Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (1.5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 183 Schopenhauer und Gabirol Ein Gedenkblatt an David Asher Von Dr. Hans Taub Im Frühjahr 1818 erhielt der Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig eine merkwürdige Zuschrift. Ein junger, gänzlich unbekannter Schriftsteller, der, wie er selbst gestand, keineswegs daran dachte, „den Bescheidenen spielen zu wollen", bot darin dem Verlag sein Erstlingswerk an, von dem der Verfasser sagte: „Mein Werk ist also ein neues philosophisches System: aber neu im ganzen Sinn des Wortes: nicht neue Darstellung des schon Vorhandenen: sondern eine im höchsten Grad zusammenhängende Gedankenreihe, die bisher noch nie in irgendeines Menschen Kopf gekommen." Dieses Werk war Arthur Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung". Bis an sein Lebensende hielt Schopenhauer an der Uberzeugung fest, daß mit ihm eine neue Ära des menschlichen Denkens begonnen habe. Sie war der Stolz seiner Jugend und der Trost seiner Einsamkeit. Wohl erkannte er die Indier, Plato und Kant als seine Vorgänger an, aber nur in d e m Sinne, daß sie ihm Wegweiser zu seinem Ziele waren. „Ich habe den Schleier der Wahrheit weiter gelüftet als irgendein Sterblicher vor mir", so schrieb er einmal in sein Tagebuch und wehmütig fügte er bei: „aber den will ich sehen, der sich rühmen kann, eine elendere Zeitgenossenschaft gehabt zu haben als ich". Es ist in der Tat die Tragik im Leben Schopenhauers, daß sich erst 20 Jahre nach dem Erscheinen seines Werkes die ersten Menschen meldeten, denen er etwas gegeben hatte und mit Begeisterung auf ihn aufmerksam machten. Der Bedeutendste von diesen ersten Jüngern war der aus Bojanowo in Posen stammende Julius Frauenstädt, den er später zum Erben seines literarischen Nachlasses einsetzte. Dem kleinen Häuflein seiner Verehrer gesellte sich 1855 ein jüdischer Lehrer der englischen Sprache in Leipzig hinzu: Dr. David Asher. Mit einem „offenen Sendschreiben an den hochgelehrten Herrn Dr. Arthur Schopenhauer" war er als einer der ersten für seinen Meister eingetreten. Ein Jahr darauf veröffentlichte er in einer damals neu erschienenen Zeitschrift „Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft" (herausgegeben von Dr. Franz Brendel), eine Abhandlung über „Arthur Schopenhauers Ansicht über Musik". Die Persönlichkeit des Verfassers dieser Abhandlung wird am besten dadurch beleuchtet, daß ihm Schopenhauer, nachdem er sie zum zweitenmal gelesen hatte, schrieb: „Vor allen Dingen will ich Ihnen noch nachträglich die Versicherung geben, daß, so Viele auch schon über meine Philosophie geschrieben haben, noch keiner das eigentliche Grundverdienst derselben so deutlich und bestimmt hervorgehoben hat, wie Sie in Ihrem Aufsatz über meine Musik." David Asher hatte sich dieses Ehrenzeugnis, mit dem Schopenhauer auch seinen Jüngern gegenüber nicht gerade verschwenderisch war, wohl verdient. Auch heute, nach fast 80 Jahren, kann das Neue und Wesentliche an der Lehre Schopenhauers nicht schöner und eindringlicher dargestellt werden, als es damals durch David Asher geschah. Wenn Schopenhauer für sich den von ihm mehrfach zitierten Satz von Vauvenargues in Anspruch nahm: „la clarte est la bonne foi des philosophes", so gilt dies auch von seinem Schüler, der das Englische ebenso zu meistern schien wie die deutsche Sprache. Hören wir ihn selbst: „Das Endresultat der Kantischen Philosophie, wenn es kurz und prägnant ausgedrückt werden soll, war der die menschliche Erkenntnis so demütigende, aber höchst folgenreiche Satz oder Gedanke, daß wir nur die Erscheinungen der Dinge (phänomena), nicht aber das Ding an sich (noumenon) zu erkennen im Stande sind. Der Fichtesche Idealismus, die Schellingsche Identitätsphilosophie und das Hegeische Absolute verdanken diesem Satze ihre Entstehung; während aber diese verschiedenen Systeme nach- und ebeneinander sich die Herrschaft streitig machten, und man besonders dem Hegeischen fast allgemein huldigte, hatte Schopenhauer im Stillen und unbeachtet den großen Gedanken Kants zu Ende gedacht und den Schleier gelüftet, welcher jenes Ding an sich für unser geistiges Auge bis dahin verdeckt hatte. Es ist bemerkenswert und für die Unvollkommenheit des menschlichen Intellekts, wie hoch auch der Grad, den er erreicht, bezeichnend, daß Kant, der so glücklich entdeckt und so richtig nachgewiesen hat, wie wir selbst die Erscheinungen der Dinge nur vermöge unserer eigenen uns innewohnenden (a priori) Ideen von Raum, Zeit und Kausalität zu erkennen imstande sind, nicht im entferntesten daran gedacht, daß wir auch für die andere Seite der Welt, für das Ding an sich, den Schlüssel in uns tragen. Man war aber seit Cartesius und seinem cogito, ergo sum zu sehr von dem Wahne befangen, im Intellekt alles suchen zu müssen, als daß selbst ein Kant sich ganz hätte davon befreien können. Indessen mochte er, nach seinem fruchtbaren Gedanken, den er wie ein Samenkorn in den deutschen Boden geworfen, wo er wuchernd autging, eine Ahnung gehabt haben, daß wir doch noch auf einem anderen Wege zur Erkenntnis des Dinges an sich gelangen könnten — Schopenhauer schrieb sein unsterbliches Werk: „Die Welt als Wille und Vorstellung", kehrt die Ordnung der Dinge um, indem er dem Willen das Primat zuerkennt und dem Intellekt nur eine sekundäre Stellung einräumt, und bricht somit den Zauber, der die Geister gefesselt hält. Alle Philosophen, sagt Schopenhauer, haben geirrt, indem sie den Intellekt als das Prius (Erste) angenommen haben, nach ihm ist es der Wille, dieses innere, wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen, welches jedoch an sich selbst bewußtlos ist. Er, der Wille, ist das Erste, der Intellekt das Zweite. Der Wille ist metaphysisch, der Intellekt physisch, d. h. Erzeugnis des Gehirns. Der Wille, der sich in allen Wesen gleich bleibt, während der Intellekt nicht nur unter den verschiedenen Wesen, sondern auch unter den Menschen selbst einer großen Verschiedenheit, Gradation, unterliegt, ist ihm das Ding an sich — in uns selbst es erkennen, erkennen wir auch die Welt als Wille; die Dinge aber, ja -unser Leib selbst, in denen der Wille in die Erscheinung tritt, sich objektiviert, sind allein durch unsere Vorstellung bedingt und bilden die Welt als Vorstellung. Während nun der Wille, d. h. der bewußtlose, nicht von Erkenntnis geleitete Wille das unveränderliche in allen Dingen bleibt, objektiviert er sich doch stufenweise, nach dem principio individuationis und tritt die Welt der Erscheinungen, oder die Reihe der Wesen, von den großen Himmelskörpern bis zum Menschen, in welchem der Intellekt als Leuchte des Willens zur höchsten Entwicklung gedeiht, in unsere Vorstellung ein und umgaukelt sie gleichsam, als wären sie selbst das wahre, ewig Seiende. So senkt sich der Schleier der Majah (wie die alten Inder es bezeichnen) über unsere Augen, und verhüllt uns das wahre Wesen der Dinge". Das Interessante an dieser einsichtsvollen Darstellung ist nun, daß Asher seine grandiose Ansicht, alle Philosophen vor Schopenhauer hätten sich darin geirrt, daß sie das Prius des Menschen in den Intellekt verlegten, während nach Schopenhauer das ens realissimum („das innere wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen") der Wille ist, ein Jahr später nicht mehr aufrecht zu halten vermochte. Wie kam dies? Er hatte sich inzwischen zu der Erkenntnis durchgerungen, daß sich dieser Grundgedanke der Lehre Schopenhauers schon bei Salomon ibn Gabirol findet. Es hing dies mit folgendem zusammen: Nicht nur Bücher, auch diejenigen, die sie schreiben, haben ihre Schicksale. Zu den bedeutendsten Werken der mittelalterlichen Scholastik zählte ein umfangreiches Buch WANNER & HECHT HOF-SCHNEIDER DIENERSTRASSE 9/1 Die besten Anzüge und Mäntel von 198.— RM. an.