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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-06-15 · 12 (15.6.1934) · p. Seite 242

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
12 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Bayerische Israelitische Geniemdezeitung Nr. 12 Schüler sich feige vom Turnen drückt, damit er Zeit für geistige Tätigkeit, für Schreiben, Lesen und Lernen gewinne. Es dürfen nicht mehr die bestbenoteten Schüler die schlechtesten Turner sein. Auch der Gebildetste habe Achtung vor dem Wert leiblicher Stählung. „Gymnastik", so schreibt Gutsmuths im Jahre 1793, „ist Arbeit im Gewände jugendlicher Freude . . . . Arbeit, weil ihr Zweck keineswegs in unedlem Zeitvertreib zu suchen ist, sondern in Veredelung des Körpers zu sehen ist". Turnen und Sport sind nicht reine Muskelarbeit. Auch sie verlangen Tätigkeit des Gehirns. Nur werden andere Teile1, andere Zellen des Nervensystems beansprucht als durch den Beruf, die Schule, die häusliche Beschäftigung. So wird die turnerische und sportliche Betätigung, richtig bemessen, nicht allein den Muskeln, dem Herzen, der Lunge Erholung und Kräftigung bringen, sondern auch den Nerven nützen. Zu diesem organischen Nutzen kommt noch der seelische durch die Ausspannung angespannt gewesener Nerven, durch die Freude an der erzielten Leistung, wenn sie auch nicht sofort, sondern erst allmählich erreicht wird. Der Schwache, irgendwie Gehemmte, der geistig oder seelisch übermäßig Beanspruchte bedarf des turnerischen, des sportlichen Ausgleichs erst recht. Auch demjenigen, welchem beruflich viel an Muskelarbeit erwächst, ist Ablenkung durch die Übung anderer Muskelgruppen zu raten. Verschiedene Berufe verlangen verschiedengeartete Inanspruchnahme des Körpers und deshalb differenzierte Erholungs- und Kräftigungsmittel. Gibt es auch gute Übungsbücher mit schönen Bildern und leitet auch der Rundfunk früh morgens zur Gymnastik energisch an, so ersetzt das nicht die Anschauung, den Unterricht, das durch Geübtere gegebene Beispiel. Einzelne und kleine Gruppen können Nutzen von Gymnastikkursen haben, wie sie heute auch in unseren Kreisen von vortrefflich ausgebildeten Lehrkräften geboten werden, und dann zu Hause für sich in ihren Mußestunden ihren Körper durcharbeiten. Sie dürfen dann aber in ihrem Willen, -in ihrer Energie nicht erlahmen, die Zeit, welche immer da ist, zu finden. Haltungs- und andere Fehler erfordern bestimmte, für den Fall eingestellte Übungen am besten nach ärztlichen Ratschlägen, noch besser unter spezialärztlicher Überwachung. Für größere Gruppen, für die Allgemeinheit, dienen die Turnvereine, für uns jetzt der mit staatlicher Genehmigung neu geschaffene Turn- und Sportverein. Hier werden systematisch, zielbewußt nach anerkannten Regeln und Erfahrungen in Freiübungen und an Geräten, durch allerlei Sport Körper und Geist erholt, gekräftigt und gestählt, von Schlacken gereinigt und abgelenkt von des Tages Mühen und Sorgen. Es findet gewiß jeder und jede eine seinem Geschmack und seiner Verfassung entsprechende Abteilung. Was das Gesundheitliche anlangt, so wird .in allen Zweifeln der Hausarzt guten Rat geben, namentlich nicht ganz Festen oder Älteren. Bei beiden ist er nötig. Es gibt immerhin Erkrankungen oder Alterserscheinungen, bei welchen regelmäßige, stärkere körperliche Betätigung nicht ratsam ist oder mindestens Vorsicht erheischt. Gesundes Alter ist kein Hindernis. Der Leiter der Altherrenriege wird die richtigen Grenzen einhalten. Übermaß schadet immer, auch den Jüngeren, namentlich im Wettbetrieb, zu welchem nur eine ausgewählte Minderheit geeignet ist. In allen Turn- und Sportvereinen ist ein Sportarzt durah genaue Untersuchung und Überwachung, namentlich der Heranwachsenden, besorgt, daß des Guten im Ubereifer nicht zu viel geschehe, daß Ungeeignete ausgeschaltet werden. Die Leitung sieht bei Zusammenstellung der Riegen und Mannschaften darauf, daß nur annähernd an Leistung Gleichstarke, nach der Altersstufe Zusammengehörige miteinander oder gegeneinander wetteifern. So geregelte Wettkämpfe bringen keinen Schaden, wie es bei übertriebener, unsinniger Rekordstreberei geschehen kann. Daß Sportbefiissene, welche sich für eine bestimmte Sportart aus Liebhaberei oder Eignung entschieden haben, am allgemeinen Gymnastikbetrieb teilnehmen müssen (siehe Seite 210, Nr. 10 der Gemeindezeitung) ist eine Forderung, welche einseitigem und darum leicht schädlichem Sport vorbeugt und seit einigen Jahren in allen Sportvereinen aufgestellt ist. Gerne lese ich die für Kinder angesetzten Stunden. Diese Turnzöglinge werden nach meiner Überzeugung erheblichen Nutzen an ihrer Gesundheit verspüren. Mögen die Eltern von der gebotenen Gelegenheit eifrigst Gebrauch machen! Bei den Damen erfreut sich die rhythmische und die schwedische Gymnastik ja schon länger großer Beliebtheit. Doch ist auch hier ein systematisches deutsches Turnen in Freiübungen und am Gerät sehr zu empfehlen. Weiß man doch, daß alle körperlichen Funktionen des Weibes, einschließlich der besonderen fraulichen, durch Turnen und Soort günstig beeinflußt werden, vor allem die Zirkulation, die Blutbildung, die Atmung, die Verdauung, die Muskulatur, auch zu starke Fettbildung, wenn die Übungen dem Geschlecht entsprechend gewählt werden und Überanstrengung vermieden wird. Kommt zum Hallenturnen noch die gesundheitliche Förderung durch Wandern, Schwimmen, Rudern, Skifahren, werden Art und Umfang der körperlichen Betätigung je nach Alter. Beschaffenheit und Befähigung gewählt nach Vorschlägen der Turn- und Sportleiter, gegebenenfalls des Arztes, werden durch ein sachverständiges Training die Leistungen der Leistungsfähigen allmählich gesteigert, so ist Hoffnung und Gewähr gegeben, daß mit dem jüdischen Turn- und Sportverein sehr Segensreiches und Nützliches geschaffen wurde. Rosy Lilienfelds Bilder zum Baalschem Anlaß, hier auf die Arbeit der Frankfurter Künstlerin hinzuweisen, ist die Absicht der Jüdischen Buchvereinigung Berlin, ihre Illustrationen zu Martin Bubers Baalschem herauszugeben. Wie wir hören, ist zunächst ein erster Band, zum ersten Kreis der Legenden, mit 33 Bildern geplant; doch liegt bereits in 142 Blättern der ganze Zyklus fertig vor. Ein großes Unterfangen, die wundervoll reine Wortform, die Buber für den chassidischen Mythos fand, nun in wirklichen Bildern erstehen zu lassen! Es gehört eine sehr besondere Begabung dazu, die seltsame Einheit von Wirklichkeit und Wunder zu gestalten, die in dem Buche geheimnisvoll offenbar wird. Doch hat die Künstlerin diese Begabung. Sie wählt sicher eine gemäße Technik, Kreidezeichnung in einem tiefen warmen Schwarz, voll reicher Tonmöglichkeiten, aus dem die Helligkeiten sich lösen, sanft und leise oder jäh hervorbrechend, wie gerade die Situation es erfordert. Sie hat Gewalt, die Form einfach, ruhig und schwer zu halten oder vielgestaltig bewegt, manchmal lodernd und flammend. Zu solch formalem Rüstzeug kommt eine große Liebe zu dem Stoff und ein tiefer Respekt vor seinem Inhalt. Die Künstlerin hat selbst einmal im „Frankfurter Gemeindeblatt" (1933, 8) eindrucksvoll gesagt, was für Beweggründe sie zu der jahrelangen Arbeit an den Baalschembildern veranlaßten: Kunst nicht mehr als l'art pour l'art zu schaffen, sondern als den tiefen Ausdruck eines inneren religiösen Erlebens. Wie originell sie dabei auch Themen zu formen versteht, die immer wieder von Künstlern aller Zeiten mit heißem Bemühen umkämpft wurden, das zeigt ein Blatt zur Bibel: die Schöpfung; eine mächtige Hand nur, die Hand Gottes, zugleich aber in ihrer Form eine schöne Menschenhand, die aus den Gestirnen greift, um die Erde zu bilden.

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