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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-05-01 · 9 (1.5.1934) · p. Seite 185

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 185 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindez eitung 185 Geburtstag „beim vollen Glase" und gab seiner Freude über, den Gabirol-Artikel5 Ausdruck, fand ihn aber nur im Ganzen gut und hatte im einzelnen manches auszusetzen. „Sie hätten sollen den Sinn des Gabirol möglichst tief geschöpft und verdeutlicht im Ganzen und Größen geben und dann zeigen, daß und wie weit er mit mir zusammenstimmt." Mehr hatte Schopenhauer nicht zu sagen. . Versuchen wir nun in aller Kürze nachzuholen, was Asher nach Schopenhauers Ansicht versäumt hatte: nicht darum handelt es sich, die allerdings zuweilen verblüffende Ähnlichkeit der Aussprüche beider Denker festzustellen, sondern ihr System gegeneinander abzuwägen und dann erst die Frage zu beantworten, ob Gabirol tatsächlich und nicht nur „gewissermaßen" ein Vorgänger Schopenhauers gewesen ist. Wir sind dabei der Mühe, die Grundzüge der Lehre Schopenhauers noch einmal aufzurollen, dadurch enthoben, daß sie Asher in der eingangs erwähnten Abhandlung: „Arthur Schopenhauers Ansicht über Musik" nach dessen eigenem Zeugnis vortrefflich wiedergegeben hat. Das revoltierende Prinzip bei Schopenhauer war, daß er den Kern des Menschen nicht in das erkennende Bewußtsein, sondern in den Willen verlegte. Er sprach dem bis dahin vergötterten Intellekt nur die bescheidene Rolle des Dieners zu: der Intellekt ist Werk -und Werkzeug des Willens. Der Wille ist der eigentliche Mensch. Nun findet sich allerdings auch in Gabirols „Lebensquelle" L, 2, der Satz: „Der Wille ist die göttliche Kraft, die alles hervorbringt und alles bewegt". Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß Gabirol in scharfem Gegensatz zu Schopenhauer den Gottesbegriff unangetastet läßt. Nicht der Wille ist für ihn die erste Substanz, sondern Gott. Alles, was ist, von der zartesten Blüte bis zum Menschen, ist nach Schopenhauer nur der sichtbar gewordene Wille, bei Gabirol dagegen eine Form der Materie, in welcher der Schöpfer sich widerspiegelt. Während bei Schopenhauer sich auch in der kleinsten und unbedeutendsten Erscheinung der Wille vollständig offenbart, schwächt sich bei Gabirol die Kraft Gottes in seinem Werk ab; d. h. Gabirol vermochte die menschliche Unvollkommenheit und Bedürftigkeit mit der Größe und 5 „Blätter für literarische Unterhaltung" 1857, Nr. 52 Hans Falladas Der "jüngste Roman Hans Falladas ist uns von neuem ein Beweis dafür, daß nicht der große Stoff und nicht die Formschönheit allein den Wert der Dichtung bedingen. Das aus den Tiefen des Menschlichen zum Licht Gehobene, das erschütternd Gültige der sogenannten kleinen Dinge (die in Wahrheit von den großen Dingen nicht zu trennen sind), Vorgänge, die täglich um uns sind, und die wir nicht beachten, weil sie „alltäglich" sind — das alles ist igebannt und beschworen in dieser Dichtung Falladas, die den unpoetischen Titel trägt: „W e r einmal aus dem' Blechnapf frißt" (Emst Rowohlt Verlag, Berlin). Es ist die Geschichte des Strafgefangenen Willi Kufalt, und der Dichter nennt ihn mit Recht einen „beschatteten Bruder des kleinen Mannes Pinneberg". In beiden Schicksalen wird die Möglichkeit eines sozialen Aufstieges gesucht: Pinneberg findet ihn. schließlich — Kufalt nicht. Durch eigene Schuld? Nein — durch unsere Schuld. Nicht unsere Schuld ist es, daß Kufalt auf die schiefe Bahn und ins Gefängnis gerät (das ist seine Sache und er trägt die Konsequenz wie ein Mann). Daß dieser Kufalt aber nach Abbüßung seiner Strafe trotz seinem ehrlichen Wollen und trotz seiner Anstrengung den Anschluß an die menschliche Gesellschaft nicht mehr findet und in den. Niederungen jener verbleibt, welche die Gesellschaft einmal von sich gestoßen hat; daß sein brennender Wunsch, ein Bürger — im besten Sinne! — zu werden, eine Existenz, ein Heim und eine Familde zu gründen, ein Traum bleibt: daß er schließlich dorthin zurückkehrt, von wo er mit seinen Illusionen aufbrach, um etwas zu werden — das ist nicht seine Schuld, sondern die der anderen, die von ihm abrücken und ihn verkommen lassen- „Kleiner Mann, was nun?" Die Frage gilt für Pinneberg genau so wie für Kufalt. Dieser ist vorbestraft, jener hat nur Pech KOSTÜME . KLEIDER . MÄKTEIi. PELZE Allmacht Gottes nicht in Einklang zu bringen und schloß daraus, daß zwischen Gott und der Schöpfung noch ein Mittler liegen müsse, der sein Wirken wohl zwar von Gott herleitet, aber sich gleichsam von ihm trennt, um jene Ausstrahlung hervorzurufen, durch die alles Seiende entsteht. So ist es zu erklären, wenn Gabirol gleich zu Beginn der „Lebensquelle" I., 7, ausführt: „Die erste Substanz ist die Ursache, Wirkung ist die Materie und die Form, der Wille ist der Vermittler zwischen beiden." Es war. gewiß ein tiefsinniger Gedanke Gabirols, die gesamte Materie, also alles, was ist und um uns wirkt, der unmittelbaren Verbundenheit mit Gott zu entkleiden und den Schöpfer durch einen Sendboten seine Kraft entfalten zu lassen. Durch ein Bekanntes soll der Mensch zum Unbekannten und Unerforschlichen emporsteigen. Der Wille soll die Brücke sein, die vom Unendlichen zum Endlichen führt. Dieser Wille ist bei Gabirol das Gerüst am Bau der Welt, bei Schopenhauer ist er die Welt selbst. Bei Gabriol ist der Wille „wie die Seele im Körper", bei Schopenhauer ist der Körper nichts anderes als der in die Erscheinung getretene Wille. Gabirol sucht den Willen außer uns, ist er doch sozusagen ein Attribut Gottes, Schopenhauer findet ihn in uns selbst und mit dem Urgrund aller Dinge identisch. So gleicht Gabirol einem Seemann, deraus der Ferne eine geheimnisvolle Insel sieht und manches über sie zu berichten weiß, aber erst Schopenhauer hat sie betreten und wirklich erforscht. neuer Roman gehabt, aber sein Ehrenschild ist rein. Darum findet er gute Menschen, die ihm hinaufhelfen. Es ist der Grundgedanke des neuen Buches von Fallada, daß der entlassene Strafgefangene Willi Kufalt der guten Menschen mehr bedarf als der kleine Mann Pinneberg. Fallada zeigt, daß nicht etwa die Strafe, die gewiß hart ist, den Häftling verdirbt, trotzig und verbittert werden läßt. Im Gegenteil: fünf Jahre Gefängnis waren für Kufalt Erziehung und Gelegenheit zur Selbstbesinnung. Er ist kein hoffnungsloser Fall, er ist vorbereitet, nach der Entlassung ein anständiger und brauchbarer Mensch zu werden. Alles wäre gut gegangen, wenn die „Freiheit" seinen guten Willen nicht zerstört und seine ehrlichen Vorsätze nicht zur Illusion gemacht hätte. In der knappen Einführung zu seinem Roman schreibt Fallada diese Sätze: „Kein Geschwätz von Humanität für Strafgefangene, sondern Arbeit für Strafentlassene. Keine öde berufsmäßige Betreuung, sondern Verständnis. Keine Gnade, sondern Strich drunter, und zeige, wer du bist." Damit ist alles gesagt. Nur noch einige Wforte zu diesem Buch als Dichtung: Der Roman ist das Unkonventionellste, das man sich nur vorstellen kann, er vermittelt keine angenehme Lektüre und keine nur unterhaltende. Er ist eine gewiß quälende, aber eine — und darauf allein kommt es an — aufwühlende und wahrhaftige Dichtung. Fallada ist mutig. Er redet um sein Problem nicht herum und macht dem Leser zuliebe keine Redensarten. Er wagt es, unibeschönigt ein Stück Leben herauszuschälen aus der trägen Masse des Alltäglichen. Er hält uns dieses Stück Leben dicht, ganz dicht vor Augen und sagt zu uns: so ist es — habt ihr darauf schon einmal geachtet? Darin liegt das Verdienst des Dichters, das größer ist als nur die Tatsache, einen hervorragenden Roman geschrieben zu haben. Manfred Stur mann.

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