Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 14 (15.7.1934)
- Date
- 1934-07-15
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Tun umfassenden Lehre entspringen. Bevor Goethe ausgesprochen-: „Wer soll lernen? Jedermann", hait der Talmud den Satz geprägt, daß man sogar von dem Heiden auf der Straße lernen muß, mithin die Thora allein als die Urquelle alles Wissens und aller Norm für das Handeln noch nicht einmal ausreichend sei. Die zwei Größten der jüdischen Geschichte, Mose und Maimonides, deren Leben voll war von der religiösen Idee, bezeigten zwei Männern, denen in ihrem Heidentum noch nicht die Erkenntnis des Höchsten aufgegangen, Jithro und Aristoteles, Ehre und lernten bewußt von ihnen. Unser Bibelerklärer Raschi hebt hervor, daß Jithro sogar ein ganzes Kapitel der Thora gewidmet ist. Findet man die Schuld für das Unglück nicht in der Vernachlässigung des Thoragebotes oder in mangelnder Beschäftigung mit der Thora selbst, so fährt die zitierte Talmudstelle fort: „Dann sind es sicherlich Züchtigungen der Liebe; denn es heißt: Wen der Herr liebt, den züchtigt er." Nachum, der alles zum Guten auslegte und daher den Beinamen führte ..gam-su letowo", sah ihm gewordene schwerste körperliche Leiden als von ihm selbst erbetene Sühne und Vorwegnahme der Strafen der künftigen Welt in dieser Welt an (Talmud babli, taanith, fol. 21). Von dem geheimnisvollen, dem Menschengeist nicht faßbaren Geschehen sprechen besonders in poetischer Schilderung die letzten Kapitel des Hiobsbuches: „Wer hat die Maße der Erde bestimmt oder wer hat die Meßschnur über sie gespannt? Sage es, wenn Du es weißt. Hast Du in Deinen Tagen dem Morgen Gebot erteilt, dem Frührot seine Stätte angewiesen? Kannst Du die Bänder des Siebengestirns zusammenbinden oder die Stränge des Orion lösen?" (Hiob, Kap. 38). „Zu wunderbar ist es für mich, und ich kann es nicht verstehen", ist der Schlußgedanke von Hiob (Kap. 42, Vers 3). In das Wesen des Geschehens einzudringen, ist keinem Menschen vergönnt, war schon die unserem Lehrer Mose gewordene Unterweisung (2. Buch Mose, Kap. 33, Vers 20). Wer vermag die Ursachen für den Aufstieg oder für den Niedergang eines Volkes in seinem ganzen Umfange zu ergründen? Bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft gibt das Buch Esra (Kap. 2, Vers 64) die ganze Gemeinde mit 42 360 Personen an, und man schätzt die Gesamtzahl der damals vorhandenen Juden mit Einschluß der außerhalb des heiligen Landes wohnenden auf ungefähr 100 000. Demgegenüber besaß das römische Reich bei der Zerstörung des zweiten Tempels eine jüdische Bevölkerung von ungefähr 4/^ Millionen, nämlich den zwölften Teil seiner Gesamteinwohnerzahl von 54 Millionen. Am Schlüsse des dreißigjährigen Krieges, nach den schweren Verfolgungen im polnischen Kosakenaufstand unter Chmielnicki im Jahre 1658 trafen die Gebetsworte: Nischarnu meat meharbe, wir sind übrig geblieben wenig von vielen, in trauriger Art zu; die Anzahl der Juden war auf etwa 1 Million heruntergesunken. Gegenwärtig leben nach der Bevölkerungsstatistik etwa 15 Millionen Juden auf der Erde. In den Selichothgebeten gibt es eine grandiose Stelle, in der der Dichter den Tod von zehn Märtyrern, die nach der Zerstörung des zweiten Tempels römischen Machthabern zum Opfer fielen, beklagt. Dabei läßt er Engelschöre die Frage stellen: Su tauroh wesu s'chauroh, ist dies der Lohn für die Befolgung der Lehre?, und ihnen erwidert eine himmlische Stimme: „Schweigt, wenn ich noch eine Widerrede höre, so verwandle ich die Welt in Wasser, versetze den Erdball wieder in Nichts; mein Beschluß ist es so, die sich mit meiner Lehre beschäftigen, sollen ihn annehmen." Selbst die Engel vermögen nach des Dichters Worten sich nicht alles Geschehen rationell zu erklären. Aus den dargelegten Quellen des Unglücks, der Selbstschuld und der Vernachlässigung des Thorastudiums, schließlich weiter aus dem menschlicher Intelligenz oft nicht faßbaren Weltenplan ergibt sich das Verhalten im Unglück, zunächst Selbstkritik und Umkehr, die tschuwah, darauffolgend die eigene Arbeit, also zuerst das Rationale oder verstandesmäßig Regelbare, dann bei Küchenmeister wemessio für Salate und zum Einmachen. Magister München7 dem Unveränderlichen das ergebungsvolle Tragen des Schicksals als Strafe der Liebe aus der Hand des Höchsten. Das, was uns betroffen hat, ist, wie unsere Alten sagten, min haschomajim, vom Himmel, oder, wie es im Talmud heißt, kol mah deowed rachamonoh letow owed, was man im Deutschen etwa durch die Worte wiedergeben kann: „Was G'tt tut, das ist wohlgetan." Dem Irrationalen jeder Religion hat als Erstes die menschliche Tat vorauszugehen. Zu den Grundregeln jüdischer Auffassung gehört: En somchin al hanes, man stützt sich nicht auf das Wunder. Im Kranheitsfall muß man nach dem Talmud den Arzt rufen und noch dazu das Gebet verrichten. Verworfen wird aber das alleinige Gesundbeten. Wer die Erzählungen der Bibel prüft, wird in ihnen zunächst menschliches Handeln, geleitet und gepaart von und mit dem Wirken des Höchsten, finden. Die Brautfahrt Eliesers zur Werbung um Rebekka für den Stammvater Isaak wird als wohlvorbereitete Handlung geschildert, und am Schluß ruft Elieser aus: „Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat meinen Weg gelingen lassen" (1. Buch Mose, Kap. 24, Vers 56). Der Auszug aus Ägypten beginnt auch mit menschlicher Tat, und am Ende heißt es: „Stehet still und sehet die Hilfe G'ttes" (2. Buch Mose, Kap. 14, Vers. 13). Um der Witwe in der Not mit dem Ölkrug Hilfe zu bringen, muß sie nach des Propheten Wort selbst mit der in ihrem Besitz befindlichen geringen Ölmenge durch Leihen leerer Gefäße und Einfüllen des Öls in diese an dem Wunder mitwirken (2. Buch der Könige, Kap. 4. Vers 2). Die Vollendung und um so mehr die Auswirkung geleisteter Arbeit hängt nicht von dem Menschen ab; aber seine Pflicht ist es, sich der Mitarbeit an der Erreichung des beabsichtigten Zieles nicht zu entziehen, lau olecho hamlocho ligmor welau ato ben chaurin lehibotel mimeno, wie im Namen von Rabbi Tarphon gelehrt wird (Sprüche der Väter, Kap. 2, Vers 21). In Schillers Gedankenwelt finden wir diesen Satz eingekleidet in die Form: „Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß, soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben." Vorbildlich für das Erdulden des Unglücks und dessen Hinnahme als Zeichen göttlicher Liebe scheinen mir die Worte des berühmten spanischen Astronomen Abraham Zacuto (aus dem 15. Jahrhundert) zu sein, der in seiner Chronik Sefer juchasin von sich selbst, nach Uberwindung schwerster Verfolgungen wegen seines Glaubens sagt: „Ich habe die Freude gehabt, zugleich mit meinem Sohn Samuel, den g'ttlichen Namen zu heiligen." Nicht im Schimpfen und im Groll liegt die Uberwindung des Unglücks, ebenso nicht im Verzweifeln und Desertieren, sondern in hoffnungsvoller Tat mit dem Motto beesras haschem, mit der Hilfe des Höchsten. Wenn es bei dem uns Juden freundlich gesinnten, weltberühmten englischen Dichter Lord Byron in seinen hebräischen Melodien heißt: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, der Mensch die Heimat, Juda nur die Gruft", so entsprechen diese Worte nicht der jüdischen Weltanschauung. Ihr Ideal ist der hoffnungsvolle, zuversichtliche, arbeitsfrohe Optimismus im Vertrauen auf des Höchsten Hilfe, wie ihn der Prophet Jeremia in Zeiten des Niederganges verkörpert. An die durch den König Nebukadnezar nach Babel Fortgeführten läßt der Prophet die Mahnung ergehen, Häuser zu bauen. Gärten zu pflanzen, Kinder zu zeugen und nicht nur das Wohl der Städte zu fördern, sondern auch für diese zu beten; „denn ich der Herr habe Euch vertrieben" (Jeremia, Kap. 29, 5—7). Wenn, wie ich glaube, von Milton der Satz stammt: Die Tyrannis muß sein; aber wehe denen, die sie ausführen, so lehrt der Prophet: Auch die menschliche Gewalt ist Gericht des Höchsten; denn es heißt: Ich bin Urheber des Exils. Als Zeichen seiner Zuversicht prophezeit Jeremia in der Zeit der Zerstörung für das heilige Land: Wieder wird man Weinberge pflanzen auf den Bergen Samarias (Jeremia, Kap. 31, Vers 4). Er selbst kauft noch in Erfüllung religiösen Gebotes für Geld einen Acker und verheißt dem Volke: „Und in diesem Lande, von dem Ihr sagt, daß es eine Einöde sein wird, leer von Menschen und Vieh, und in die Hände der Chaldäer gegeben ist, wird man noch Feld erwerben" (Jeremia, Kap. 32, Vers 43). Wohlüberlegt in hoffnungsvoller, demütiger G'ttergebenheit zu arbeiten und niemals, wenn es die Pflicht gebietet, zu versagen, ist die nicht nur mit Mund und Herz gepredigte, sondern auch durch die Tat gelebte Lehre, die das Buch Jeremia dem Leser für alle Zeiten als Vorbild zur Nacheiferung kündet.