Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (1.5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Blicken die Bitte zu lesen: „Lieber Mann, ich habe jetzt einen. Weg zu gehen, auf dem ich mir Ihre Begleitung verbitten muß .. ." Es ist die „weltkluge Weise einlas sonst rechtschaffenen Mannes" — wie er sie auch sonst schon oft erlebte. Dann aber wendet er sich zu Lessmgs Bilde, als dem Bilde des „einzigen Mannes, an dem er seit mehr als dreißig Jahren keine Spur von dieser Gesinnung wahrgenommen, der allezeit ungeteilten Herzens, ganz sich selbst gleich blieb .. ." Als wir das Bäumersche Buch lasen, mußten wir bei mancher Stelle an Herder denken. Wo aber ist der Lessing von heute?! Dr. Bertha Badt-Strauß Die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung der Haifa-Bay Die unbestrittene Zukunft Palästinas liegt in der Hafenstadt Haifa begründet. Der nach Marseille größte Mittelmeerhafen, der Knotenpunkt für die Petroleumiinie Irak-Palästina, der Ausgangspunkt für den Überseehandel, alles das läßt die immer größer werdende Kenzentration auf Haifa erklärlich erscheinen. Berühmt und bekannt seit alters her ist die weit über Haifa nach Akko und von dort bis nahe an die syrische Grenze reichende Bucht, die weit in das Innere des Landes hineinragend, die Hafenstadt Palästinas mit dem Emek Jesreel verbindet, die Haifa-Bai. Frühzeitig hat das jüdische Volk die Bedeutung dieses Landstriches für die Entwicklung von Landwirtschaft und Industrie erkannt und so ist es zu erklären, daß der Jüdische Nationalfonds den weitaus größten Teil dieses Bodens, etwa 20 000 Dunam (1 Dunam 1000 qm) in seine Hände gebracht hat. Nur verhältnismäßig kleinere Landstriche befinden sich in privaten jüdischen Händen, die aber den gleichen Zwekken nutzbar gemacht werden wie der K-K.L.-Boden, nämlich der Landwirtschaft und Industrie. Es ist durchaus nicht einfach, einen Pachtvertrag mit dem Jüdischen Nationalfonds — denn dieser Boden ist unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes und kann von seinem zentralen Bodenerwerbsfonds, dem K.K.L., nur weiter verpachtet werden — abzuschließen- Ängstlich wacht er über sein Terrain, um jedwede Spekulation, die ja heute im Lande so geläufig ist, zu vermeiden. Aber nicht immer ist die zurückhaltende Stellung für die Entwicklung dienlich. Manch einer, der zum besten des Landes mit der Produktion beginnen möchte, ist durch die eigenartige Vorsicht des Verpächters am rechtzeitigen Beginn gehindert, versäumt Zeit, und Zeit bedeutet in Palästina mehr noch als anderswo Geld. Eine sehr wichtige Frage ist seit der deutschen Alijah und der damit verbundenen ansteigenden Wirtschaftslinie in Palästina die Siedlungsfrage geworden. Von Monat zu Monat stiegen die Mietpreise für Wohnungen an und sie erreichten schließlich eine in keinem Verhältnis zu der Ausstattung der Wohnung stehende Höhe- Man zahlt heute für eine Zweizimmerwohnung in der Stadt mit Bad und Küche nahezu 120 RM.. ein für europäische Verhältnisse bereits unangemessen hoher Mietzins. Um dem abzuhelfen und insbesondere einen Teil der Einwanderer, deren Interesse nicht unbedingt mit der Stadt verknüpft sind, dem Lande näherzubringen, hat der Keren Kajemeth ein Gelände von etwa 1200 Dunam in der Haifa-Bai zur Gründung von Vorstadtsiedlungen zur Verfügung gestellt. Hier sollen auf der Fläche von 1—2 Dunam Zwei- oder Dreizimmerhäuschen zum Preise von 300—400 Pfund für Familien errichtet werden, wobei zugleich auch die Einrichtung einer kleinen Hauswirtschaft (Geflügelstall mit Geräten, Gemüsegarten, Dünger usw.) betrieben werden soll. Der Zweck ist der. diejenigen Siedler,' die an der Ausübung einer größer angelegten Landwirtschaft hauptberuflich durch irgendwelche Gründe verhindert sind, aus der Stadt und den zu teuren Lebenshaltungskosten herauszubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, in der Nähe der Stadt die Wohnungs- und Unterhaltungskosten auf ein Minium herabzudrücken. Dabei wird natürlich davon ausgegangen, daß der Mann durch irgendeine Beschäftigung in der Stadt oder auf dem Land mit einem Verdienst von 6—7 Pfund monatlich * Mit diesem Aufsatz setzen wir unsere Palästina-Berichterstattung eines deutschen Auswanderers fortdie Existenz seiner Familie vollkommen zu sichern früher oder später in der Lage sein wird- Ein Vorbild für diesen Plan, der bereits eifrig betrieben wird und zu dem sich ungefähr 50 Familien verpflichtet habeni, ist in der schon vor längerer Zeit gegründeten Arbeitersiedlung in der Haifa-Bai zu erblicken, wo auf Boden des K.K.L. einige Hundert Zwei- und Dreizimmerhäuser für arbeitende Mitglieder der sozialistischen Gewerkschaft (Histadruth) Palästinas errichtet wurden, die zu einem ganz billigen monatlichen Mietpreis Arbeiterfamilien zur Verfügung gestellt sind, mit dem Ziel, daß sie nach Ablauf einer gewissen Frist -in das Eigentum dieser Arbeitersiedler fallen. Insoweit ist also den Interessen derer gedient, die in nicht allzuweiter Entfernung von der Stadt (mit dem Autobus 20 Minuten) ein halb landwirtschaftliches, halb städtisches Leben zu führen wünschen. Daneben besteht in demselben Gebiet für landwirtschaftliche Siedlergruppen die Möglichkeit, auf etwa 20 Dunam (8 Morgen) bewässertem Boden eine intensive Wirtschaft mit Gemüsebau, Milchwirtschaft und Geflügelzucht zu betreiben. Allerdings muß hier ein Kapital von ungefähr 900 Pfund investiert werden, wozu noch eine Kapitalreserve notwendig ist, um in den ersten zwei Jahren einen Facharbeiter zu beschäftigen und einen Zuschuß zum Lebensunterhalt zu haben- Auch hier bestehen bereits Parallelen. Es hat nämlich bereits auf demselben Gelände, allerdings auf eigenem Boden, eine Siedlergruppe auf privatwirtschaftlicher Basis eine Landwirtschaft in diesem Stil begonnen, über deren Erfolg sich allerdings heute noch nichts berichten läßt. Eins steht hier jedenfalls fest, daß der Häuserblock, den sich diese Gruppe von ungefähr 10 Familien hingestellt bat, derart unzureichend war, daß er jetzt wohl wieder abgerissen werden muß- Der Küste näher, also im äußeren Teil der Bucht, liegen diejenigen Gelände, die der industriellen Betätigung vorbehalten sind. Hier hat der K.K.L. zu Anfang ganz erhebliche Schwierigkeiten gemacht; denn er wollte durchaus nicht den Boden zu anderen als landwirtschaftlichen Zwecken verpachten. Aber die Verhältnisse waren hier wieder einmal stärker. Im Verlauf des letzten Halbjahres wurden von der Regierung mehr als 50 Konzessionen zur Errichung von Fabriken kleineren und größeren Formates im Haifaer Gebiet erteilt. Diesem Druck beugte sich auch der Jüdische Nationalfonds und nach mehr oder weniger großen Schwierigkeiten 'gelang es einem Teil der Unternehmer, sich bis zu 2 und 3 Dunam Boden zur. Errichtung seiner Fabrik zu sichern. Mancher allerdings wollte sich nicht erst unnützen Schwierigkeiten aussetzen und baute auf eigenem, in unmittelbarer Nähe liegendem Boden, da diejenigen Landstriche,, die dem K.K.L. gehören, von denen, die privater Besitz sind, nicht hermetisch abgetrennt sind, sondern es häufig der Fall ist, daß K.K.L-Boden und privater Boden unmittelbar nebeneinander liegen. Ein geradezu fieberhaftes Bauern hat in den letzten Wochen gerade auf .dem Industriegelände eingesetzt. Wenige Fabriken stehen und arbeiten bereits. So eine Marmorstein-. Lampen- und Stahlmöbel-, sowie eine Mineralwasser- und Limonadenfabrik, alle drei sind Unternehmungen größeren Umfangs. Im Bau begriffen sind einige größere Tischlereien und Schlossereien, sowie eine Eisfabrik- Wäschefabrik, Schuh- und Lederfabrik, ejne Eisengießerei und eine Essenzfabrik,