschlossenheit und ihre mögliche Deutung erst in der breiten Epik seiner Romane. Worum geht es in diesem Werk? Stets um den Passionsweg des Einsamen, der seiner Welt gegenüber steht, und dessen ganze Sehnsucht darauf geächtet ist, in dieser Welt zu stehen. Der Einsame gerät aus 1 Verlag Die Schmiede, Berlin 1925. 2 Kurt Wolff Verlag, München 1926. 3 Ebendort, 1927. 4 Die früheren Werke Kafkas erschienen alle bei Kurt Wolff. einer unbekannten Schuld in Konflikt mit seiner Umwelt, in ihre Fangarme. Er verstrickt sich in sie. Er geht an einem geheimnisvollen Mechanismus zugrunde: sei es der Apparat "einer Gerichtsbehörde, das unerklärlich Widerliche einer „Verwandlung", die uhrwerkartige Ordnung eines Luxushoteis oder das spuckhaft Verwirrende einer Schloßverwaltung — immer kommt der Held durch dieses Sich-nicht-einordnen-können zu Fall, und hierauf beruht die Tragik Kafkas schlechthin. Auf die Frage, warum dies alles geschieht, gibt es keine Antwort. Die Umwelt läßt den Einsamen an sich heran, ihm bleibt, bis zur Katastrophe, die Illusion, sich einordnen zu können, aber die Annäherung geschieht nur, damit er zerschlagen wird. Leiden, das keine Schuld kennt, ist das grausamste, wenn die Apotheose ausbleibt. Kafka kennt die Sünde, die namenlose, herkunftslose — aber er kennt nicht die Sünde, die aufgeladen wird mit der Untat, eine bestimmte Sünde also. Dies schließt a priori Sühne und Verzeihung aus. Der Leidende Kafkas bleibt unerlöst, und dieses Nichterlöst-werden erhält seine besondere Symbolkraft darin, daß seine Romane Fragmente sind, sie haben keine Lösung, auch sie sind unerlöst. Dieser Dichter, der keine literarische Herkunft hat, und für den wir keine Vorbilde zu nennen vermögen — ließe sich Genialität besser beweisen! — stellte seine Schöpfung nicht allein in die reale Welt. Bei Kafka ist der Traum Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Mythos und Realität durchdringen einander. Es geschieht, daß ein Vorgang des täglichen Lebens die Grenzen des Möglichen durchbricht und traumhaft wird, ohne die Realität aufzuheben. Oder ist dem nicht so, wenn einer, der bisher ein geordnetes Leben führte, ein Muster des Kleinbürgers, ein guter, um das Wohl der Seinen besorgter Mensch war, eines Tages nicht mehr als Mensch erwacht, sondern als riesiges lebendes Ungeziefer. D^r also Verwandelte weiß genau, was mit ihm geschehen ist, und nun versucht er, mit seiner gewohnten Umgebung zurecht zu kommen, sich einzuordnen. Ein Zustand von bizarrer Abenteuerlichkeit! Die logischen Voraussetzungen, dazusein, sind aufgehoben, und doch besteht das Leben, allerdings in ungeheurer „Verwandlung", fort. Das Thema „Vergeblichkeit" kehrt immer wieder. Der Kafkasche Mensch weiß, daß seine Bemühung aussichtlos ist, dennoch kann er nicht ablassen. Er ist wie ein ewiger Bittsteller an das Leben. Er wird, mit der Bittschrift in der Hand, zugrunde gehen; er wird, sterbend noch, die Bittschrift emporhalten in der letzten Hoffnung, daß vielleicht einer ihn bemerken wird. Der zuletzt erschienene Nachlaßband enthält die kleine Erzählung „Beim Bau der Chinesischen Mauer".5 Max Brod und Hans Joachim S c h o e p s . die Herausgeber des Buches, bezeichnen diese Erzählung als prototypisch für das ganze Werk des Dichters. Dies ist „Die Einsamkeit des einzelnen in der Welt und seine Sehnsucht nach Eingliederung in einen alles umschließenden Sinnzusammenhang durch Mitarbeit an einem Werk der Gesamtheit. Die Arbeit erweist sich zwar als hoffnungslos, die chinesische Mauer wird zum Sinnbild der Atomisierung, Unübersichtlichkeit und Ziellosigkeit des modernen Arbeitsprozesses sowie der unerreichbar gewordenen Totalität menschlichen Daseins überhaupt, in die aber Leben und Werk des einzelnen wiederum so hineinverschlungen sind, daß sie heute in tragischer Weise sinnlos werden. Dennoch gibt es keine Möglichkeit des Verzichtes und keine Resignation, sondern nur — auch noch bei völliger Aussichtslosigkeit — das Gebot unermüdlichen Strebens, weil eine unerreichbare Führerschaft dies seit Ewigkeit so beschlossen hat." Dabei gibt es in der Intensität der Bemühung um die Einordnung des Einsamen Abstufungen. Im „Prozeß" und in der „Ver- 5 Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1931.