Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 12 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 249 Jüdischer Kult« Vortrag Dr. Ernst Simon Am Montag, den 25. Juni, abends ß1/^ Uhr, findet im großen Museumssaale (Promenadestr. 12) ein Vortragsabend statt; Dr. Ernst Simon (Frankfurt a.M.) spricht über die Frage: „Was heißt jüdische Bildung?" Dr. Ernst Simon hat in München in den vergangenen Jahren wiederholt mit besonderem Beifall vor einem großen Kreis gesprochen. Ernst Simon ist soeben auf ein Jahr aus Palästina zurückgekehrt, um in leitender Stelle an der Arbeit der neuerrichteten „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" teilzunehmen. Als hervorragender Pädagoge, der viele Jahre im preußischen Gymnasialdienst tätig war, als Lehrer am Realgymnasium in Haifa und als Gelehrter von Ruf (sein Buch über „Hegel und Ranke" ist hier bei Oldenbourg, sein erziehungswissenschaftliches und geschichtsphilosophisches Werk „Das Werturteil im Geschichtsunterricht" in Leipzig bei Teubner erschienen) kann Ernst Simon — ein ausgezeichneter Redner und eine prachtvolle jüdische Persönlichkeit — mit dem besonderen Interesse der Münchener Juden rechnen. Eintritt RM. 1.— (numeriert, Einheitspreis); Kategoriekarten für Jugendliche zu RM. —.60 nur an der Abendkasse. Vorverkauf: Gemeindekanzlei und Ewer- Buchhandlung. Es wird gebeten, die Eintrittskarten tunlichst im Vorverkauf zu lösen. Husstellung jüdischer Photographic Der Kulturbund veranstaltet in der Zeit vom 24. Juni mit 15. Juli im Sitzungssaal der Gemeinde (Herzog- Max-Straße l\o) eine Ausstellung jüdischer Lichtbildkunst. Die Ausstellung zeigt ausschließlich die Leistungen von Berufsphotographen. Der Berliner Kulturbund hat besonders fesselnde Bilder seiner Bühnen-Aufführungen in Aussicht gestellt. Das hohe künstlerische Können und die Leistungsfähigkeit der ausstellenden jüdischen Künstler und Künstlerinnen bürgen für ein erhöhtes Interesse der Gemeindemitglieder an dieser Veranstaltung. Der Eintritt ist frei. Zu dem Ergebnis des Preisausschreibens worüber in der Nummer vom 1. Juni berichtet war, ist nachzutragen, daß der Künstler des zweiten preisgekrönten Zeichens Herr D i p 1. -1 n g. D r. G o 1 d b e r g i n M ü nche n ist. Kulturbund-Konzerte Im jüngsten Symphoniekonzert in der Münchener Haupt- Synagoge hat das Kulturbund-Orchester gezeigt, daß sich seine Gesamtleistung in aufsteigender Linie bewegt. Was um so bemerkenswerter erscheint, als auch das Programm diesmal wesentlich höhere Ansprüche an den jungen Instrumentalkörper stellte. Schon im einleitenden Vivace der deliziösen B-Dur- Symphonie (La Reine) von Haydn konnte man die tortschreitende rhythmische Präzision und Elastizität der Streicher feststellen. Daß unter den gegebenen Verhältnissen noch nicht alle Anforderungen an Schliff und Klangkultur erfüllt sein können, ist ebenso einleuchtend wie andererseits die Erkenntnis, daß hier ein Ensemble mit schöner Zukunftsaussicht in der Heranbildung steht. Überraschend gut glückte auch der recht subtile Orcherluiiul in Ibi Ycni sterpart des Mozartschen A-Dur Violinkonzerts, das dank der bravourösen Führung der Solo-Violine durch Annie Steiger- Betzak zum Glanzpunkt des Abends wurde. Ihr künstlerischer Ruf ist ja längst geprägt. Die spielende Beherrschung alles Technischen ermöglicht der Geigerin einen Bogenstrich voll Saft und Kraft, der dem Instrument Töne von bestrickender Fülligkeit »und Süße entlockt. Aber diese souveräne Technik wird nie Selbstzweck, verliert sich nirgends in süßliche Tändelei. Denn Annie Steiger-Betzak besizt Stil und Gestaltungskraft. Sie spielte Mozart in edler wundersamer Gelöstheit und enthüllte den Reichtum des herrlichen Werkes in kristallener Klarheit. — Es folgte zum Schluß die mit Unrecht so vernachlässigte B-Dur- Symphonie von Schubert, deren quellende Melodik von den immer mehr mit seiner Aufgabe wachsenden Orchester — ein Speziallob auch den Bläsern — vortrefflich zu Gehör gebracht wurde. Erich Erck, dessen pädagogisches Talent in der Orchesterschulung hervortritt, bewährte sich auch als Dirigent. Erfreulich wiederum die ungekünstelte Frische und Natürlichkeit seiner Tempi, die Straffheit seiner Stabführung und die ausdrucksbetonte Gliederung und Belebung des Satzgefüges. Neuerdings hörte man im Museum ein Konzert des Münchener Jüdischen Vokalquartetts, dessen Zusammensetzung wahlbekannte Namen wieder in lebensvolle Erinnerung brachte. Da ist Kammersänger Dr. Paul Kuhn, der einstige hervorragende Mime und David der Münchener Staatsoper. Er hat sich die Regeln der Tabulatur, die er so manchem Junker Stolzing predigte, wohlbewahrt und seine künstlerischen Qualitäten kamen dem Ensemble sehr zu statten. Auch ist, wenngleich die Spuren zeitlichen Wandels nicht unbemerkt bleiben können, die stimmliche Leistung immer höchst respektabel. Dies zeigte sich vor allem bei den Schumann-Duetten für Sopran und Tenor. Emma Färber-Straßer und Walter Ries stehen ebenfalls aus ihrer Wirksamkeit an der Staatsoper in bestem Gedenken. Erstere vermochte namentlich als Solistin in den Brahmsliedern die Noblesse und das Ausdrucksvermögen ihres schönen Mezzosoprans darzutun. Und Walter Ries sang mit seines markanten Basses Grundgewalt Lieder von Schubert, bildhaft und gestaltungskräftig modelliert. Als Vierte im Bunde trat in Sonja Ziegler eine Sopranistin aufs Podium, deren gepflegtes, weiches Organ auf vorzüglicher Technik, auch im Koloraturbezirk, fundiert ist. Besonders fein ihr mezza voce. Die Künstlerin spendete zwei prächtige Gesänge von Mendelssohn, dessen Name damit zum ersten Male im Kulturbund auftauchte. Umrahmt waren diese solistischen Darbietungen von Brahms'schen Gesangs-Quartetten, der Schlußteil brachte den in Melodik und Kolorit so charakteristischen Zyklus „Zigeunerlieder". Die vier Künstler vereinten dabei ihre Stimmen in lebhafter Musizierfreude und boten viel Schönes. Nur kannl nicht verschwiegen werden — und das gilt auch von der im übrigen durch musikalische Sicherheit beherrschten Klavierbegleitung desKapellmeisters Jos>ef Ziegler —, daß man allzusehr in den Stärkegraden des Forte und Fortissimo schwelgte. Es fehlte an reicherer Differenzierung und Schattierung im Dynamischen. — Der äußere Erfolg war sehr stark, die Künstler wurden mit lebhaftem Beifall bedacht und mußten nach fast allen Nummern des Progamms Zugaben spenden. Mit dieser Veranstaltung beschloß wohl der Jüdische Kulturbund in Bayern seine erste „Saison". Nur in Kürze sei vorerst festgestellt, daß Erfahrungen in verschiedener Richtung gesammelt werden konnten. Es gab Stunden tiefer Weihe, die man dankbar genoß und die zur Aufrichtung führten, es blieben aber auch Entäuschungen nicht aus. Die Lehren hieraus sind leicht zu ziehen. Für den Ausbau des Kulturbundes ergeben sich dabei vor allem einige Kardinalforderungen: Jegliche Art von Dilettantismus ist auszumerzen, die künstlerische Leistung allein sei ausschlaggebend. Des weiteren soll man künftig das Wohlfahrtsmotiv gänzlich ausschalten; dies gehört in ein anderes Ressort. Und endlich wird man in der Ausgestaltung des Programms nach Möglichkeit immer mehr darauf zu achten haben, daß es sich um einen jüdischen Kulturbund handelt. M.