Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 10 (15.5.1934)
- Date
- 1934-05-15
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 205 7 bester Freund ist ein Jurist, dessen Frau in Lemberg staatlich angestellte Ärztin von Ruf ist. Die Frau hat Geld und der Vater des Juristen noch mehr. Der Bursche hat eine der schönsten Tenorstimmen, die ich je hörte. Ein Jahr Ausbildung in Italien — und er wäre eine „Kanone". Er nimmt weder von der Frau noch von den Eltern einen Piaster, sondern arbeitet für 20 Piaster Tagelohn mit der „Turfa", einer Art Mittelding zwischen Spaten und Hacke, um am „Aufbau von Erez Israel" aktiv teilgenommen zu haben. Dabei sind diese Leute durchaus nicht religiös, keiner geht zur Synagoge, keiner betet. Ich versuchte, den Kerl mit folgendem Argument zu fangen: Wem Gott ein Instrument wie seine Stimme geschenkt hat, der begeht eine Sünde, mit der SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Turfa zu arbeiten und so das Gottesgeschenk zu mißachten. Er antwortet: Mit meinem Tenor kann ich nicht ein durch die Türken kaputtgemachtes Land wieder in die Höhe bringen. Er ist Gründer und Haupt (primus inter pares) seines Kibuz und will nicht fahnenflüchtig werden. Ich arbeite z. Zt. an der Stilisierung eines neuen Arguments: Er soll seine künftigen Tenoreinkünfte dem Aufbau des Landes zugutekommen lassen. Blumen und Garben Schewuoth mit Frauenaugen gesehen Als Israel noch ein stolzes Volk im eigenen Lande war, ein trotziges, streitsüchtiges, eigenwilliges Volk, da war am zweiten der drei Wanderfeste, an Schewuoth, die Weizengarbe das Sinnbild der Feier. Der Sommer war auf seiner Höhe, die kostbare goldene Tracht der Felder war gemäht. Brot lag als schwere reife Ähren auf der Tenne und wartete auf den Drescher. Für uns Juden in Deutschland fällt das Fest noch in die Frühe des wachsenden Feldes. Die Äcker tragen erst niedere grüne Halme, die Tage der Garben sind noch weit. Aber an ihrer Stelle schmücken Frauenbünde die Stuben des jüdischen Hauses mit den holdseligen Gaben des Frühsommers, mit den flammenden stolzen Pfingstrosen, mit lieblichen Maiglöckchen und mit den feierlich strengen Stengeln der blauen und gelben Schwertlilien. Und während der Sabbath sich in das Fest der Offenbarung hineinneigt, lesen wir als Wochenabschmitt, im Angesicht der vollerschlossenen Blüten, die Sidra „Ba'midbar" — in der Wüste... Wir haben keine Garben mehr zu bringen. Nur die Blumen binden uns und unsere Gedanken an die reiche tragende Erde, auf dem jedes erschaffene Wesen „nach seiner Art" Samen trägt und dem ewigen Gesetz des Schöpfers gehorcht. Nur Blumen sind an unserem Schewuothfest Gleichnis des Wachstums. Wir sagen: nur. Denn Blumen sind in unserem Leben wohl das einzige, was ganz „unnütz" ist, womit wir keinen Zweck, keine einzige materielle Absicht verbinden können. Sie sind nur schön. Für sie gilt uns das „gut" nicht, das wir jeder Frucht als Bezeichnung geben ikönnen. Sie sind nicht gut oder schlecht. Sie sind einfach da, sind schön. Vielleicht ist es darum, daß sie uns immer als das Einheitliche, das Vollkommene zu erscheinen vermögen; wir haben vor ihrem blühenden Angesicht kein Verlangen mehr, zwischen Gut und Schlecht zu unterscheiden. Wir sind noch einmal zurückgekehrt in den Garten des Anfangs und ruhen wieder in den Händen Gottes. Und Blumen, nur Blumen sind uns die Festzeichen zu Schewuoth, zu dem großen, geheimnisvoll großen Fest der Offenbarung. An Schewuoth stellen wir neben die Blumen noch nicht die Frucht, wie an Sukkoth, nur ihre Schönheit, ihr Einssein, ihr gottnaher Friede sind für uns da. Und wie sie vor uns stehen und lieblich duften, steigt es aus ihnen wie vom Lied der Lieder, kommt es herauf wie Lobpreisung Israels: „Du bist wie eine Rose von Saron — wie eine Lilie im Tale--". Durch die dumpfen, qualbelasteten Jahrhunderte der Ghetti zog das Bild der Blume als Sehnsucht, als Hoffnung, als Bekenntnis. Denn so herrlich und beglückend die Blüte ist — ihr Sinn heißt Frucht, ihre Bestimmung will die Garbe. Die Rose Israels, die Lilie im Tale hat das nie vergessen. Noch in der Wüste wurde das Gesetz gegeben, das die künftigen Weizenfelder der Fülle zum Besitz Gottes macht. In der Wüste schon, vierzig Jahre vor der Landnahme wird Israel auf das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet, werden die Feldecke, die nicht gemäht werden dürfen, die vergessenen Garben, die herabgefallenen Ähren den Bedürftigen des Landes als ihr Recht und Anteil zugesprochen. Die künftige Fülle und mit ihr aller Reichtum in Israel erhält seinen Sinn erst durch das Geben. Gabe bindet den Menschen an seinen Bruder, die Gabe erst umschließt die Menschen in Gemeinschaft, ist Ausdruck der Liebe. In der Wüste wurde das Gesetz gegeben. In der Dürre wird das Leben gekräftigt, vorbereitet, geartet auf künftige Blüte hin, auf künftige Garben und ewige Aussaat. Nicht umsonst erzählt die Haftara gerade des Sabbaths vor Schewuoth von der heiligen Mutterschaft, auf die sich das Weib Manoahs, die Mutter Simsons auf die kostbare Gabe vorbereitet die sie dem Volke in sich dem schaffenden Leben entgegen reifen darf. Die Mütter in Israel dürfen an diesem Tage mit dem Stolz des Dienens die Stirnen heben —das „Du sollst" des Gesetzes reiht ganz Israel in diese holde Frauenpflicht, zu blühen und zu tragen und edle Frucht zu bringen. Das Gesetz, das wir auf uns nehmen durften, gehört der Welt. Eine heilige Mutterschaft ist auf Israel gelegt, ein großes Tragen und Hoffen. Um ihretwillen muß es durch die schweren Tage der Wüste — sie mag Sinai heißen oder Galuth in tausend immer anderen, immer gleichen Formen —, es muß durch die Tage des Wartens und Sichbereitens — um der Gabe willen. Blumen stehen am Fest der Gesetzgebung in unseren Stuben, schmücken die Häuser unserer gemeinsamen Gebete. Aber ihr Sinn, ihr Sinn heißt Frucht und Garbe — und die sie einst binden werden, binden sie nach dem Gesetz, nicht für sich, sondern für eine erlöste Welt. Dr- Martha Wertheimer. Frankfurt a. M. \ \