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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-05-01 · 9 (1.5.1934) · p. Seite 179

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 Lebensweg durch eine Zeitenwende Gertrud Bäumer, Lebensweg durch eine Zeitenwende (Rainer Wunderlich Verl. Tübingen). Gertrud Bäumer war in den ereignisschweren letzten Jahrzehnten eine der Führerinnen der deutschen Frauenbewegung. Wer immer an der Sache der Frauen mit ihren Erfolgen, Kämpfen und Rückschlägen Anteil nahm, der kannte ihr scharfgeschnittenes, aber niemals weiblicher Anmut ermangelndes Profil und schätzte ihr klares, kluges Urteil. Daß diese Kämpferin der Frauensache ein wahres Frauenherz für Kinder, Blumen, kleine Lebensdinge besitzt, das wußte jeder, der ihr einmal gegenüber trat; mitFreuden hatte man es erst kürzlich wieder in dem entzückenden kleinen Bändchen „SonntagmitPia Monik a" (Verl. Herbig, Berlin) beobachten können. Nun aber erzählt diese Frau von ihrem Lebenswege; und man horcht auf. Mit Recht nannte sie dies Buch „Lebensweg durch eine Zeitenwende" —denn sie hat wohl mehr als einmal im Leben das Oberste zu unterst sich kehren sehen. Als sie erwuchs, da galt es noch für Lebensberuf der Frau, handarbeitend daheim zu sitzen und auf Bällen sich den Gatten zu ertanzen; ihr ganzes Streben galt der Befreiung der Frau aus den Fesseln des Bürgertums und der* Erschließung neuer Arbeitsgebiete im sozialen und wissenschaftlichen Leben. 'Dies Leben ist wahrlich „zweier Zeiten Schlachtgebiet". . Und dennoch ... keine Dämonen erstehen aus diesem Boden. Geister des Aufbaus walten über diesem Leben, seit sie damals als Mitarbeiterin des Pfarrers Naumann in die politische Arena trat. Der sozialen Erneuerung Deutschlands galt die Arbeit dieses übervollen Frauenlebens. Zu diesem politischen Ziele aber trat die Arbeit für Fraiienerziehung und Frauenberufe. Und alle anderen Ziele umspannte schließlich ihr Wirken für Frieden unter den Völkern. Nichts kennzeichnet die Vielfalt dieser Arbeit deutlicher als die Schilderung ihres Doktorexamens: am selben Tage fand in der Philharmonie die große „Friedensversammlung" statt, Vertreterinnen verschiedener Länder stellten vor einem sichtlich ergriffenen Publikum von Tausenden das Ziel auf... aber die junge Doktorandin mußte aus ihrer Sektion hinüber zur Universität laufen und die mündliche Prüfung ablegen . . . und kam dann ein wenig später wieder zur Versammlung zurück. Der Ausbruch des Weltkrieges stellt diesem Friedenswirken schwere Aufgaben. Gertrud Bäumer hat sie in vorbildlicher Weise durch die Gründung und Ausgestaltung des „Nationalen Frauendienstes" gelöst. Auch in den schweren Jahren der Nachkriegszeit, als ihr wichtige politische Aufgaben der Mitarbeit gestellt wurden, ist sie niemals müde geworden, auf dem alten Felde zu arbeiten. Und heute hält sie sich an der Reichstagsrede des deutschen Reichskanzlers aufrecht, die „eigne glühende Vaterlandsliebe als Grundlage für die Achtung der Andern" bezeichnet und von dem aus tiefinnerstem Herzen kommenden Wunsche spricht, mit den Nationen in Frieden zu leben. Neben diesen kulturell höchst bedeutenden Bildern aus den letzten fünfzig Jahren erscheinen in diesem reichen Buche menschliche Bilder von großerTiefe und Schönheit. Die königliche Gestalt der Helene Lange taucht auf, mit der jahrlange Lebens- und Arbeitsgemeinschaft die Jüngere verband; neben sie tritt der Freund Friedrich Naumann, der heute vielleicht allzu früh vergessen worden ist. Manchen ihrer Mitarbeiterinnen und Freundinnen wird ein schlichtes und lebendiges Denkmal gesetzt. Und dennoch .. bleibt „zur Freude uns die Klage und ein leiser Schmerz in dankbarer Brust". — Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland ist ohne die Geschichte der j ü d i - sehen Mitarbeiterinnen nicht zu denken; grade G. Bäumer haben diese Frauen sich oft helfend und tätig an die Seite gestellt, wie man etwa in A. v. Harnacks Geschichte der Frauenbewegung nachlesen kann. Gewiß, auch in diesem Buche werden Frauen wie Alice Salomon und Josephine Lev.y-Rathenau mit ihrer Tatkraft und ihrem praktischen Verstand kurz erwähnt. . . allzu kurz, wie es dem erscheint, der sich daran erinnert, welch überragende Rolle diese Frauen in den ersten Kriegswochen spielten. Aber bei Ika Freudenberg, der mit inniger Liebe Gezeichneten, wird Wert darauf gelegt festzustellen, daß ihre Familie „nicht jüdisch" war. Und an mancher Stelle wird jüdisches Mitwirken geflissentlich verschwiegen] so z. B. wenn von der eindrucksvollen Kundgebung berichtet wird, durch welche die Ausstellung „D i e F r a u i n H a u s u n d Beru f" (1912) alle auch außerhalb des Bundes stehenden Kreise ergreifen sollte: Vertreterinnen der drei Konfessionen sollten hier über die Frau im religiösen und kirchlichen Leben sprechen. Damals hielt die Jüdin Bertha Pappenheim einen vielfach umstrittenen Vortrag; bei G. Bäumer suchen wir ihn vergeblich, während wir die schicksalsvollen Worte der katholischen und evangelischen Vertreterinnen ausführlich behandelt finden. Ein Zufall? Wir werden irre daran, wenn wir bei dem bedeutungsvollen „Weltkongreß für freies Christentum", den Karl Schräder veranlaßte und ermöglichte, zwar Vertreter des Judentums einmal erwähnt, aber den damals grade von christlichen Theologen vielbeachteten Vortrag von Hermann Cohen verschwiegen finden. Als Moses Mendelssohn in Pyrmont mit Johann Gottfried von Herder zusammentraf, von dem er freundschaftliche Briefe erhalten hatte, meinte er zu fühlen, daß der „Dechant" den Berliner Juden ein wenig von sich entfernen wolle. Der menschenkundige Mann nahm Herder das weiter nicht übel; denn er glaubte in seinen Küchenmeister Weinessig I für Salate und zum Einmachen. Magister München7 H

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