Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 11 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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224 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 sitätsstudiums der Juden" und zeigt schließlich an einem Beispiel („Die jüdischen Doktoren der Universität Frankfurt a. d. Oder") Wert und Wichtigkeit der universitätsgeschichtlichen Quellen für die jüdische Personen- und Familienforschung, wobei zugleich die Methodik für die wissenschaftliche Aufschließung und Bereitstellung ähnlichen Urkundenmaterials deutlich gemacht wird. Es fehlt zu einer zusammenfassenden Darstellung dieses Gebietes noch an den nötigen monographischen systematischen Untersuchungen der einzelnen Universitäten, wenn auch schon bis heute, namentlich über die jüdischen Ärzte seit dem Mittelalter, eine erhebliche Anzahl teilweise wertvoller Spezialarbeiten vorliegt. Über alle hier in Frage kommenden minutiösen Einzelheiten des weit verzweigten Schrifttums gibt jetzt Kisch sorgfältig Auskunft. Mit den Beziehungen der Juden zu den Universitäten vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wird sich ausführlich ein eigenes Werk beschäftigen, das Kisch unter^dem Titel ,,'D iePrager Universität und die J u dien" im Herbst dieses Jahres veröffentlichen will. Dort sollen die 'Darlegungen der schon vorliegenden Arbeit weiter ausgeführt werden und mit vollständigen Quellen-und Literaturnachweisungen versehen erscheinen. Man darf auf diese Publikation gespannt sein. Der „E n t s t e h u ngdes deutsc he n B i 1 d u n g sp r i n z i p s"1 hat vor einigen Jahren der ausgezeichnete junge Frankfurter Pädagoge Hans Weil, den eben jetzt ebenfalls ein widriges Geschick von der Universität Frankfurt a. M. entfernt hat, ein ungewöhnlich aufschluß- und ergebnisreiches Buch gewidmet. Nur mittelbar ist daraus vieles, was uns nachdenklich macht, für das Bildungsideal des emanzipierten und sich „frei" wähnenden jüdischen Bürgers des 19. Jahrhunderts zu entnehmen. Guido Kisch gibt die Ergebnisse exakter Forschung über jüdische Bildungsbeflissenheit. Hans Weil ist dagegen schon früher in die Motivbildungen und Entstehungsgeschichte dieser jüdischen Ideale eingedrungen, ohne nach seiner ganzen Themastellung die spezielle jüdische Frage ausdrücklich zu berühren. Wir sprechen gerne von „Bildungskrise". Sie hat einen höchst triftigen Anlaß, der übrigens älter ist als die heutige schwere deutsch-jüdische Krise. Diese Wechsellage wird überwunden werden, das liegt im Wesen der „Krise", der „Wechsellage". Daß in dem Bildungsstreben der deutschen Juden ein uralter, ererbter, höchst legitimer Zug liegt, das lehren mehr als alle Bildungstheorien die historisch exakten Forschungen über die Teilnahme der Juden an den Universitätsstudien vom Mittelalter bis heute, worüber wir eben jetzt durch Kisch so wichtige neue Aufschlüsse erhalten. F. 1 Hans Weil, Die Entstehung des deutschen Bildungsprinzips (Schriften zur Philosophie und Soziologie, begründet von Max Scheler. herausgegeben von Karl Mannheim. XVI, 269 Seiten. Bonn, Verlag von Fr. Cohen 1930.). Aus dem Verbände Die Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft, das ist die Leitung des Bayerischen, des Württembergischen, des Badischen und des Hessischen Landesverbandes, versammelte sich mit dem Rat des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden am Donnerstag, den 10. Mai, im Sitzungssaal der Münchener Gemeinde zu gemeinsamer Beratung grundlegender Tagesfragen. Der Vorsitzende, Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neum e y e r (München) begrüßte alle Gäste herzlich, insbesondere auch den Vorsitzenden des Ausschusses der Reichs Vertretung der deutschen Juden, Ministerialrat Dr. Otto Hirsch. An sein Kommen knüpfte OstUGR. Dr. Neumeyer wichtige Bemerkungen über die grundsätzliche Stellung der süddeutschen Verbände zur Reichsvertretung: Von den Gemeindeverbänden im Süden und insbesondere vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden ist schon vor Jahren die Forderung nach einer Reichszentrale des deutschen Judentumes erhoben worden. Heute, da diese Vertretung besteht und die Notwendigkeit einer solchen Zusammenfassung aller Kräfte gewachsen ist, bejahen wir die Arbeit der Reichsvertretung und arbeiten freudig an ihr mit; den Plan einer „Reichsgemeinde", der eine Schwächung der Landes Vertretungen in sich schließt, lehnen wir ab. Ministerialrat Dr. Otto Hirsch dankte zunächst für den herzlichen Willkomm und erstattete hierauf einen eingehenden, anderthalbstündigen Bericht über die Arbeit der Reichsvertretung auf den verschiedensten Gebieten. Das Ziel der Reichsvertretung ist, nach außen in Würde die Stellung und Ehre des deutschen Judentums zu wahren, im inneren unter weitgehender Zurückstellung innerer Gegensätze für Einheit und Aufbau zu wirken. Der Redner schilderte die oft besonders schwierigen, viel Zeit und Mühe erfordernden Einzelmaßnahmen der verschiedenen Abteilungen und verweilte vor allem bei dem in bester Zusammenarbeit mit den übrigen Organisationen in Angriff genommenen Umschichtungs- und Siedlungswerk. Unter herzlichem Beifall der Anwesenden konnte der Vorsitzende des Ausschusses der Reichsvertretung feststellen, daß es der Zentrale gelungen ist, den Zusammenschluß aller arbeitswilligen Gruppen jeder Richtung zur gemeinsamen Bewältigung der Probleme des Tages in der letzten Zeit weitgehend zu fördern. Den Absichten, die Bedeutung der Landesverbände irgendwie zu verringern, erteilte auch Dr. Hirsch eine autoritative Absage. Der Arbeit der Schlichtungsstellie, welche von der Reichsvertretung erst vor wenigen Monaten gegründet wurde, gedachte der Redner abschließend. Die Reichsvertretung wird unbeirrt auch weiter daran arbeiten, daß es unserer 'Gemeinschaft weiter innerlich und äußerlich möglich ist, Juden in Deutschland sein und bleiben zu dürfen. Um diesen Weg zu gutem Ende gehen zu können, darf — das stellte 'Dr. Otto Hirsch unter sich stetig erneuerndem Beifall fest — die Reichsvertretung die Mitarbeit der Gemeinschaft wie jedes einzelnen verlangen! — In seinen Dankesworten erneuerte der Vorsitzende das Treuegelöbnis der süddeutschen Arbeitsgemeinschaft für die Reichsvertretung. In Solidarität, Würde und Gemeinsinn wollen wir weiter schaffen und wirken. Die Körperschaften berieten anschließend in geschlossener Sitzung.