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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-05-01 · 9 (1.5.1934) · p. Seite 184

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 184 (sequence 8)
Language
German
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184 Bayerische Israelitische '(Jcmeinclczciiun^ Nr. 9 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig # UtßtßMer S Cmh.%. tnündiea. tmXamtlal „fons vitae". (die Lebensquelle), die im Gegensatz zur Philosophie des Aristoteles, die bekanntlich die Denkweise des Mittelalters im höchsten Grade beherrschte, den neuplatonischen Standpunkt vertrat. Das arabische Original dieses Buches war schon-im Mittelalter längst verloren gegangen; nur eine lateinische Übersetzung hatte sich erhalten. Der Verfasser, der nach dem Inhalt seines Buches ein Dichter und Philosoph zugleich sein mußte, war aus den Schriften Thomas von Aquins und Albert des Großen unter dem Namen Avicebron bekannt. Jahrhundertelang wußte man von ihm nicht mehr als den Namen, der ebenso geheimnisvoll schien wie sein Werk. Da darin ein allgemeines philosophisches System ohne jede Beziehung zum Judentum und seiner Lehre entwickelt wurde, vermutete niemand in dem Verfasser einen Juden.1 Auch der Umstand, daß die fons vitae in ihren 5 großen Teilen nur dreimal auf Plato zurückführte, aber keinen einzigen Bibelvers und kein Zitat aus dem Talmud enthielt, wies nicht im Geringsten auf die jüdische Herkunft dieses Denkers hin. Es schien daher soviel gewiß, daß man es hier mit den metaphysischen Spekulationen eines arabischen Christen zu tun habe. Gerade das Geheimnis, das über der Person „Avicebrons" schwebte, machte das Buch besonders reizvoll und interessant. Erst 1846 löste der berühmte Orientalist Salomon Münk (1803—67)2 dieses Rätsel. Mit der Herausgabe eines Kataloges der hebräischen Handschriften in der damaligen kaiserlichen Bibliothek zu Paris beschäftigt, fand er dort die von Schemtob Ibn Falaquera in hebräischer Sprache abgefaßten Auszüge eines Mekor Chajim (Quell des Lebens) betitelten Traktates, in welchem Münk sogleich die dem Avicebron zugeschriebenen Gedanken wieder erkannte. In dem Vorwort dieser Auszüge nennt Falaquera (ein Gelehrter aus dem XIII. Jahrhundert) Salomon Ibn Gabiroi oder Abu Gabirol (daher die Verstümmelung des Namens in Avicebron) als den Verfasser des Werkes, das in arabischer Sprache geschrieben und dessen Hauptteile von ihm (Falaquera) wortgetreu ins Hebräische übersetzt worden seien. Dieser literarische Fund, von welchem Münk erstmals der Gelehrtenwelt in den „Literarischen Blättern des Orients" 1846, Nr. 46, Kenntnis gab, erregte um so größeres Erstaunen, als Münk auch noch in der Lage war, die 1 Wir folgen hier und im weitern den bei aller Gedrängtheit ausgezeichneten Darlegungen von Prof. Dr. Josef Klausner in der Encyclopaedia Judaica, 7. Bd., S. 1 ff 2 Salomon Münk war auch sonst einer der bedeutendsten Menschen seiner Zeit. Nachdem er, aus Glogau stammend, die Universität in Berlin verlassen mußte, weil er als Jude keinen Lehrstuhl erhalten konnte, begab er sich nach Paris und suchte auf dieser Reise in Weimar Goethe auf, der diesen Besuch in seinem Tagebuch notiert hat. In Paris war Münk zunächst Hauslehrer bei Rothschilds; später galten seine Hauptstudien der jüdisch-arabischen Literatur der Juden im Mittelalter. 1865 wurde er, obwohl völlig erblindet, als Nachfolger Renans Pror fessor für das Hebräische im College de France (vergl. Jüdisches Lexikon, V. Münk.). . . Daten genau anzugeben, welche die Identität Avicebrons mit Salomon Ibn Gabirol außer allen Zweifel setzten.3 Schon in dieser unten erwähnten Veröffentlichung hatte Beer darauf aufmerksam gemacht, daß Salomon Ibn Gabirol in gewisser Beziehung ein Vorläufer Spinozas und Arthur Schopenhauers sei: „Alles konzentriert sich in ihm nach der Substanz; auch das Geistigste ist nicht ohne Materie. Gott besteht daher nicht in der Intelligenz, denn dies wäre mit Materie untermischt, sondern eigentlich im Willen". Solche Gedankengänge ließen Schopenhauers begeisterten Verehrer David Asher aufhorchen. Sofort sandte er den „Blättern für literarische Unterhaltung", die ebenfalls im Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig erschienen, eine Zuschrift, in welcher. er in Kürze auf die auffallende Ähnlichkeit hinwies, welche das System des Gabirol mit dem Arthur Schopenhauers schon, bei dem oberflächlichen Blick darbiete. Verehrungsvoll fügte er bei, daß von einem Plagiat selbstverständlich nicht die Rede sein könne. Es ist begreiflich, daß Asher ebenfalls unverzüglich daran ging, Schopenhauer von der wichtigen Entdeckung Münks in Kenntnis zu setzen. War doch durch diesen Gabirol, der bis dahin nur als der große spanisch-jüdische Dichter des-XI. Jahrhunderts bekannt war, auch als Philosoph ins rechte Licht gesetzt worden. In der Tat schien seine Ubereinstimmung mit den Grundgedanken Schopenhauers erstaunlich. Leider besitzen wir die Briefe Ashers an seinen Meister nicht mehr, wir wissen daher nur, daß dieser ihm am 15. Juli 1857 antwortete: „Was Sie über den Gabirol sagen, finde ich fast ebenso, nur ausführlicher, im Centraiblatt vom 11. Juli; so daß ich glauben würde, diese Recension sei von Ihnen: aber sie ist B. B. unterschrieben,4 auch ist mir nicht bekannt, daß Sie für dies Journal schreiben. Jedenfalls steht sie mit Ihnen in Verbindung. Ich möchte wohl das Buch sehen, wie weit eine Übereinstimmung mit mir darin geht. Aber noch mag ich es nicht kommen lassen; wir werden wohl noch mehr davon hören: vielleicht kauft es hier die Bibliothek. Mir ist alles Hebräische und Islamische eigentlich antipathisch." Kurz darauf las Schopenhauer die vorerwähnte Zuschrift Ashers an die „Blätter für literarische Unterhaltung". „Auf den Kredit dieses Artikels" ließ er sich den Gabirol kommen und fand — „ein grausam langweiliges Buch". Es hatte Schopenhauers Unbehagen erregt, weil man nie recht wisse, wovon er eigentlich rede. Trotzdem war Schopenhauer objektiv genug, um Asher folgendes zu bestätigen: „Allerdings kann er als mein Vorgänger angesehen werden, da er lehrt, daß der Wille alles in allem ist, tut und macht." „Aber", schrieb Schopenhauer weiter, damit sei auch seine ganze Weisheit zu Ende, denn er lehre es nur so in abstracto und wiederhole es tausendmal. „Zu mir verhält er sich wie ein Nachts unter dickem Nebel leuchtender Glühwurm zur Sonne." Wiederum spürt er von seinem Geiste bei Gabirol einen Hauch: „Nichtsdestoweniger hat er doch die richtige Einsicht gefaßt, sogar p. 7 auch das Daseyn der objektiven Welt bloß, in der Erkenntnis des Subjects: nur daß er in der Dumpfheit und Armuth bleibt. Freilich ist es seiner Zeit und Lage anzurechnen : — und dann die zweifache Übersetzung schwächts ab." Trotzdem muß diese Antwort für Asher eine schwere Enttäuschung bedeutet haben; er hatte nach seinen eigenen schönen Worten gehofft, Schopenhauer davon zu überzeugen, daß das Judentum, aus dem ja auch Spinoza hervorgegangen, der freien Forschung keineswegs Eintrag tut und den Ingrimm nicht verdient, mit welchem er es bekämpft hat. Aber trotz Gabirol blieb" Schopenhauer unerbittlich. Es ölst ein rührendes Zeugnis für den' Wahrheitsdrang und die Begeisterungsfähigkeit Ashers, daß er trotz dieser Ablehnung sich von der ihm großartig erscheinenden Parallele Schopenhauers mit Gabirol nicht abbringen ließ und noch zu Weihnachten des gleichen Jahres (1857) wieder in den „Blättern für literarische Unterhaltung" eine eingehende Studie „Salomon Ibn Gabirol in seinem Verhältnis zu Arthur Schopenhauer" herausbrachte. Diese Studie fand indes noch weniger den Beifall Schopenhauers; er dankte ihm am 25. Februar 1855 für die Glückwünsche zu seinem 70. 3 Vergl. B. Beer „Literarisches Centralblatt" für Deutschland 1857, Nr. 28. * Sie stammte von dem vorgenannten Bertold Beer.

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