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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-05-01 · 9 (1.5.1934) · p. Seite 178

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (1.5.1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Kampf um Israel Von Martin Buber Wie im Jahr 1927 und 1930 tritt am 9. Mai d. J. Martin Bub er wieder vor die Gemeinde München. Eine Formel über diese jüdische Persönlichkeit könnte ihr nur Abbruch tun. Sein Werk ist nicht „geläufig" zu machen. Seine Bibelübersetzung ist einer der auf lange Sicht verfaßten ganz großen jüdischen Schriftkommentare. Durch Bubers Werk „Königtum Gottes" ist mit einer arteigenen Bibelwissenschaft im jüdischen Geist der Anfang gemacht worden. Mit der Sammlung seiner Reden und Schriften 1921—1932, die unter dem Titel „Kampf um Israel" im furchtbaren Jahr 1933 (wie fast alle neueren Bücher Bubers im Schocken-Verlag in Berlin) erschien, ist dem deutschen Juden das jüdische Buch der Zeit, das ihn aufrüttelt und tröstet, geschenkt worden. Daraus bringen wir im Nachfolgenden einen kurzen Abschnitt. Der bevorstehende Vortrag sollte Anlaß sein, sich mit dem Werk Bubers eindringlich zu beschäftigen. Durch Hans Kohn. und zwar in dessen Werk „Martin Buber. Sein Werk und seine Zeit. Ein Versuch über Religion und P o 1 i t i k" (Schocken-Verlag), hat die Lebensarbeit Bubers weit über das Biographische hinaus eine liebevolle Nachzeichnung und Deutung erfahren. Wogegen und wofür kämpfen wir, wenn! wir ,.um Israel" kämpfen? Der Kampf geht zunächst gegen die Geläufigkeit und für die Besinnung. Das Antlitz Israels ist nicht bloß innenher von Pein und Entartung entstellt, sondern auch außenber mit Schlagworten und Parolen übermalt, so daß kaum noch da und dort einer weiß, wTas Israel ist, keine „Idee" nämlich, sondern ©ine Wirklichkeit, freilich eine verborgene Wirklichkeit. Um zu ihr vorzudringen, bedarf es einer kritischen Intuition, einer Umschmelzung der geläufigen, ihrem Gehalt nach fragwürdig gewordenen Begriffe; es bedarf der Besinnung auf das Wahre und Wesenhafte. Sodann geht der Kampf gegen die Trägheit und für die Erfüllung. Der Trägheit muß ich auch jene hohen Grade zuzählen, auf denen man sich mit den Ergebnissen der Intuition einrichtet, ohne täglich neu über sie zu erschrecken und von ihnen betroffen zu werden. Wem Israel ein bequemer Tischgenosse ist, der hätte es besser nie geschaut. Wer aber weiß, daß solche Schau nicht ihr Ende in sich hat, sondern eine Erfüllung fordert, dem ist nicht vorzuschreiben', wTie sie beschaffen sein soll. Ich scheide die Juden letztlich nicht in A-isten, B-isten und C-isten, sondern in jene, die mit ihrem Leben Israel ernstnehmen, und in jene, die das unterlassen. Alles andere ergibt sich daraus. Israel ist nicht „wie alle Völker", aber es ist ein Volk. Es darf nicht entrechtet bleiben unter den Rechtsinhabern, und wer das erkannt hat, der muß sich dafür einsetzen, daß ihm Recht werde. Es darf nicht unbehaust bleiben unter den Behausten, und wen das angerührt hat, der muß dazu helfen, daß das Haus erstehe. Aber was sich ergibt, ist mehr als dieses Allfereinfachste. Man kann nicht sich auf Israel — und das heißt: auf dessen Einzigkeit — besinnen und zugleich die jüdische Sache nach allen Regeln gemeinnatioalistischer Strategie und Taktik behandeln. Man kann nicht Israel — und das heißt: dessen Auftrag — ernstnehmen und zugleich viermeinen, das jüdische Volk brauche nur wieder Herr in seinem eigenen Haus zu werden, gleichviel wie diesesHaus geführt werde, und alles würde von selber gut. Der Kampf um Israel ist nicht ein Kampf um Selbstherrlichkeit, sondern ein Kampf um die Leistung des Gehorsams. Man liebt es uns vorzuhalten, wir vernachlässigten die „soziologischen Kategorien"; wir sähen zum Geist empor, in die Wolken, statt die irdische Not, die uns umgibt, zu betrachten. ... Uns Kämpfern um Israel fällt es nicht bei, d'en diese Not Leidenden „statt Brotes Äther" (gleichviel, Äther des Himmelsraums oder das Betäubungsmittel des gleichen Na- Martin Buber mens) zu reichen. Wie ich, wenn ich mich mit einemErw7erbslosen über Gang und Sinn seiner Existenz unterrede, ihm damit nicht einbilden will, eine Änderung seiner Erkenntnis würde eine Änderung seiner Lage bedeuten, so kann, wenn ich die Juden, die mich hören und lesen, aufrufe Israels inne zu werden und von ihm aus zu leben, damit nicht gemeint sein, wenn sie das täten, wäre die Krisis überwunden. Aber wie durch jene Unterredung — glückt es nur an den Kern eines sich preisgegeben dünkenden Daseins zu rühren — bewirkt werden kann, daß dieser Mensch in eine geänderte B eziehung zu seiner Lage komme, so> kann eine Wiedererweckung des lebendigen Israel in den bedrängten, ratlosen Seelen sie mit einem erneuten Vertrauen zum W'eg, mit einem erneuten Mut zum Dennoch-Bewältigen des anscheinend aller Bewältigung Widerstrebenden begaben. Daß jemand in einer Krisis steht, ist eins; ein andres ist, wie er in ihr steht. Jenes mag man von den „Verhältnissen" und den „Bedingungen" ableiten, dieses, das Fünlklein, wird vom Geist allein entzündet. Im Kampf um Israel waltet der Geist; nicht der Herrscher Geist, der in beruhigteren Zeiten unbeirrt auf den Höhen reinen Denkens thront: der Helfer Geist, der auf den Markt geht und zugreift.

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