Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (1.5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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182 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 'Itoeieclri Wtftn^> Von tttartin 2Suber ÜDer jübifd>e tt?enfd> von ^eute ift ber inner* li<£ ausgefeijtefte WTenfd> «nferer Welt. ÜDie Spannungen bes Seitaltere; I>aben fxc|> tiefen punft erfe^en, um an ii>m il>re 2$raft $u meffen. 0ie wollen erfahren, ob ber WTenfä) ii>mn nod> jti wiberftet>en vermag, unb erproben fity am 3uben. Wirb er ftanbljalten? TDtrb er in 0tü<Je ge^en? @ie wollen burd> fein Sc^tdfal erfahren, wae e8 um ben tt?enfd>en ift. @ie mafytn t)erfud>e mit bem 3uben, fte verfugen il>n. -Seftel>t er'e? . . . ittxoaz ift gefd>el>ett. Btatt bes einen TDefens, an bem bie 0pan» nungen bes Zeitalters ftcf> auelaffen wollten, fmb swei 3u flauen, — ein serfallenbee unb ein unbedingtes, dritte, bas ^id>t auegibt wie ein p^oep^orefgierenber ©umpf,unb eins, ba« SLifyt ausgibt wie ber (Drion. 3tber biefes ftel>t für jene« ein. tiefes fagt pon jenem: 2)as bin i<£. ftretf t ftc^ über es I>in, es beert es, es bulbet, was bulben ift. Unb wenn eure probe beftanben fein wirb, Spannungen bes Zeitalters, werben ni^t mei>v jwei ba fein, fonbern einer, ber Ueberwinber. Zeit, in welcher der Joseph-Roman spielt, eine Zeitwende, die den Vorgängen ein besonderes Zwielicht gibt, ein Kunstgriff, wie ihn der Norddeutsche Thomas Mann nach dem Vorangehen des Norddeutschen Hebbel hier am folgerichtigsten anwendet. In diesem Rahel-Joseph-Dienst, der ja bei Jaakob nur eine andere Form von Gottesdienst ist, leben noch Vorstellungen von doppelgeschlechtlichen babylonischen Gottheiten. (Und wie Hebbel ein künstlerisches Prinzip zuweilen auf die Spitze treibt so Thomas Mann, wenn er am Schluß des zweiten Bandes das Motiv der doppelgeschlechtlichen Gottheit noch einmal aufnimmt und Jaakob über seine Brust meditieren läßt, die durch Altersfett weibliche Formen angenommen hat!) Wie Jaakobs Ahn Abraham den „Höchsten" zu seinem Herrn erkor, so Jaakob, dessen ganzes Leben um Gott kreist, das Vollkommene — das sich ihm in menschlicher Gestalt offenbart. Eine Art Götzendienst des Gottsuchers, welche Gefahr und Verantwortung des „individuellen" Weges zu Gott aufdeckt! Bei Joseph, der doch auch ein Laban-Enkel ist, äußert sich das Heidnische in seiner Verehrung des Adonis-Kults, in seiner Vorliebe für jene orientalische Vegetationsgottheit, deren Tod und Auferstehung das Werden und Vergehen der Natur symbolisiert. Der Glaube an Adonis tröstet Joseph in der Grube, er fühlt sich als Träger des Adonis-Schicksals; des Dichters Realismus erspart dem Leser keine der Scheußlichkeiten von Josephs Situation, als er gebunden in der Höhle liegt, aber nach drei Tagen wird er gerettet, ist er auferstanden und Rüben findet die Stätte leer. Wir erinnern uns aus dem ersten Bande, daß der Dichter einen biblischen Vorgang stets als Spiegelung eines anderen zeigt, ein Verfahren, das an die schmale Grenze führt, an der Mythos und .Realität sich scheiden. Wie er Jaakobs Trauer um Joseph und sein Rechten mit Gott so darstellt, als nähme er das Leid Hiobs vorweg, so scheint er in der Parallele von Adonis' und Josephs Auferstehung die christliche Passionsgeschichte als eine Spiegelung orientalischer Mythen andeuten zu wollen. Bei aller Verehrung für ein Werk, dessen künstlerische Werte voll auszuchöpfen noch Generationen zu tun gibt, es ist wohl etwas gesuchte Überbetonung, wenn Juda für den Verkauf Josephs erst „dreißig Silberlinge" verlangt (zwanzig erhalten sie, wie schon in der Bibel steht) und wenn Juda seinen Bruder auf die Wange küßt, um den ismaelitischen Käufern zu zeigen, wie wert ihnen dieser „Sklave" wäre! Juda muß nämlich — das ist wieder eine herrliche bukolische Szene — den Gegenstand vor dem Käufer heraufloben, nachdem ihn Dan entwertet hatte, als er vor den Käufern die Mißhandlung Josephs zu rechtfertigen versuchte. Kompositorisch fein wiederum ist es, daß die Brüder Josephs Schleiertuch mit dem Blute eines Tieres färben, das sie für das Mahl schlachteten, mit dem die Parteien den Kauf feierten. Unser — künstlerischer — Einwand richtete sich gegen das Vortreiben der Josephslegende in die christliche Legende. Daß Thomas Mann die nachbiblische jüdische Legende nicht unberücksichtigt läßt, ist jedoch durch das Thema und die Art seiner Behandlung bedingt, und wir finden Ähnliches in den biblischen Romanen von Edmond Fleg, „Moses" und „Salomo". Daß der trauernde Jaakob einen Golem in Josephs Gestalt schaffen und ihm Leben einhauchen will, ist eine der unzähligen Feinheiten des Buches. Wir sehen dem Dichter in seiner Werkstatt zu, wenn wir auf eine andere Stelle hinweisen: die Bibel erzählt von einem Manne, der Joseph den Weg weist, als er seine Brüder sucht; in der nachbiblischen Tradition ist dieser Mann ein Engel; bei Thomas Mann ist es jener Engel, mit dem Jaakob rang; ihn findet Rüben, als er Joseph retten will, auch am Brunnen, aus dem die Medianiten ihn bereits herausgezogen haben. Ein Wort noch über den Engel und den Brunnen! Das Mittel, mit dem der Dichter den Dämon gestaltet, ist Ironie, eine Form der Distanz, durch die er Großformatigkeit schafft. Als eine andere lernten wir die unendliche Spiegelung kennen. Sie wendet er an, indem er Joseph in einen Brunnen werfen läßt, — in der Bibel steht nur: eine Grube ohne Wasser; ein Brunnen spielte in der Geschichte von Abrahams Nachkommen eine Rolle: Rebekka und Elieser, Rahel und Jaakob. (Sollen wir Moses und Zipora vorwegnehmen?) Ironie wie Unendlichkeit sind romantische Eigenschaften. Wenn Thomas Mann darauf hinweist, daß das Wort für „Brunnen" auch „Gefängnis" und „Totenreich" bedeutet, kennzeichnet er in romantischer Ironie eigene Kunst, wie er sie in dieser Schöpfung anwendet: er umschreibt mit diesem Hinweis die Tiefenschicht hinter der äußeren Wirklichkeit. (Wenn er Josephs Erwähltheit und sein Schauspielertum, seine Attrattiva und seine Selbstgefälligkeit eindringlich macht, modelliert Thomas Mann eine Gestalt zwischen den Gegensätzen, wie er seinem Geschehen zwischen den Gegensätzen von Mythe und Wirklichkeit Raum gibt.) Wir erwähnten in der Einleitung, daß der Dichter auch den Bedingungen der großen Form entspricht: ein Beispiel genüge. Am Anfang unterweist der älteste Knecht Elieser den jungen Joseph in der orientalischen Urreligion, in der babylonischen Sternkunde. Am Schluß, an der Stelle, die kompositorisch mit dem Anfang korrespondiert, spricht Jaakob zu Elieser den Wunsch aus, einen neuen Joseph zu zeugen — und der Alte macht ihn darauf aufmerkasm, daß selbst mit gleichem Schoß gleiche Zeugung nicht möglich sei, da die Sternenstunde nicht wiederkäme. Von der kleinen Form, von der Verzahnung gingen wir aus: wir schließen mit den Verzahnungen, die auf den dritten Band hinweisen: Josephs Liebe zu Benjamin, der einprägsam Ausdruck gegeben wird. Und Jaakobs Vorsatz, daß Benjamin, der letzte Rahel-Sproß, sich nicht mehr aus seiner Umgebung entfernen dürfe — in jenem wunderbaren Kapitel, in dem die Brüder das schlechte Gewissen um die nutzlose Tat plagt und Jaakob sie mit verwundenden Worten peinigt, als wisse er um ihren Mordversuch. Dr. Lutz Weltmann. M. ilLBEBTHAC «& CO. KAI7FINGERSTRASSE lO Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren